Kino-Foodservice

Profil- & Profit-Bringer

2001 war ein gutes Kinojahr. Insgesamt 178 Mio. Film-Fans füllten deutsche Kino-Säle, das macht nie da gewesene 2,16 Besuche pro Kopf und Jahr. 2002 soll das nochmals getoppt werden. Doch auch die erhöhte Auslastung reicht vielen Theater-Betreibern nicht, um rentabel zu agieren. Von Overscreening und Neubausättigung bei Multiplexen ist die Rede. Fachleute gehen für 2002+ von mehr Schließungen als Neueröffnungen sowie von weiteren strategischen Partnerschaften aus. In solch wettbewerbsintensivem Geschehen wird Gastronomie als Umsatz- und Profilbringer immer wichtiger. Denn Bars, Diner & kleine Snack-Einheiten helfen, Kinos als ganzabendliche Entertainment-Destinations zu positionieren und wichtige Deckungsbeiträge zu erwirtschaften. Es tut sich so einiges - eine Bestandsaufnahme.


Im Durchschnitt kann der Foodservice-Part 25-40 % Anteil am Gesamtumsatz auf sich verbuchen: Das skizziert den Stellenwert von F&B - und auch, was da bei so manchem noch aktiviert werden kann, ja muss. Denn in Eintritt und Werbung, den zwei weiteren wesentlichen Posten auf der Einnahmeseite eines Kinos, steckt nur minimaler Spielraum für Preiserhöhung, die Gastronomie und ihre Deckungsbeiträge sind bei vielen überlebenswichtig. Überhaupt: Ohne Essen und Trinken geht es gar nicht mehr. "Der Film-Besucher erwartet am Standort Kino heute ein solches Serviceangebot, auch wenn Essen und Trinken oft nur abgeleitete Nachfrage darstellen", so ein Gesprächspartner. Aber eine wichtige. Gerade das derzeit so wettbewerbsintensive Umfeld hat Kinobetreiber dazu gebracht, die Zusatzofferte F&B als Profilträger aufzuwerten. Bars, Diner, Coffeeshops sollen den Filmabend zu einem Rundum-Erlebnis machen und Kino zu einem Ort aktiver Freizeitgestaltung mit breitem Entertainment-Programm.

Viele führen das gastronomische Portfolio in Eigenregie, einige holen sich dazu externes Know-how durch Marken wie McDonald’s, Burger King oder Pizza Hut. Im Gastro-Mix aller vertreten sind Concessions. Was damals in den ‘Schachtelkinos’ der 70er und 80er Jahre der kleine Kiosk am Eingang, sind seit dem Anfang der 90er in Deutschland begonnenen Multiplex-Zeitalter jene zentral im Kassen- und/oder Kinosaal-Bereich positionierten SB-Stände - mit Klassiker Popcorn und Shooting Star Nachos als Hauptprodukten. Dazu kommt meist süße Impulsware sowie Softdrinks und Bier auf der Getränke-Seite. Aufgrund des starken Stoßzeiten-Geschäftes ist die Flexibilität auf der Produktebene hier stark eingeschränkt. Da wünschte sich mancher Kinogastronom eine bessere Zusammenarbeit mit der Industrie, um gemeinsam vorproduzierbare Produkte zu entwickeln, die durch geringen Wareneinsatz, operativ schnelles und gelingsicheres Handling plus attraktive Präsentationsmöglichkeiten überzeugen. Noch beziehen sich Innovationen im Concessions-Bereich mehr auf Verkaufsförderung am POS: neue Menu-Bords, forciertes (oftmals ausschließliches) Bewerben von Komplett-Angeboten und eine Preisgestaltung, die profitable Maxi-Gebinde promotet. Das hat man von den Fast-Food Ketten gelernt.



Ralf Böhnke, Kieft + Kieft Filmtheater, Lübeck

"Wir müssen Kino noch viel stärker als Entertainment-Destination etablieren, müssen das klassische Verständnis vom Film-Abend neu definieren: hin zum Ganzabend-Programm. Da liegt in einem wettbewerbsintensiven Markt unsere Zukunft. Dass nunmehr 40 unserer 63 Häuser über eine (meist von außen zugängliche) Bar - reines Beverage-Geschäft, mit Sitzplätzen - verfügen, hat strategische Bedeutung. Wir wollen nicht nur von Freizeitaufwertung reden, sondern sie auch leben. Auch im Concessions-Bereich suchen wir neben Popcorn und Nachos neue Wege: In frequenzstarken Häusern bieten wir seit einem Jahr fertig verpackte Dreiecks-Sandwiches für 2,30 Euro an. Das Thema braucht ein wenig, aber es kommt. Versuche mit Hot Dogs und Wraps haben wir wieder eingestellt. Beides sind Produkte, die zu viel Handling- und Reinigungsaufwand fordern. Nicht von ungefähr zeigt lose Ware derzeit schöne Zuwachsraten. Weitere Veränderungen? Wie die meisten sind wir zu Menubords und King Size-Promotions übergegangen - das liefert Entscheidungshilfe. Dann bieten wir Film-Aktionen wie die "Sternenkriegerkombo" zum Star Wars-Film: ein Getränk, Popcorn plus zertifizierter Erwerb von einem Stück vom Mond für 8 Euro. Man muss Erlebnis bieten, von sich reden machen.

