Cafe del Sol

Out of Hildesheim

Nach 1.000jährigem Rosenstock und höchstem Kirchturm Niedersachsens ist Hildesheim nun auch um ein gastronomisches Highlight reicher: Seit Dezember 2001 schmückt ein Holzbau im Stil einer Kolonialvilla das Grünterrain am Berliner Kreisel, wo täglich 37.000 Fahrzeuge ihre Runden drehen. Hier hat die Gastro & Soul GmbH nach nur 2,5 Monaten Bauzeit den ersten deutschen Freestander mit atmosphärischer Gastronomie und dem einladenden Namen Cafe Del Sol hingesetzt. In Kürze folgen zwei Betriebe in Hannover und Herne, 2003 sollen 5 bis 6 im Raum Norddeutschland/Ruhrgebiet hinzukommen. Umsatzziel für 2002: 2,5-3 Mio. Euro netto.






Die komplett aus Holz gebaute Villa liegt mitten im saftigen Grün. Wer über die Stufen auf die Veranda gelangt, kommt kaum umhin, sich auf eine der beiden Hollywood-Schaukeln zu setzen und die Seele ein wenig baumeln zu lassen. Mit Erdgas betriebene Fackeln und Bodenstrahler sorgen nicht nur in lauen Sommernächten für romantische Stimmung und umhüllen den schon von weitem sichtbaren Ort mit einem Hauch Ferienhausromantik. Exotische Pflanzen wie Mammutbäume oder Details wie das mit Fahne gekennzeichnete ‘18. Loch‘ im Rasen wecken Urlaubsassoziationen.

Delf Neumann, Christian Eggers und Dirk Meder, die Köpfe der Betreibergesellschaft Gastro & Soul, hatten genaue Vorstellungen vom Cafe Del Sol. Modell Freestander mit atmosphärischer Gas-tronomie, breitem Zielgruppenspektrum und jeder Menge Urlaubsflair. Allerdings: weder ethnische, noch thematische Positionierung, ausdrücklich nicht amerikanisch. Mit Modethemen will man nicht in Verbindung gebracht werden, vielmehr dem Gast einen weiten Assoziationsraum zur Verfügung stellen - allein das Thema Urlaub ist omnipräsent.



Elementar: die Standortkriterien. Mindestens 5.000 qm Grundfläche mitten im Grünen, bequem erreichbare Citynähe, hochfrequentierte (Haupt-)Straße, keine Wohnungen, keine Diskotheken in unmittelbarer Nähe. Prinzipiell ist der Kauf des Grundstücks vorgesehen, zumindest aber Erbpacht.

Damit setzt das Trio in der deutschen Systemgastronomie neue Maßstäbe, denn Cafe Del Sol ist das erste deutsche Freestanderkonzept im Segment Kommunikationsgastronomie.

Das klar definierte Ziel: Marktführerschaft in Deutschland. Durch den Mit-Aufbau der Kneipenkette Alex haben sich die Unternehmer System-Know-how und einen wertvollen Wissensvorsprung angeeignet. Nur dadurch war es möglich, von Beginn an ein fertiges System zu installieren. Bis dahin allerdings war es ein langer Weg.

"Wir kamen anfangs aus dem absoluten Chaos", erinnert sich Neumann, "aber wir haben aus den Erfahrungen gelernt und darauf aufgebaut. Bausteine auseinander zu nehmen, zu analysieren und wieder neu zusammenzusetzen: Das ist es, was uns als Systemer auszeichnet."

Das Format Freestander hielt das Team mit Blick auf die steigende Mobilität für eine absolut zeitgemäße und zukunftstaugliche Lösung. "Man muss sich doch fragen, wo Wachstum heute für atmosphärische Gastronomie überhaupt stattfindet", meint Eggers. "Wir brauchen Luft zum Atmen und Raum für Expansion. Downtown drängen sich die Wettbewerber."

Als die drei Gastronomen vor 1,5 Jahren - zufällig in ihrer gemeinsamen Heimatstadt Hildesheim - einen geeigneten Pilot-Standort ausmachten, gab es erwartungsgemäß Skeptiker. "Die hielten es für einen Wahnsinn, mitten auf der grünen Wiese zu bauen", erinnert sich Neumann an die ersten Reaktionen. "Abgesehen von der Familie haben uns die meisten für geisteskrank erklärt. Trotzdem haben wir nie Angst gehabt. Als Unternehmer kann man schließlich ‘was riskieren. Wenn man Innovatives schaffen möchte, muss man das sogar."



