New York

Der Außer-Haus-Markt nach dem Attentat

Während das Entsetzen über die Terroranschläge am 11. September rund um den Globus anhält, haben die Schockwellen an den Epizentren der Gewalt alle Bereiche der Gesellschaft erschüttert. Die Gastronomie gehört zu den Leidtragenden der amerikanischen Geschäftswelt, die die Auswirkungen der Attentate besonders drastisch zu spüren bekommen. Mit dem erlahmten Tourismus in ganz Amerika, mit annullierten oder verschobenen Messen und Großveranstaltungen sind die Besuchszahlen in den Restaurants enorm zurückgegangen. "Die Airlines sind das Vehikel, um Gäste durch unsere Türen zu bringen"; meint Jonathan Tisch, CEO der Loews Hotels in New York. "Wenn die Leute nicht fliegen, dann bleiben sie nicht in unseren Hotels, und wenn sie nicht in unseren Hotels bleiben, dann essen sie auch nicht in Restaurants." Nicht zuletzt bannt die nach wie vor rund um die Uhr laufende Berichterstattung im Fernsehen die Bevölkerung an die Bildschirme zu Hause. Vor allem in New York, einer Stadt, die vom Tourismus - und einer ausgehfreudigen Bevölkerung - lebt wie kaum eine andere, sind die Einbrüche gewaltig. In der Woche des Horrors kam die Gastronomie fast völlig zum Erliegen. Viele Restaurants, darunter nicht wenige, deren Besuch normalerweise wochenlange Vorbuchung erfordert, ließen ihre Pforten mangels Kundschaft ganz geschlossen. Inzwischen beginnt sich die Lähmung der New Yorker zu lösen. Nicht zuletzt scheint ein Appell von Bürgermeister Rudolph Giuliani, der seiner Sorge um die Gastronomie der Stadt Ausdruck verlieh und zum Besuch der Lokale ermunterte, Wirkung zu zeigen. Dennoch ist der Weg bis zur Normalsituation weit. "Wir haben alle einen Schlag einstecken müssen", erklärt Giuseppe Cipriani, dessen Familie den legendären Rainbow Room im Rockefeller Center und andere Restaurants in der Stadt betreibt. "Leute, die Angehörige oder Freunde verloren haben, sind nicht gerade zum Feiern aufgelegt." Das Plaza Hotel am Central Park plant sogar seinen berühmten Oak Room und die Oyster Bar zu schließen, weil das Geschäft so schlecht läuft. Tim Zagat, Verleger des Restaurantführers Zagat Survey, weist darauf hin, dass die Restaurants von Manhattan schon vor der Katastrophe unter der einsetzenden Wirtschaftsflaute zu leiden und auf eine Erholung im vierten Quartal gesetzt hatten. Davon kann nun kein Rede mehr sein. Die New Yorker Tourismusbranche, die im vergangenen Jahr 25 Mrd. $ in die Kassen von Hotels, Restaurants und Reiseveranstaltern spülte, musste sich am 11. September auf eine anhaltende Krise einstellen. Noch mag niemand genaue Prognosen abgeben, wie hoch die Einbußen sein werden. Aber wenn aus der Hotellerie der Stadt zu erfahren ist, dass die Belegungsraten bis auf 20 % abgefallen sind - vor dem Anschlag bewegten sie sich bei 84 %! -, dann muss mit schmerzhaften Einbrüchen gerechnet werden, und das auf längere Zeit. "Ich glaube, die Erholungsphase wird ein Jahr in Anspruch nehmen," sagt Damon Brundage, Restaurant-Analyst bei Raymond James. Die großen Restaurantketten meldeten für die Woche nach den Terroranschlägen Verkaufseinbußen zwischen 5 und 20 % - auf nationaler Ebene. Allein in New York wird mit einer großen Entlassungswelle gerechnet. In der Hotellerie wurden bereits 3.000 Angestellte entlassen, und einige Hotelbesitzer reden bereits davon, dass die Hälfte der insgesamt 30.000 Mitarbeiter der Hotellerie ihren Job verlieren wird. Doch bei all den düsteren Prognosen dominiert ein ungemeiner Wille, die Tragödie gemeinsam zu bewältigen. Laut New York Restaurant Association hat die Stadt an ihrem traumatischsten Tag zwischen 30 und 40 Restaurants und zum Teil deren Mitarbeiter verloren. Allein Windows on the World, das berühmte Restaurant im 107. Stock des World Trade Center, hat 79 der insgesamt 450 Mitarbeiter zu beklagen. Das Restaurant, nach dem Terroranschlag im Jahr 1993 mit einem Aufwand von 25 Mio. $ renoviert, gehörte mit einem Volumen von 14 Mio. $ zu den umsatzstärksten Restaurants der Nation. Aber auch zu ebener Erde und im Basement des Komplexes waren an die zwei Dutzend Foodservice-Betriebe angesiedelt, und noch gibt es keine offiziellen Angaben über die Höhe der Verluste an Menschenleben aus ihren Reihen. Die Gastronomie der Stadt ist weit davon entfernt, sich auf das eigene Überleben zu konzentrieren. Gleich am Tag, der die Welt erschütterte, setzte sie eine Food-Distributionsaktion für die Rettungs- und Bergungsmannschaften in Bewegung, die inzwischen wohl organisiert ist und an der sich viele Restaurants der Stadt vom Fast Food-Betrieb bis zum Fine Dining-Tempel beteiligen. Und das, obgleich viele von ihnen selbst von dem Unglück betroffen sind. "Die City, die niemals schläft, ist hellwach und wild entschlossen, aus der Asche aufzusteigen", so beschreibt der Besitzer des Restaurants Thalia in Manhattans Theater District den Geist, der die New Yorker Gastrogemeinde in ihrer Tiefphase beherrscht.



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