Coronakrise / Technik-Branche

"Die Branche muss an einem Strang ziehen"

Mit dem Gastgewerbe und Caterern spüren die Hersteller der Großküchentechnik die Auswirkungen der Corona-Krise hautnah.
imago images / HRSchulz
Mit dem Gastgewerbe und Caterern spüren die Hersteller der Großküchentechnik die Auswirkungen der Corona-Krise hautnah.

Das Jahr 2019 lief gut für die Großküchentechniker. Die Stimmung und die Aussichten für 2020 versprachen viel nach einem auftragsstarken Start ins neue Jahr. Dann der erste harte Corona-Schnitt: die abgesagte Internorga. Wie geht es den Spezialisten der Großküchentechnik? Eine Momentaufnahme.

"Wir sind mit einem tollen 1. Quartal gestartet. Dann brachten der April und Mai Auftragsverschiebungen. In den Segmenten HoReCa und Marine gingen die Aufträge um rund 40 Prozent zurück", berichtet Manfred Kohler, Geschäftsführer Produktion & Vertrieb bei Spültechnik-Spezialist Hobart in Offenburg. "Health Care wiederum", sagt er, "verzeichnet ein Plus, aber auch große Projekte für Schulen und Institutionen laufen natürlich weiter."
Manfred Kohler, Geschäftsführer Vertrieb und Produktion, Hobart
Hobart
Manfred Kohler, Geschäftsführer Vertrieb und Produktion, Hobart

Als deutlich wechselhaft beschreibt auch Christian Frieß, Direktor Marketing-Kommunikation DACH bei Rational, die Situation: "Die aktuelle Lage führt bei unseren Kunden verständlicherweise zu einer extrem hohen Unsicherheit. Der Markt vieler unserer Kunden ist über Nacht kollabiert." Betriebe der Gemeinschaftsverpflegung seien beispielsweise sehr unterschiedlich betroffen, die gastronomischen Angebote im Lebensmitteleinzelhandel verzeichneten jedoch beispielsweise hohen Bedarf. Im Gegensatz dazu seien Restaurants und Hotels weiterhin mit am stärksten betroffen. "Die Auswirkungen der Krise haben sich bis auf wenige Ausnahmen nun weltweit niedergeschlagen, die Umsatzrückgänge sind deutlich. Verlässliche Prognosen lassen sich derzeit aber kaum treffen", fasst Frieß zusammen.

Asien ging voran

Export-orientierte Player, für die der asiatische Markt in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hatte, haben die ersten Auswirkungen der Corona-Pandemie im März gespürt. Einerseits, weil die Gastronomie vor allem in China schließen musste. Andererseits, weil viele wichtige Elektronikteile aus Asien beziehen. Risiken und mögliche Lücken in der Lieferkette mussten abgefedert werden, um die laufende Produktion zu sichern. Die Folge: höhere Logistik- und Materialkosten sowie erhöhte Lagerbestände. "Zum Glück werden die meisten unserer Steuerungskomponenten in Deutschland produziert. Noch bevor die Versorgung mit Komponenten europäischer Hersteller kritisch werden konnte, haben wir unsere Lagerbestände hochgefahren", erläutert Kohler. 
Global breit aufgestellt zu sein, hat erhebliche Vorteile, wie Senior Vice President EMEA und APAC Welbilt, Phil Dei Dolori erläutert: "Einer unserer Vorteile ist, dass wir in Sheffield für den europäischen Markt und in China für den asiatischen Markt herstellen." So konnte man je nach Lage und Bedarf die Produktion verlagern. Speisenlogistiker Hupfer mit Produktionsstätten in England und Deutschland ist indessen froh, in den vergangenen Jahren in Robotik investiert zu haben. So könne die Produktion vor allem für den Krankenhaus- und Pflegeheimsektor gut aufrechterhalten werden, auch bei pandemie-bedingt niedrigem Personalstand.

Die Internorga fehlt allen

Christian Frieß, Direktor Marketing-Kommunikation DACH, Rational.
Rational
Christian Frieß, Direktor Marketing-Kommunikation DACH, Rational.
Neben den Auftragsschwankungen belastet die Hersteller die abgesagte Internorga als wichtige Networking- und Vertriebsplattform – verschärft noch durch die anschließenden Kontaktbeschränkungen. Nicht nur ist der personelle, vertriebliche und finanzielle Input für die Messe "verloren". Er musste komplett neu erbracht werden, erläutert Christian Frieß von Rational: "Nach sechs intensiven Wochen präsentieren wir unsere Innovationsreihe nun nach neuer Regie." Doch trotz allen technischen Fortschritts findet der Marketingexperte, lässt sich das Leben der Branche nicht vollständig digitalisieren. "Unsere Fachhandelspartner freuen sich bereits wieder auf den persönlichen Austausch." So stellt sich auch der Beschäftigungsgrad einzelner Bereiche sehr unterschiedlich dar: "Vor allem die Vertriebsorganisation und vertriebsnahe Prozesse befinden sich in Kurzarbeit. Die Lage wird jedoch monatlich neu bewertet." Zusammengefasst entstehen im Moment sehr starke negative Effekte in allen Ländern, wegen der nahezu vollständigen Unmöglichkeit der aktiven Marktbearbeitung.

International aufgestellte Player schätzen die soziale Absicherung in Deutschland, wie Dei Dolori von Weltbilt betont. In Amerika beispielsweise seien die Arbeitgeber allein gefordert. Dazu Manfred Kohler: "Die aktuelle Kurzarbeit ist für Hobart völlig neu und gab es bisher so nicht. Der HoReCa-Bereich ist nur zu 40 bis 50 Prozent ausgelastet. Die Gehälter werden jedoch teils bis 90 Prozent aufgestockt." Mit dem Mutterkonzern Illinois Toolworks in den USA im Hintergrund sei man sehr gut positioniert mit solider Liquidität. Auch in den USA seien die Gehälter aller Mitarbeiter bis in den Juni gesichert.

Schulungen werden digitalisiert

Damit die nötigen Informationen intern wie extern reibungslos fließen, sind Online-Medien das Mittel der Wahl. Rational ersetzt Kundenbesuche unter anderem durch eine Webinar-Reihe. Hobart nutzt die Zeit, seine Kundendienst- und Vertriebsmitarbeiter intensiv online zu schulen. Auch Fachhandelspartnern und Endkunden werden Webinare mit einem breitem Themenspektrum angeboten.

In einem sind sich alle einig: Die Branche muss jetzt zusammenstehen und den Weg durch die Krise gemeinsam angehen. Licht am Ende des Tunnels leuchtet bereits jetzt in einzelnen Bereichen von Europa. Manfred Kohler: "Wir unterstützen unsere Kunden derzeit mit Services rund um die Wiederinbetriebnahme der Geräte, bieten eine Cash Back Aktion und Finanzierung bei Neukäufen." Fachhandel, Gastronomen, Caterer und Industrie sollten sich als Partner verstehen. "Das Gastgewerbe ist mit am härtesten und womöglich auch am längsten betroffen", findet auch Christian Frieß: "Nach einer ersten Schockstarre habe ich jedoch den Eindruck, dass die Lebensgeister unserer zuletzt boomenden Branche erwachen." 

Welbilt hat sich für sein Erste-Hilfe-Paket aus der Krise einen angesagten Slogan gegönnt: #ZusammenSchaffenWirDas. Es will vom Multi-Outlet-Betreiber bis zum kleinen Café den Weg vom "Lock Down" zum "Open Up" aufzeigen, zugeschnitten auf die Bedingungen der einzelnen EMEA-Länder.


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