Jetzt können sie die ersten Früchte des Erfolgs ernten:

Der Betrieb ist - obwohl ursprünglich ein Abendkonzept geplant war - ganztägig sehr gut besucht. Bei Wochenumsätzen zwischen 45.000 und 50.000 Euro kann man auch über das ‘schlechteste‘ bislang in der Tagesschicht (9 bis 17 Uhr) erzielte Ergebnis von 1.400 Euro hinwegsehen. Der durchschnittliche Umsatz in dieser Zeit liegt zwischen 2.000 und 2.500 Euro, abends deutlich drüber.

Obwohl die Gästefrequenz abends höher ist, werden die 90 Parkplätze auch tagsüber nicht selten knapp. Warum? Während mittags viele Gäste ihr Auto allein belegen, schließt man sich abends eher in Gruppen zusammen.






Klar ist: Parkplätze sind für dieses Konzept unabdingbar.

"Unter 100 braucht man gar nicht anzufangen", so Neumann. Und Eggers fügt an: "Der kostenlose Parkplatz ist für Außenwirkung und Image enorm wichtig."

Die Gäste schätzen vor allem die Bequemlichkeit. Lästige Parkplatzsuche und teure Gebühren fallen weg. "Dafür gönnen sich viele dann lieber noch ein Stück Kuchen."

Bei zukünftigen Outlets will man sich einer Insellösung nach amerikanischem Vorbild annähern: Sämtliche Parkplätze sollen ‘drumherum‘ angeordnet werden. Auch kreativen Input für ihr erstes gemeinsam entwickeltes Konzept holten sich die Selfmade-Männer aus den USA. Als ‘Ausdruck der Corporate Identity’ erfüllt das freistehende Gebäude eine wichtige Funktion. Durch die unverkennbare Optik entsteht eine starke Außenwirkung mit hohem Wiedererkennungswert.

"Dieses Haus haben wir neun Monate lang gesucht", sagt Eggers, der sich dafür eine "Kreuzfahrt durch die Karibik" gegönnt hat. Das Vorbild fand er schließlich in Kuba am Varadero-Beach. Der Marketing-Fachmann beobachtet, dass "bei jedem Gast hier andere Assoziationen geweckt" werden.

Der eine denkt an eine kalifornische Strandvilla, der andere an ein südafrikanisches Landhaus, der dritte vielleicht an ein Feriendomizil im Mittelmeerraum. Das soll auch so sein, Träumen ist erwünscht. Es geht darum, die Gäste zu emotionalisieren und das gastronomische Erlebnis als Urlaub vom Alltag zu gestalten.



Unterstützt durch einen Architekten haben die Allrounder nicht nur den kompletten Grundriss und Einrichtung selbst entworfen, sondern eigens zum Zwecke der Expansion eine Baufirma gegründet. Das Holzgebäude wurde in unglaublichen 2,5 Monaten errichtet und kann 1:1 jederzeit schlüsselfertig nachgebaut werden. Die Gas-tronomen waren sich darüber einig, dass ihr Vorhaben relativ hohe Planungskosten erfordert. Insgesamt investierten sie stattliche 2,5 Mio. Euro.

"Uns war klar: Davon muss es 100 geben können", erklärt Neumann. "Das bedeutet viel Arbeit im Vorfeld, aber Ruhe in der Expansion, denn weitere Planungskos-ten entfallen und wertvolle Arbeitszeit kann effizienter eingesetzt werden."








Großer Vorteil des Freestander-Modells ist die Standardisierung des Layouts. Dadurch werden neben Planungs- auch laufende Kos-ten gering gehalten. Das Personal etwa muss nicht immer wieder neu angelernt werden. Positive Auswirkungen also auf das gesamte operative Geschäft. Ein deutlicher Ausdruck der in Alex-Zeiten entwickelten Systemdenke. Allerdings braucht es keine tiefgründige Konzept-Analyse, um zu erkennen, dass hier - wie Neumann es ausdrückt - trotzdem "kein B-lex" entstanden ist.