Herausforderungen? Durch Kindergeburtstage die Kleinen, durch besseren Service, besseres Umfeld, bessere Optik, Sitzqualität und Akustik als die Mitbewerber die Menschen über 55 zu aktivieren. So wollen wir unseren Marktanteil ausbauen. Noch liegt der Foodservice-Part bei 25 % vom Gesamterlös, aber wer weiß? Stillstand ist Rückschritt."



Rüdiger Clajus, UFA Theater, Düsseldorf

"Relativ neu ist bei uns das Konzept der Free Flow-Supermärkte als zentral positionierte, räumlich abgegrenzte Komplexe mit Drehkreuz am Eingang, abgepackten Produkten à la Popcorn und Nachos in den Regalen, Süßigkeiten-Theke & Co. sowie Zahlvorgang an den Kassen. Vor 3 Jahren haben wir die Idee in Kassel verwirklicht und vor kurzem in Aachen multipliziert. Vorteile? Für den Kunden: größeres Sortiment und kein Gedränge, für uns: geringere Personalkosten. Darüber hinaus besteht unser Gastro-Portfolio aus Concessions mit dem gelernten Kino-Sortiment. Dies vor allem in den Multiplexen. Bestseller hier sind Popcorn, dann Nachos, Softdrinks & Co., sie gehören zum sinnlichen Erleben eines Filmes heute fest dazu. Neues Element in dem Bereich ist unsere Pick- und Mix-Theke ‘Sweet Paradise’, an der unsere Gäste sich lose Süßigkeiten frei zusammenstellen. Die kommt gut an.

Sämtliche Gastro-Einheiten führen wir in Eigenregie, der Foodservice-Anteil am Gesamtumsatz liegt bei 30 %, der Durchschnittsbon bei 1,60 Euro netto. An einigen Standorten haben wir Flächen an Pizza Hut, Burger King, McDonald’s oder auch lokale Anbieter z.T. untervermietet. Warum? Wir sind Kino-Betreiber, keine Gastronomen. Gastronomisches Engagement wird nicht selten als Risiko angesehen."



Jens Heinze, UCI United Cinemas International, Bochum

"Unser F&B-Portfolio besteht im Wesentlichen aus 1-3 zentral im Foyer positionierten Concession-Theken, einer Bar (mancherorts als gebrandete Bier-Bar, mancherorts auch mit Cocktails), einem Pick & Mix-Stand sowie einer Eisbar. Alles in Eigenregie betrieben. In manchen Häusern haben wir Flächen an externe Betreiber wie Pizza Hut oder ein italienisches Restaurant untervermietet.

Der Anteil der Kino-Besucher, die bei uns essen und trinken, liegt bei mindestens 30 % und maximal bei 50 %, der Durchschnittsbon bei 4,50-5 Euro pro Transaktion. In den neuen Bundesländern etwas niedriger. Bestseller sind Softdrinks, dann Popcorn, Nachos und Süßigkeiten. Lernschritte? Man muss die Absatzzahlen genau analysieren und versuchen, mehr von seinen profitablen Produkten zu verkaufen. Wie? Durch klare Kommunikation am POS: weniger, aber richtig heftig. Dazu: statt vieler Einzelposten fast ausschließlich Menu-Angebote in den Vordergrund rücken und die Preise so anlegen, dass sie die Maxi- Einheiten promoten. Außerdem natürlich: Filmaktionen à la Star Wars Menu.

Visionen? Mehr Marken ins Kino und/oder Food-Courts mit Mini-Einheiten, die ganztägig auch für Laufkunden zugänglich sind. Aber das ist noch Zukunftsmusik."



Walter Fuchs, Kinopolis, Darmstadt

"Gastronomie bringt einem Standort Profil. Daher setzen wir neben dem klassischen Concession-Geschäft auch weiterhin auf unsere Fullservice-Konzepte Planet Diner (Food & Drinks), Starter’s Bar (nur Getränke) und seit neuestem auf den mobilen Coffee-Wagen, den wir derzeit in Aschaffenburg und Sulzbach im Test haben. Sicher ist der Deckungsbeitrag hier merklich geringer und die Probleme merklich höher als an den Concessions, aber ohne ein solches Angebot sind wir kein Multiplex, dann sind wir nur ein Kinocenter und das ist heute zu wenig. Vor allem in Standorten auf der grünen Wiese brauchen wir den Foodservice-Part als ganz wichtiges Zusatzangebot. Welches der Service-Konzepte wir in einem Kino verwirklichen, hängt vom Umfeld ab. Fest steht: Wir fahren gut damit, alles in Eigenregie zu betreiben. Denn dass externe Gastronomiebetreiber mehr Geld bringen, stimmt nicht. Zum einen kann es bei Divergenzen in punkto Öffnungszeiten, Leistung, Qualität etc. zu einem enormen Profilverlust für den Film-Komplex kommen, zum anderen sind wir so viel flexibler, durch straffe Betriebsführung auch Durststrecken wie die Sommermonate in Eigenregie zu meistern. Nicht selten gehen externe Betreiber daran zugrunde. Weiterer Vorteil: Wir können uns z.B. in Sachen (Firmen-)Events als Komplettlöser anbieten: Kunst und Küche aus einer Hand offerieren. Ein immer wichtigeres Argument.

