Südafrika

Hotellerie zwischen Hoffen und Bangen

In kaum einem Land sind Hotellerie und Tourismus so abhängig von politischen Entwicklungen wie in Südafrika. Nach dem Ende des Apartheidregimes 1994 hat sich der Staat am südlichen Zipfel des schwarzen Kontinents zu einer begehrten Touristendestination entwickelt. Der Wettbewerb auf dem Hotelmarkt wächst, allerdings hapert es an der touristischen Vermarktung.

Einen Bericht über den Hotelmarkt Südafrikas mit einem Hinweis auf Sun City zu beginnen, ist gewagt. Der Hotel-Komplex von Sun City, 190 km nordwestlich von Johannesburg gelegen, ist die zu Stein gewordene Vision des Hoteliers Sol Kerzner eines Las Vegas in der Savanne.

Vor 22 Jahren errichtete er eine afrikanische "Sin City", von deren Architektur das Film-Set von Steven Spielbergs "Jäger des verlorenen Schatzes" viel hätte abschauen können. Es waren besondere Umstände, welche den Bau von Sun City begünstigten. Geduldet vom Apartheidregime entstand im Homeland von Bophuthatswana ein Holiday Paradies mit Hotels, Casinos, Golfplätzen und Safari-Park. Dort konnten die Bewohner der Vororte von Johannesburg ihr Erspartes verspielen, Blue Movies gucken und mit einer Person das Doppelzimmer teilen, mit der sie nicht verheiratet waren. Kurzum, hier war alles erlaubt, was im calvinistischen Südafrika tabu war. Dass die geringen Steuern in Bophuthatswana die Expansion von Sun City, die sich im Besitz der Hotelgruppe Sun International befindet, vorantrieb, sei auch erwähnt. Dank der stets gutgefüllten Slotmachines konnte noch 1992 das 338-Zimmer Luxushotel Palace of the Lost City eröffnet werden. Doch mit dem politischen Ende der Apartheid 1994 stand auch dem Hotelkomplex von Sun City mit seinen 1.171 Zimmern und 34 Suiten eine Zeitenwende bevor. Nun beanspruchte jede Provinzverwaltung Südafrikas für sich das Recht, Lizenzen für Casinos zu erteilen. Schließlich träumte jede von den Einnahmen, welche die Spielleidenschaft der Südafrikaner, gleich welcher Hautfarbe, in die Haushaltskassen spülen würde. Das Ende vom Lied ist, dass Johannesburg heute selbst über ein Casino verfügt. Für Sun City war diese Entwicklung bitter. Der Konkurrenzkampf wurde härter, da die Neu-Erschaffung als familienfreundliches Freizeitidyll und Konferenzcenter Zeit braucht. Außerdem wandelt sich die geographische Distanz zur Business-Metropole Johannesburg, ehemals ein Vorteil, heute zum Nachteil Sun Citys. Welcher Johannesburger macht sich schon gerne auf den Weg hinaus in den Busch, wenn vor seiner Haustüre zahlreiche Verlockungen und bequem erreichbare Kongress-Destinationen winken? Sun City ist, wenngleich in großem Maßstab, das Opfer eines typisch südafrikanischen Phänomens, das man mit dem Begriff "nodal shift" bezeichnet. Ins Deutsche übersetzt man diesen Begriff am besten mit "Verlagerung des Kerns". Verlagert wurde im vergangenen Jahrzehnt in Südafrika nicht nur die politische Macht. Auch die geographischen Zentren verschoben sich. Siehe Johannesburg. Ob es zutrifft oder nicht, dass Johannesburg die gefährlichste Stadt der Welt ist, das Gerücht von überhandnehmenden Überfällen und Car-Jackings reichte aus, dass der Central Business District (Downtown) von Johannesburg immer mehr zu einer "No-Go Area" wurde, quasi zur Bronx der Südhalbkugel. Das Business reagierte sofort und siedelte sich im ehemaligen Vorort Sandton an - in sicherer Distanz zur Downtown und nahe des Flughafens. Es blieb nicht aus, dass die Hotels mitzogen. Die Auswirkungen auf die Zimmerkapazitäten waren dramatisch. Seit 1996 sind sie in den neuen Zentren zwischen 150 Prozent und 250 Prozent nach oben geschnellt. Beispielhaft für den "nodal shift" in Johannesburg sind die Investitionen des Hotelkonzerns Southern Sun, der mit 12.600 Zimmern der größte Hotelkonzern Südafrikas ist, zumindest was die Bettenzahl anbelangt, und 40 Prozent des Marktes kontrolliert. Southern Sun befindet sich noch im Besitz des Getränkekonzerns South African Breweries - noch, da seit längerem der Spin-Off dieses Geschäftsfeldes mittels eines Börsengangs geplant ist.
