Kneipensterben

Kluge Leserstimme in ’Die Zeit’

Wir zitieren. „Die Kneipe in unserem schottischen Dorf bietet ein trauriges Bild. Zwei Zecher sitzen schweigsam vor ihrem Bier. Alle halbe Stunde gehen sie vor die Tür und rauchen im Regen eine Zigarette. Einer unterhält sich am Handy mit seinem Freund. Der Freund sitzt daheim vorm Fernseher, qualmt nach Herzenslust im warmen Zimmer und trinkt Bier, das er im Supermarkt für 73 Cent pro Dose eingekauft hat. In der Kneipe muss man für jedes Pint fünfmal so viel über den Tresen schieben – 3 € und 60 Cent. Das Pub, die einzige Institution Großbritanniens, in der alle Klassenschranken fallen, der Ort, an dem Autoren von Chaucer bis zu Tolkien ihre Geschichten ansiedelten und erdachten, ist vom Aussterben bedroht. Die Hälfte aller englischen Dörfer hat kein Wirtshaus mehr, offenbar zum ersten Mal seit der normannischen Eroberung 1066. Jede Woche machen 27 Kneipen dicht, ihr Bierverkauf ist seit 1979 um die Hälfte zurückgegangen. Das heißt nicht, dass weniger getrunken wird. 1979 wurden 95 % des Biers im Pub verkauft, jetzt ist es nur noch die Hälfte. Die Ursache sind die Supermärkte, das vor zwei Jahren in Kraft getretene Rauchverbot, Steuererhöhungen – und die Gier der Wirte, die ihre Preise in unerschwingliche Höhen trieben. Im Sommer, wenn die Touristen kommen, füllt sich unsere Dorfkneipe wieder. Der Wirt hat sie freilich schon längst in einen ’Gastropub’ verwandelt, in dem die Besucher fein essen und feine Weine trinken. Die zwei Einheimischen stehen in einer Ecke und grummeln. luyken@zeit.de www.zeit.de


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