Die Zahlen angeschaut, nutzen rund 50 % unserer Kinogäste die Gastronomie (10 % die Fullservice-Einheiten), der Durchschnittsbon an den Concessions liegt bei 2,65 Euro, der im Service-Part bei 15 Euro. Den Gesamtumsatz (ohne Mieteinnahmen) angeschaut, steht der Gastro-Part für 30-40 % des Umsatzes.

Für die Zukunft wünsche ich mir vor allem an den Concessions ein größeres, hochwertigeres, innovativeres Sortiment: weg von Popcorn und Nachos, hin zu mehr Lifestyle und Angeboten à la Wein, Tapas, gutem Brot. Aber das ist noch ein langer Weg. Zunächst versuchen wir hier, über Give-aways, Partner-Menus, T-Shirt-Aktionen oder extra Kinder-Packages Impulskäufe zu schüren. Auch Menubords, die je zur Tageszeit passende Komplett-Angebote promoten, stehen auf dem Plan. Wir haben zu lange zu wenig probiert. Das war unser Fehler."



Markus Raab, Cinemaxx, Hamburg

"An 80 % unserer Multiplex-Standorte agieren wir ausschließlich mit Concessions, an einigen beherbergen die Kinos noch Gastronomie, an anderen Bars, die jeweils an externe Betreiber verpachtet wurden. Dabei handelt es sich meist um lokale Gastro-Partner mit hoher Ausstrahlung und Konzepten, die auch außerhalb der Kinozeiten reichlich Gäste anziehen. Warum wir so etwas nicht in Eigenregie managen? Weil die Investitionen für Entwicklung und Betrieb eines solchen Konzeptes zu hoch sind und die Frequenz im Kino auf die heißen 90 Minuten zwischen 19-20.30 Uhr begrenzt ist. Das rechnet sich nicht. Außerdem fehlt uns jene personenbezogene Anziehungskraft des Wirtes von der Ecke. Und: Wir verstehen uns als Kinobetreiber, d.h. wir definieren unser Profil, unsere Marke viel stärker über Aktionen zu Filmen als darüber, die Currywurst bildlich gesprochen anders als die Mitbewerber z.B. mit Senf anzubieten. Daher konzentrieren wir uns auf die Concessions. Neu sind hier die 2001 eingeführten Candy Shops, an denen sich der Besucher Süßes selbst zusammenstellen kann. Seine Tüte wird schließlich per Gewicht abgerechnet. Sonst dominieren weiterhin Popcorn und Nachos unser Angebot - Neues kaum in Sicht. Übrigens auch in den USA nicht. Warum auch? Wir machen letztlich mit 5 Produkten 90 % unseres F&B-Umsatzes. Bestseller ist die Softdrink-Range mit 36-40 % Anteil, dann Popcorn - süß und salzig, groß und klein - mit 30-35 %, gefolgt von Nachos mit 8-10 %, Bier mit 8 % und Eis mit 6 %. In unterschiedlichen Kombinationen ergibt dies einen Menu-Pool von 12 "Gerichten", aus dem der lokale Theaterleiter frei wählen kann. In den letzten Monaten haben wir verstärkt Film-Packages in den Fokus gerückt. So z.B. vom 14.3.-30.4. das "Ice Age-Package" aus 4,6 l Popcorn und 1,0 l Coca Cola. Es ist über 40.000 mal über den Tresen gegangen. Für September ist eine Sammelserie geplant. Man muss dem Gast etwas on top geben, denn er weiß sehr genau, wie viel die Einzelartikel kosten. Da bedarf es immer neuer Kaufanreize. Pro Jahr sind zukünftig 4-5 solcher Aktionen geplant, die stets mit Mitarbeiter-Incentives verknüpft werden. Das Team, welches proportional zur Anzahl der Kino-Besucher den größten Absatz vorweist, erhält einen ausgelobten Preis. Überhaupt: Gut motivierte, schnelle Mitarbeiter sind das A&O für Erfolg am Point of Sale. Zahlen? Der Anteil der Kinobesucher, die unsere Gastronomie nutzen, liegt bei Cinemaxx aus dem Bauch heraus bei 40-50 %, der Durchschnittsbon je nach Standort zwischen 1,70 und 2,80 Euro und der Anteil des F&B-Parts bei 23 % vom Gesamtumsatz."

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