1996 eröffnete Southern Sun das Holiday Inn Garden Court in Sandton, eine Investition von 9,6 Mio. US-$. Im gleichen Jahr wurde die Phase zwei der Renovierung des Crowne Plaza in Sandton abgeschlossen. 1997 machten in Eastgate, einem weiteren Vorort von Johannesburg, ein Holiday Inn Express sowie ein Holiday Inn Garden Court auf (Gesamtinvestition: 7,2 Mio. US-$). Mit dem Kauf der Cullinan Group im Jahr 1999 für 28 Mio. US-$ kamen drei weitere Hotels im Großraum Johannesburg hinzu: eines am Flughafen und zwei in Sandton. Im vergangenen Jahr, dann, eröffnete Southern Sun den Montecasino Komplex für 200 Mio. US-$. Im Preis inbegriffen ist das dortige Palazzo Inter-Continental (Kosten: 17 Mio. US-$). Zudem inves-tierte Southern Sun 49 Mio. US-$ in das Sandton Convention Center, ein 22.000 qm großes Kongresszentrum für bis zu 10.000 Besucher. Rechnet man die Kos-ten für das im März eröffnete 138-Zimmer Hotel Sun Inter-Continental am Flughafen von Johannesburg hinzu (10 Mio. US-$), so hat die Gruppe in den vergangenen fünf Jahren 2,6 Mrd. R oder 325 Mio. US-$ in den Großraum Johannesburg gesteckt. Wen wundert's, dass die durchschnittliche Belegungsrate in Johannesburg laut Schätzungen von Pannell Kerr Forster im vergangenen Jahr bei nur 54,3 Prozent lag (1999: 47,4 %). Dabei konnten die drei führenden Hotelgruppen Südafrikas, Southern Sun, Sun International und Protea, in ihren Häusern Belegungsraten zwischen 62 und 64 Prozent erzielen. Dass sich aber der Druck auf die Preise erhöhte und die Margen schrumpften, kann sich jeder unschwer ausmalen. Die großen Verlierer sind die Downtown-Hotels. Während sich in Sandton seit 1994 die Zahl der Hotelzimmer um 4.500 erhöhte, verschwanden in der Downtown 2.000 Zimmer. Als 1998 das Carlton Hotel, das erste Fünf-Sterne-Haus Johannesburgs, seine Tore schloss, war dies ein symbolträchtiger Akt. Denn das Carlton war nicht irgendein Hotel. Hier waren über viele Jahre hinweg Weiße unter sich, hier feierte nach den ersten freien und demokratischen Wahlen der African National Congress (ANC) seinen Sieg. In Johannesburg mag der "nodal shift", die Verlagerung des Kerns, noch als Flucht aus der verslumenden Downtown nachvollziehbar sein. In Kapstadt wurde die Verlagerung des Kerns von anderen Faktoren ausgelöst. Zu nennen sind die Pensionsfonds, deren Kapital nach einer neuen Heimat suchte, sowie eine sehr lax gehandhabte Stadtplanung. Als die Waterfront von Kapstadt zu einem Besuchermagneten ausgebaut wurde und die ersten Hotels in die Höhe schossen, fiel die Belegungsrate in den wenige Kilometer dahinter liegenden innerstädtischen Hotels auf unter 50 Prozent. Für die Hoteliers war diese Entwicklung arg, da keiner eine derart rapide Veränderung der Umstände hatte voraussehen können. Plötzlich standen sie da und fragten sich, wie sie einen Return on Investment innerhalb von sieben Jahren realisieren sollten, wenn ihnen bereits nach drei Jahren der "nodal shift" einen Strich durch die Rechnung machte. Dabei sind die Einnahmen aus dem Tourismus für das südafrikanische Bruttosozialprodukt (BSP) unverzichtbar. Sie trugen 1999 rund 8 Prozent zum BSP bei. Zwar liegt Südafrika, was das Besucheraufkommen betrifft, an Platz 25 weltweit. Was aber die Einkünfte anbelangt, rangiert es nur an 