Nordsee

Börsengang nur aufgeschoben

Am 27. Juni 01 sollte fÜr die Nordsee-Aktie der erste Handelstag an der Frankfurter Wertpapierbörse sein. Doch der sich rapide verschlechternde Markt fÜr Neuemissionen machte den Akteuren einen bösen Strich durch die Rechnung. Das 'Going public' wurde verschoben, "bis die Finanzmärkte wieder ein deutlich besseres Umfeld bieten", so AG-Vorstandsvorsitzender Manfred E. Zipp. Es sollte für die Restaurant-Branche Deutschlands das erste Initial Public Offering (IPO) werden. Mit der Ex-Unilever-Tochter sollte erstmals eine heimische Restaurant-Kette an der Börse notiert sein (andere wie LSG SkyChefs, Tank & Rast, Käfer oder auch Gastronomie & Tanz spielten gedanklich ebenfalls mit dieser Kapitalbeschaffungsmöglichkeit). Doch jetzt ist der Nordsee-Börsengang vorläufig auf Eis gelegt. Zu miserabel die Verhältnisse am Kapitalmarkt, schwache Juni-Debüts für den Flughafenbetreiber Fraport und den Friseur-Filialisten Essanelle. Ebenfalls abgesagt: der Börsengang der Degussa-Tochter Zentaris. Totaler Lustverlust sowohl bei Fonds- als auch Privatinvestoren. Und so warten jetzt das Nordsee-Management (selbst mit 7,3 % beteiligt), die von Apax Partners beratenen Fonds (81,5 %) und KonsortialfÜhrer UBS Warburg auf bessere Zeiten. Mit viel, viel Glück gibt´s diese auch schon im Herbst. Wider so manche Meldung in der Publikumspresse, war "die Resonanz im Vorfeld der geplanten Neuemission sehr gut, insbesondere von qualitativ hochwertigen institutionellen Investoren aus den Finanzmärkten (Fonds) in England und USA. Es gab genügend Kaufwünsche. Sowohl die Nordsee-Story als solches als auch unsere expansive Strategie gefällt professionellen Anlegern. Doch: Der Gang an die Börse ist nur dann sinnvoll, wenn auch nach dem IPO das Umfeld eine gute Kursentwicklung erlaubt", so Zipp. Er betont, dass das Unternehmen an seinen Wachstumsplänen festhalte. Jetzt erst recht, schließlich könne man die geplante Expansion weitgehend aus dem Cash flow des operativen Geschäfts finanzieren. "Wir verändern weder unsere strategischen Ziele im Inland noch die Auslandsexpansion, noch wird dadurch die operative Umsetzung beeinflusst." Trotzdem, der Frust nach dem Fehlschlag muss zuerst einmal Überwunden werden und natürlich bedeutet die Absage auch einen Imageschaden - primÄre Fremdverschuldung hin oder her. Es lohnt sich, nicht nur aus finanztechnischer, auch aus fachlicher Sicht, das Facts & Figures-Material der Analystenreports zu studieren. Da wird beispielsweise Europas größte QSR-Kette im Segment Fisch/Seafood auf 698-913 Mio. DM Unternehmenswert hochgerechnet, je nach Vergleichsbeispielen in Deutschland, Europa und Nordamerika. Man lernt viel darüber, wie Banken einen Kandidaten einstufen, präsentieren und promoten - bis hin zu einem Blue-Sky-Szenario bei Entwicklungswerten über der bereits hoch gesteckten Basis-Erwartungshaltung. UBS Warburg AG: "Wir rechnen fÜr Nordsee in der Zeit zwischen 2000 und 2003 mit einem jährlichen Umsatzwachstum von 11 % (auf vergleichbaren Flächen plus 2,5-4,4 % per anno)." In den Märkten Deutschland und Österreich will die Nordsee in den nächsten 3 Jahren 150 neue Stores eröffnen (Investitionen Über 100 Mio. Euro), in der Schweiz sollen 