Schon rein äußerlich ist Cafe Del Sol von jener getränkegeprägten Szenegastronomie im Ganztagesformat (‘Frühstück, mittags, abends, immer‘) weit entfernt. Im Innenraum dominieren passend zum südländischen Flair warme Gelb-, Ocker- und Sandtöne, die Möblierung besteht aus einem Mix von dunklem und hellem Holz. Die 22 m lange Theke ist nicht das einzige Beispiel dafür, dass Großzügigkeit hier eine wichtige Rolle spielt.

Speziell für Cafe Del Sol designte Lampen hängen an 6 m langen Seilen. Allein 9 m Gastraumhöhe schaffen eine unglaubliche Atmosphäre. Der Innenbereich unterteilt sich in Steh-, Podest-, Wintergarten- und Res-taurantzone. Ein Blick hinter die Bar zeigt ein kolossales Rückbüffet aus Glas, das dem sonst eher ländlich-gemütlichen Raum einen urbanen Touch verleiht.

Ganz oben dann prangt eine mächtige Uhr im antiken Stil, für die ein Modell in Las Vegas Pate stand. Außergewöhnlicher Blickfang ist die Decke mit ihren 4 zusammenlaufenden Holzgiebeln. So würden in Deutschland sonst nur Kirchen gebaut, klärt Neumann auf. Gäste, die das Outlet zum ersten Mal betreten, sind von der Weitläufigkeit des Raumes und dem Komfort in Design und Ausstattung oft positiv überrascht.

Wärme, Wertigkeit und Wohlfühlfaktor haben Priorität.

Liebevolle Details wie Verzierungen im Fliesenboden, Pergament-Aufsteller mit ‘literarischen Sinnhäppchen‘ zum Nachdenken, Windlichter oder phantasievolle Flaschenetiketten transportieren gekonnt Philosophie, Stimmung und Gefühle. Die Themen ‘Sonne und Urlaub‘ sind ganzheitlich präsent. Auch Fußbodenheizung oder geschick-te innenarchitektonische Lösungen tragen hierzu bei. Um das Raum-erlebnis nicht zu stören, ist die Lüftungsanlage zum Beispiel vollständig ‘versteckt‘.



Ein neues Konzept zieht freilich auch neue Gästestrukturen nach sich. Eggers ist besonders stolz darauf, dass sich "Alt und Jung gleichermaßen wohlfühlen."

Während bei Alex die 16-20-Jährigen mit ihren Eltern angesprochen werden, kommt hier noch die Großelterngeneration hinzu. Das ist kein Zufall, sondern gewollt. Cafe Del Sol will ausdrücklich keine Szene-Location sein. Die Musik ist leise - "man muss sich noch anständig unterhalten können", darüber sind sich alle einig. Große Gruppen von Party-People, die überlegen, wo sie später noch hingehen, um zu feiern, sucht man hier vergeblich. Demgemäß, so Neumann, "schießen auch die Umsätze am Wochenende nicht gnadenlos in die Höhe."

Am Sonntag ist die Tagesschicht sogar noch stärker als an den übrigen Tagen, dann wird Cafe Del Sol zur typischen Ausflugsdestination für Familien. Die durchschnittliche Verweildauer liegt bei 2 Stunden.

Nicht wenige bleiben mehr als doppelt so lange. Bei insgesamt 468 Sitzplätzen kein Problem, wie auch die Zahlen zeigen.

Statt vorsichtig budgetierter 1,5 Mio. Euro rechnet man nun mit 2,5-3 Mio. Euro Netto-Umsatz im ersten Geschäftsjahr. Obwohl keine Szene-Location, entfallen rund 2/3 der Umsätze auf Getränke. Trotzdem: "Es war uns wichtig, eine hohe Food-Kompetenz auszustrahlen", so Meder.

Die Karte signalisiert Qualität vor allem durch Menge und Vielfalt. 11 Rubriken (Caffee & Tee, Softdrinks, Bier, Wein & Sekt, Spirits, Cocktails, Breakfast, Starter, Salads, Main Dishes und Cold as Ice) strukturieren das frische Angebot.

Die Karte selbst: ein Erlebnisbaustein par excellence.

