Berliner Tourismusbilanz 2003

Mehr Gäste, schwächelnde Raten

Was nach den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres nicht einmal die größten Optimisten zu hoffen gewagt hatten, ist dann doch eingetreten: Mit einem Zuwachs von 4,3 Prozent bei den Gästen (4,95 Mio.) aus dem In- und Ausland und von 2,8 Prozent bei den Übernachtungen (11,33 Mio.) gab es nach dem Rekordbesucherjahr 2000 (rund 11,4 Mio. Übernachtungen) erstmals 2003 wieder leichte Steigerungen bei Besucher- und Übernachtungszahlen an der Spree. Mit nahezu 1,28 Mio. internationalen Gästen (plus 6,5 Prozent) zählte Berlin gleichzeitig mehr ausländische Besucher denn je zuvor. Ziemlich unverändert blieben die Gäste durchschnittlich 2,3 Tage. Zweifellos haben die zahlreichen Aktivitäten auf den Märkten weltweit der Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM) großen Anteil an diesem kaum noch erwarteten Aufwärtstrend. Der Berlin auch 2003 zum beliebtesten Städtereiseziel Deutschlands und im Bundesvergleich auch zur internationalsten Stadt (gemessen an den Übernachtungszahlen aus dem Ausland) macht.

Wenn sich die Freude vieler Hoteliers dennoch in Grenzen hält, so liegt das daran, dass die Crux gleich eine mehrfache ist:
  • Das Buchungsverhalten wird, weil extrem kurzfristig, immer weniger berechenbar.
  • Auch in den nächsten Jahren wird die Schere Zimmerkapazitäten – zahlungskräftige/-willige Nachfrage – weiter auseinander gehen (während sich die Bettenzahl von rund 30.000 zur Wendezeit auf inzwischen knapp 70.000 in 555 Beherbergungsbetrieben weit mehr als verdoppelt hat, stieg die Zahl der Übernachtungen nach BTM-Angaben nur um gut 50 Prozent). Und Experten haben inzwischen errechnet, dass die Stadt in absehbarer Zeit mindestens drei Millionen Besucher mehr brauchte, um die schier explodierenden Zimmerkapazitäten gewinnbringend auszulasten.
  • Erschwerend kommt hinzu, dass nach BTM-Beobachtungen die Reisezurückhaltung beim Endverbraucher zwar allmählich abnimmt, eine entsprechende Tendenz im Geschäftsreiseverkehr und im Tagungsgeschäft aber leider noch nicht erkennbar wird.
  • Das alles erhöht weiter den Druck auf die Preise. Obwohl die Hauptstadt schon jetzt mit durchschnittlich 143 – 148 Euro für das Hotelzimmer zum „Billigsortiment“ im Hotelbereich zählt (zum Vergleich: Rom 210, Paris 231, London 349 Euro). Damit lassen sich betriebswirtschaftlich notwendige Umsätze nur mit äußerster Mühe erzielen, bleibt die Ertragssituation weiter unbefriedigend.
  • Ein Trend des Jahres 2003, höhere Zimmerauslastungen (der Durchschnittswert liegt etwas über 60 Prozent) bei sinkenden Raten zu erzielen, weist deshalb auf Dauer genau in die falsche Richtung. Es bleibt die Hoffnung, dass die im Land weit verbreitete „Geiz-ist-geil-Mentalität“ in der Hotellerie nicht zusätzlich Nahrung findet, indem man sich über unglaublich niedrige Einführungsraten und wirtschaftlich nicht mehr zu rechtfertigende Rabatte mit Tiefpreisen unterbietet. Ein eher abgestimmtes Verhalten wäre wohl der bessere Weg. In „Tateinheit“ mit zielgerichteten Investitionen, die die Hänger für den Wettbewerb fit machen. Und da gibt es unzählige Beispiele (siehe auch Der Hotelier 1/2004).
Viele kreative Ideen und Aktivitäten der Hotellerie am Ort, sind wiederum wichtige Argumente für BTM-Geschäftsführer Hanns Peter Nerger, von dem zu erfahren war, dass sich die Marketingaktivitäten 2004 auf die europäischen Nachbarländer und den wichtigsten Auslandsmarkt, USA, konzentrieren werden. Neben Bewährtem (das informative Hotelverzeichnis 2004) soll es aber auch für das Inland viel Neues geben. Ein Berliner Veranstaltungskalender zum Beispiel steht unter dem Motto „Museen in Berlin“. Passt übrigens großartig zum sensationellen Auftritt des Museum of Modern Art (MoMA), New York, mit 200 der bedeutendsten Meisterwerke des 20. Jahrhunderts in der Neuen Nationalgalerie am Potsdamer Platz (bis 19. September). Viele Hotels sind guter Hoffnung, von diesem einzigartigen Ausstellungsevent, zu dem nach vorsichtigen Schätzungen bis zu einer Million Besucher aus vielen Ländern erwartet werden, profitieren zu können. Pünktlich zum Start des grandiosen MoMA-Gastspiels hat die BTM deshalb ein Package aufgelegt. Das zum Preis ab 72 Euro pro Person mit der Eintrittskarte zwei Übernachtungen im Doppelzimmer (inkl. Frühstück) enthält plus Berlin Welcome Card (für freie Fahrt und zahlreiche Ermäßigungen). Eine tolle Sache für die Gäste. Allerdings könnte bei dieser Kalkulation auch die Diskussion über Berlin als Niedrig-Preis-Standort neue Nahrung erhalten. Mit allem Für und Wider.<

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