20 Schnellrestaurants und Snack-Shops mit Partner Candrian an den Markt gehen. Daneben: Franchising in weiteren europäischen Ländern. Was bei den Aktien-Analysten besonders hoch zählt, sind einzigartige Marktstellung sowie noch nicht ausgeschöpfte Potenziale. Beides gilt es, glaubhaft sichtbar zu machen. Nebenbei, 5-8 Mio. DM kostet so ein Börsengang, die Erfolgsdaten der letzten 4 Jahre sollten makellos sein. Vor allem das Umsatzwachstum auf vergleichbarer Fläche(Same Store Sales/like for like) zählt. Und wehe dem, sollten später dann, wenn der Shareholder mit einem Anspruch auf Shareholder-Value auf der Regierungsbank sitzt, an dieser Stelle negative Werte auftauchen. Wenn vierteljährliches Reporting zur Pflicht wird, weil die Aktien-Analysten ein Informationsrecht haben, dann steigt der Druck aufs Management gewaltig. In den USA, wo rund 100 Foodservice-Unternehmen an den beiden großen Börsen notiert sind (Wallstreet und Nasdaq), hört man das immer wieder. Und auch dort gehören Restaurantketten nicht unbedingt zu den Lieblingen der Finanzwelt, von Ausnahmen einmal abgesehen. Fast 10 Mio. Aktien wollte die Nordsee AG im amtlichen Handel verkaufen. Die Preisspanne wurde auf 19-24 Euro festgelegt, man hoffte auf einen Emissionserlös zwischen 185,7 und 234,6 Mio. Euro. Davon sollte der Gro§teil den von Apax Partners beratenen Fonds zufließen, die ihren Anteil von 81,5 auf 29 % verringern wollten. Auch Heiner Kamps, Chef der Großbäckerei Kamps, wollte sich von seinen Minderheitsanteilen trennen. Seine Company, mit Apax-Hilfe Ende der 90er Jahre als erster Bäckerei-Filialist an die Börse gegangen, war im Übrigen anfangs ein gigantischer Aktien-Erfolg, seit einiger Zeit jedoch rutscht der Wert immer weiter weg. Soviel nebenbei. Das der Nordsee AG zuflie§ende Geld (Kapitalerhöhung) wollte man erstens dazu nutzen, bestehende Geschäftsdarlehen aus der fremdfinanzierten Übernahme 1997 (leveraged buy out) zu tilgen und zweitens das Filialnetz zu renovieren/auszubauen. Immer und Überall wird die Cash flow-Kraft und die schnelle Refinanzierung von Store-Investitionen betont. Letztere belaufen sich im Schnitt auf gut 300.000 DM pro Snack-Shop, 1 Mio. DM pro Restaurant und 1,2 Mio. DM pro Meeresbuffet. Dass die Nordsee-Konzernbilanz zum 31. März 01 ein negatives Eigenkapital ausweist, hängt mit den Auswirkungen der Leveraged buy out-Transaktion von '97 zusammen. Die Übernahme wurde durch eine Kombination aus Kapitalerhöhung und Darlehen finanziert. Man hat damals in der Bilanz 329 Mio. DM Firmenwert aktiviert, wovon 269 Mio. DM auch im Rahmen der steuerlichen Gewinnermittlung abschreibbar waren und zum Ausgleich steuerpflichtiger Gewinne bereit standen und stehen. Der Firmenwert wird über 15 Jahre linear abgeschrieben. Die Kapitalstruktur der Nordsee hätte sich mit dem Börsengang deutlich verbessert. Die Finanzleute müssen jetzt Geduld aufbringen. Der steuerliche Verlustvortrag, den man in den nächsten Jahren noch nutzen kann, liegt aktuell bei 89 Mio. DM. Die Nordsee-Entwicklung in der 1. Hälfte des laufenden Geschäftsjahres, das bis 30.9.01 geht: 12,5 % Umsatzplus auf 396 Mio. DM sowie 23,3 % Ebitda-Wachstum auf 57 Mio. DM


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