Wie alles Marketing durch die hauseigene Agentur selbst entwickelt. Unterlegt in frischen Sommerfarben wie Sonnengelb und Apfelgrün, angereichert mit lyrischen Sentenzen ("Ohne die Sonne würde es kein Leben geben. Betet sie an.") präsentiert sie sich als kurzweilige Lektüre. Allein das Design ist ein kleines graphisches Meisterstück. In jeder Hinsicht wird das Stichwort ‘Sonne‘ aufgegriffen. Das Werk endet schließlich mit den "angeblich letzten Worten Goethes: mehr Licht".



Hinsichtlich des Speisenangebotes gilt die Maxime ‘Was ist breitentauglich?‘.

Einen kräftigen Schuss Exotik bekommen die beliebten Klassiker mit südlicher Ausstrahlung durch ein witziges Wording verpasst. In der Rubrik ‘Main Dishes‘ findet man z. B. jede Menge Pizza und Pasta mit klangvollen Namen wie ‘Red Sun Spice‘ (feurig scharfe Nudeln mit Paprika, Peperoni und Chilli-Tomatensauce, 6,60 Euro), ‘Latino Lover’s Pizza‘ (die Heißblütige mit Salami, 6,10 Euro) oder ‘Green Paradise‘ (die Vitale mit Spinat, Schafskäse und fresh Kräutern, 7,10 Euro). Pizzen stehen in der Gunst der Gäste weit oben. Pro Abend werden 150 Stück serviert.

Auf Platz 1 jedoch: Starter und Appetizer.

Gerichte wie ‘Miami French Fries‘ (Pommes Frites mit Dip-Trio, 2,50 Euro), ‘Sevilla Session‘ (Ofenkartoffel mit spanischem Schinken, Frühlingszwiebeln und Crème Fraîche überbacken, 5,60 Euro) oder ‘Calcutta Wok‘ (mit Hähnchenbrust und Wok-Gemüse in Currysauce, 5,40 Euro) machen 40 % der Food-Verkäufe aus.

"Bei den Snack-Bestsellern arbeiten wir mit relativ guten Margen", erklärt Eggers. "Dafür sind andere Angebote günstiger."

Die F&B-Relation von 33,7:66,3 kommt dem Wareneinsatz zugute - man hat zudem von langjährigen Lieferantenkontakten profitiert.

Die Küche ist klein, da convenience-gestützt. Soweit wirtschaftlich sinnvoll, wird jedoch selbst produziert/veredelt - etwa die Saucen. Durchschnittlich 500 Essen werden pro Abend zubereitet. "Wir haben aber auch schon 1.000 ‘rausgehauen", schwärmt Neumann.

Derzeit wird deshalb dreimal pro Woche beliefert. Beim nächsten Outlet werden Küche und Lager gleichwohl größer gebaut. Rezepturblätter fehlen ebensowenig wie Tischpläne an der Ausgabe - es geht um Qualitätssicherung, Tempo und Effizienz.

"Man kann vorne nur lächeln, wenn hinten die Organisation stimmt", heißt die Maxime. Neumann unterstreicht einen weiteren Punkt: "Zufriedene Mitarbeiter wirken sich mittelbar auch positiv auf den Wareneinsatz aus."

Bei der Auswahl des Personals wird auf Persönlichkeit und weniger auf Fachwissen geachtet. Spaß an der Arbeit sollen die Mitarbeiter vor allem mitbringen. "Wir haben bereits 4 Leute entdeckt, die wir in den anderen Betrieben als Führungskräfte einsetzen", freut sich Eggers.

Ein Partnermodell soll unter anderem auch deren Motivation fördern. Unterm Dach der Gastro & Soul GmbH als Betreiber des Gesamtkonzepts sind pro Standort Betreibergesellschaften angesiedelt, die sich aus Neumann, Eggers, Meder und einem Partner - in der Regel dem jeweiligen Geschäftsführer - zusammen setzen. Dieser partizipiert durch eine Gewinnbeteiligung entsprechend seines eingebrachten Kapitalanteils. Auch die Expansionspläne stehen bereits.

Noch in diesem Sommer gehen zwei Betriebe in Hannover und Herne an den Start. Bis Ende 2003 sollen insgesamt acht Outlets im Raum Norddeutschland und Ruhrgebiet stehen. Auch der Weg ins Ausland ist nicht ausgeschlossen.

"Das Konzept ist globalisierbar", sagt Neumann. "In 10 Jahren wird es in Deutschland viele Nachahmer geben", vermutet er. Bis dahin heißt es, den Vorsprung auszubauen und zu konsolidieren.

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