42. Stelle. Für diese Diskrepanz gibt es mehrere Erklärungen. Eine lautet, dass es Südafrika offenbar bisher nicht gelungen ist, die Zahl der Geschäftsreisenden deutlich zu erhöhen, deren Spesenkonto in der Regel besser gefüllt ist als die Reisekasse der Touristen. Eine weitere Erklärung ist, dass viele Touris-ten Südafrika "on the cheap" bereisen. Südafrikas Hoteliers haben festen Grund zur Annahme, dass zahlreiche Einreisende ihren Aufenthalt in Südafrika dazu benutzen, um Verwandte zu besuchen. Unter den britischen Besuchern, von denen 350.000 Südafrika in 1999 bereisten, ist die Zahl derer, die einen südafrikanischen Familienanschluss haben, besonders hoch. Wie Nigel Diepering, der International Marketing & Sales Director von Southern Sun vermutet, waren höchstens ein Sechstel der britischen Besucher (rund 60.000) echte Touristen. Die Briten stellen das größte Besucherkontingent, gefolgt von den Deutschen mit 206.000 Einreisenden. Die Nordamerikaner (Kanadier und Amerikaner) kamen gemeinsam auf 193.000 Touristen. Angesichts dieser Zahlen ist es verständlich, dass Südafrikas Hoteliers große Hoffnungen in deutsche Urlauber setzen, da zwei Drittel von ihnen als echte Touristen einzustufen sind, die in Hotels wohnen und für Unterhaltung Geld ausgeben.

Dennoch verschweigen Südafrikas Hoteliers nicht, dass in der Vergangenheit grobe Schnitzer in der Vermarktung des Landes gemacht wurden. Als 1994 mit dem Sieg des ANC und der Beendigung des internationalen Boykotts, ausländische Touristen den Mut fassten, nach Südafrika zu reisen, machte man den Fehler, zu wenig Einfluss auf die Vermarktung des Landes durch die überseeischen Veranstalter zu nehmen. So wurde Südafrika in Deutschland ursprünglich als Destination für Busreisen angepriesen. In Großbritannien und den USA war Südafrika ein Nischenprodukt von Spezialanbietern, die nur Fünf-Sterne-Häuser vermarkteten und zudem noch mit einer Premium-Marge, was dem Land den Anstrich einer teuren Destination verpasste und die Zahl der Besucher relativ gering hielt. Die Folge ist ein anhaltendes Imagegefälle zwischen Großbritannien/USA einerseits und Deutschland andererseits. Während sich die Lage in Deutschland längst gebessert hat, da alle großen deutschen Reiseveranstalter Südafrika zu reellen Preisen im Programm haben und sich gegenseitig in ihrer Preispolitik kontrollieren - 35 Prozent Bruttogewinn für Reiseveranstalter seien ok, so Diepering - liegen die Bruttomargen der amerikanischen und britischen Anbieter nach wie vor deutlich darüber. Der schlimmste Schnitzer bei der Vermarktung Südafrikas war wohl die mangelnde finanzielle Ausstattung der Fremdenverkehrsorganisation Satour in den Jahren nach 1994. Zur Entschuldigung der südafrikanischen Regierung muss angefügt werden, dass in den Jahren 1994 bis 1998 andere Probleme zu bewältigen waren als das Ankurbeln des internationalen Tourismus. Schließlich erbte der ANC ein Land, um es überspitzt auszudrücken, das geschätzt 50 Millionen Menschen eine Heimat zu bieten hatte, aber nur über eine Infrastruktur für fünf Millionen verfügte. Heute ist Satour mit einem Budget von 31 Mio. US-$ ausgestattet, da die Regierung den Tourismus als wichtigen Wirtschaftsmotor erachtet. Damit der Tourismus aber auch zu einer Jobmaschine wird, in einem