Buchtipp

Abrechnung mit deutschem Essverhalten

Droht den Deutschen der kulinarische Weltuntergang? Wenn sie so weiter machen wie bisher, schon, glaubt Ullrich Fichtner, Spiegel-Reporter und Autor des Buches ’Tellergericht’. Satt, dick, ratlos angesichts des enormen Überangebots, unempfindlich gegenüber Gaumenfreuden und Geschmacksgenüssen, dafür aber leicht durch echte oder vermeintliche Skandale zu verängstigen, so sieht der zweimalige Kisch-Preisträger unser Volk am Beginn des dritten Jahrtausends und prophezeit ihm ein Ende in ernährungspsychologischer Unmündigkeit, manipuliert von Industrie und Fast-Food-Ketten. Flott und fesselnd geschrieben, konfrontiert ’Tellergericht’ den Leser mit allerlei unangenehmen Wahrheiten über die Essgewohnheiten in den Industrienationen, über industrialisierte Massen-Produktionsmethoden, die das Wohl von Tieren ebenso wie das der Konsumenten komplett zu Gunsten des Profits außer Acht lassen. Über unfähige Politik, kriminelle Machenschaften und ’Geiz-ist-geil-Mentalität’, die sich den Karibikurlaub und das neueste Hightech-Handy buchstäblich vom Munde abspart. Und an allem, was sonst noch schief läuft in der Welt, ist auch irgendwie unser Esserverhalten schuld - schreckliche, kaputte Wohlstandswelt, in der der Liter Milch immer noch so viel kostet wie 1976. ’Tellergericht’ fällt kein gerechtes Urteil über unser Essverhalten, denn das müsste ausgewogen sein. Das Bild, das Fichtner in Michael-Moore-Manier zeichnet, ist jedoch so einseitig, wie überzeichnet (und teilweise polemisch) und wird daher zur rundum schlagenden Anklageschrift gegen Nahrungsmittelindustrie, Medien, Politik und Konsumenten, ohne dass diese Gelegenheit zur Verteidigung erhielten. Welcher Gastronom müsste sich noch Gedanken um Ambiente, Events oder Abwechslung auf der Speisekarte machen, wenn die Nahrungsaufnahme nur noch dem Lebenserhaltungstrieb diente, lästiges Übel wäre, wie der Autor suggeriert. Genussesser seien die Ausnahme, wirklich gutes Essen wisse in einer mit Geschmacksverstärkern und Mikrowellenfood aufgewachsenen Gesellschaft kaum noch jemand zu schätzen. Behauptungen wie diese lässt Fichtner unbelegt, kein Staatsanwalt hätte damit vor Gericht eine Chance. Denn die Realität im gastronomischen Alltag spricht bekanntlich eine andere Sprache. Wenn der Autor die anonyme Gleichförmigkeit von Systemgastronomie-Filialen bedauert, das zunehmende An-den-Rand-Rücken des heimischen Esstischs und die Ablösung des Essens als Kultur- und Sozialmaschine des Lebens, ist dies ein Verlust, den er zunächst einmal ganz persönlich empfindet. Den Beweis, dass auch die anderen 80 Mio. Deutschen ’Heimweh nach gedeckten Tischen’ haben werden, bleibt er dagegen schuldig. Trotzdem: Denkanstöße liefert ’Tellergericht’ zuhauf. Denkanstöße zum eigenen Konsumverhalten, zum persönlichen Verhältnis zum eigenen Körper und zu unserem Umgang mit anderen Lebewesen. Und nicht zuletzt zur eigenen Fähigkeit, Essen und Trinken wirklich zu genießen und sich selbst (und seinen Gästen) etwas zu gönnen - Themen, über die nachzudenken es sich immer lohnt. Fichtners Fazit ist: Es muss sich endlich etwas ändern, zumindest in einigen Bereichen. Sein Buch inspiriert dazu, bei sich selbst damit anzufangen. (Fichtner, Tellergericht, ISBN 3-421-05586-6, 17,90 Euro)

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