Land, das mit einer Arbeitslosigkeit von 40 Prozent zu kämpfen hat, muss die Auslastung der Hotels deutlich über 75 Prozent steigen und mit ihr der Preis für die Übernachtung. So lange das nicht passiert, werden keine Leute zusätzlich eingestellt oder gar Neuinvestitionen getätigt. Jetzt, da Südafrika nach Jahren großer Investitionen über Bettenkapazitäten verfügt, die internationalen Standards entsprechen, müssen diese auch gefüllt werden. Jedoch nicht um jeden Preis. Statt auf Massentourismus setzt man auf MICE-Reisende (MICE steht für Meetings, Incentives, Conferences und Exhibitions). Zu diesem Zweck entsteht gegenwärtig in Kapstadt das dritte Kongresszentrum des Landes (nach Durban und Sandton), welches 2003 fertiggestellt sein wird.

Die Arabella Country Estate wird in dem Convention-Komplex an der Waterfront ein 500-Zimmer-Hotel betreiben und ist damit mit einem zweiten Haus in Südafrika vertreten (siehe Magazin Seite 18). Die Vermarktungsstrategie von Satour zielt aber auch darauf ab, die traditionellen Attraktionen Südafrikas neu herauszustellen: das sind die unberührte Natur und die atemberaubend schönen Landschaften sowie die angenehmen Temperaturen von Dezember bis April, die zum Golfspielen auf einem der 400 Plätze einladen, wenn die Nordhalbkugel in Eis und Schnee versinkt. Zu diesem Zweck soll beispielsweise das am indischen Ozean gelegene Durban zu einem mittelpreisigen Tourismuszentrum ausgebaut werden mit ausgezeichneten Wassersportmöglichkeiten im nördlichen Natal und natürlich ausgezeichneten Safari-Angeboten. Die Attraktivität des Krüger-Nationalparkes, der größer ist als der Staat Israel, soll dadurch gesteigert werden, dass er im Zuge eines transnationalen Projektes bis hinein nach Zimbabwe und Mozambique erweitert wird. Die Hotellerie ist optimistisch, dass in der Vermarktung Südafrikas der richtige Weg eingeschlagen worden ist und sich bald erste Erfolge einstellen, vorausgesetzt, das Image des Landes wird nicht wieder von einer Serie von Kalamitäten in Mitleidenschaft gezogen wie in der ersten Hälfte des Jahres 2000. Kaum hatte man sich vom Millenniums-Kater erholt - auch in Südafrika fiel der Millenniums-Rummel aus wegen "ist nicht" - erreichten Berichte über die Flutmassen in Mozambique die internationale Presse. Es folgten kritische Berichte über die Bombenattentate der militanten Moslem-Organisation People Against Gansterism and Drugs (PAGAD.) Doch dem war nicht genug. Im Juli setzte die 13. Internationale AIDS-Konferenz in Durban mit ihren 15.000 Teilnehmern die Seuche dramatisch in Szene. All diese Ereignisse kratzten am Image Südafrikas und versetzten die überseeischen Besucher in Angst und Schrecken. Obwohl die amtlichen Statistiker für die Monate Januar bis Juni 2000 eine Steigerung von 4,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitrum bei der Zahl der Einreisenden registrierten, hätte das Jahr deutlich höhere Steigerungsraten verzeichnen müssen. Denn Südafrikas Hotellerie lebt von der Politik und ist von ihr abhängig. Daher steht für sie viel auf dem Spiel: nicht nur ein baldmöglichst zu erzielender Return on Investment, sondern auch die Hoffnung, dass die "Afrikanische Renaissance" mehr ist als ein Wunschtraum.
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