Dramatischer Fall

Raststätten-Pächter insolvent

Die Familie war seit 1953 Pächter der Bundesautobahn-Raststätte Holledau. Im April musste die Dr. Habermeyer GmbH & Co. KG für insgesamt vier Autobahn-Anlagen (2 x Vaterstetten, Fürholzen und Holledau) Insolvenz anmelden. Seitdem läuft der Betrieb unter dem vorläufigen Insolvenzverwalter Michael Jaffe weiter.
 
Die Reisenden können ganz normal tanken, essen und einkaufen, und auch die Lohnzahlungen seien gesichert. „Es gibt keinerlei Beeinträchtigungen für Mitarbeiter oder Kunden“, so Sebastian Brunner, der Sprecher von Jaffe.
 
Dr. Willy Habermeyer hat nach eigenen Angaben in der Spitze rund 20 Mio. € Jahreserlöse (ohne Treibstoff) an seinen Raststätten erzielt. Er war über lange Zeit, bis vor wenigen Wochen, 1. Vorsitzender von UNIPAS (Union der Pächter von Autobahn-Service-Betrieben e.V.) und damit oberster Interessenvertreter aller Pacht-Partner von Tank & Rast.
 
Große Frage: Wie kam es zu diesem Crash? Wo muss man die Ursachen der Insolvenz suchen?
 
Es war Habermeyer nicht mehr möglich, Pachtrückstände in Höhe von 1,1 Mio. € zu bezahlen. Er: „Vor allem durch Bauarbeiten auf den Autobahnen im Bereich der Raststätten sind die Umsätze dramatisch eingebrochen. Baustellen für knapp eineinhalb Jahre, das ist ohne echte Hilfe praktisch nicht zu verkraften.“
 
Im Frühjahr 2011 betrugen die angehäuften operativen Verluste des Unternehmers ab 2008 rund 1,4 Mio. €. Es entstand eine immer größere Liquiditätslücke, dabei wirkt Fixkostenpacht problem-verschärfend.
 
Schon 2010 kam es zu einer Stundungsvereinbarung zwischen Habermeyer und der Tank & Rast, Bonn. Diese wurde im Frühjahr 2011 gekündigt, die Bonner haben Mitte April die Forderungen fällig gestellt.
 
Die Stundung sei, so Dr. Habermeyer, zu einem extrem schlechten Zeitpunkt gekündigt worden. Jetzt im Mai/Juni, mit der beginnenden Sommerreisesaison, wäre die wirtschaftliche Situation wieder besser geworden. Der Pächter wirft der Tank & Rast vor, zunächst eine Ratenzahlung akzeptiert, dann aber das Geld doch auf einmal eingefordert zu haben.
 
Tank & Rast sieht die Situation allerdings anders. Über einen längeren Zeitraum habe man versucht, den Pächter zu stützen. Unter anderem durch einen Pachtverzicht in erheblicher Höhe. Pachtstundungen im Volumen von mehr als 1 Mio. € – und andere umfangreiche Hilfsmaßnahmen seien getätigt worden. So Unternehmenssprecher Andreas Rehm. Dabei habe man auch Forderungen in erheblicher Höhe abschreiben müssen. Zwischen Habermeyer und der T&R sei eine Stundungs- und Sanierungsvereinbarung geschlossen worden, die bestimmte Verpflichtungen (System, Beratung usw.) des Pächters enthalten habe. Diese seien jedoch nicht eingehalten worden. Damit entfalle die Grundlage für die Vereinbarung.
 
Aus Bonn heißt es, Tank & Rast bedaure, dass der Pächter trotz diverser Stützungsmaßnahmen Insolvenz anmelden musste. Es handele sich um einen Einzelfall, dessen Ursache ausschließlich individuelle unternehmerische Entscheidungen seien. „Die Pächter von Tank & Rast sind in der Regel wirtschaftlich erfolgreich und finanziell gesund“, so die Organisation. Man bestätigt die Anmeldung der Insolvenz der Dr. Habermeyer GmbH & Co. KG. Im Interesse der Kunden und der rund 240 Mitarbeiter setzte sich Tank & Rast für eine zügige und wirtschaftlich langfristig tragfähige Neuverpachtung der Rastanlagen Holledau, Fürholzen und Vaterstetten ein.
 
Bonn betont, dass in den letzten Jahren über 800 Mio. € in das T&R-Netz investiert wurden. Und natürlich hat man die Pacht erhöht – analog zum verbesserten Raststättennetz und seinem verbesserten Image. Man stehe zum kooperativen System, heißt es immer wieder. „Alles was wir tun, haben wir mit den Pächter-Vertretern ausführlich besprochen.“ So das Management. Am Ende des Tages gehe es für alle darum, sich um die Kunden zu kümmern. Ganz klar: Die Zukunft spielt im System, das zeigen die Zahlen überdeutlich. Restaurant-Marken und ihre stringente Umsetzung verstehen sich als wichtige Voraussetzung für wachsende Umsätze.
 
Habermeyer betont, dass seine Schwierigkeiten mit der Übernahme der beiden Anlagen in Vaterstetten 2008 ins Rollen kamen. „Davor haben wir gute unternehmerische Erfolge gehabt.“ Zu erheblichen Umsatzeinbußen und damit Verlusten durch den anhaltenden Baustellenbetrieb sei ein weiteres Problem gekommen, das alle Pächter beträfe: Ein neues Sanifair-Gebührenmodell mit Frequenzeinbußen bei gleichzeitiger Kostenerhöhung.
 
Immer mehr unternehmerische Einschränkungen und immer mehr Gebühren, so die ganzheitliche Problemlage in seinen Augen. Einer Umfrage zufolge, an der allerdings nur gut die Hälfte der Pächter teilnahm, gibt’s wachsenden Missmut mit der Entwicklung.
 
Die Autobahn Tank & Rast GmbH mit Dr. Karl-Heinrich Rolfes als Geschäftsführer an der Spitze, gehört seit Anfang der Nuller-Dekade dem britischen Finanzinvestor Terra Firma sowie Rreef (Infrastrukturgesellschaft/Vermögensverwaltung der Deutschen Bank). Nur ganz wenige der insgesamt 390 Tankstellen und Raststätten am deutschen Autobahnnetz werden in Eigenregie geführt, die allermeisten sind verpachtet an aktuell knapp 130 Pächter. In den letzten Jahren hat man die sogenannte Multi-Unit-Betreiberkonstellation forciert, auch befinden sich heute an einem Standort in aller Regel Tankstelle und Raststätte in einer Hand. Ein wichtiger Fortschritt, der zukunftweisend ist.
 
Nach der Insolvenzanmeldung von Habermeyer kam es im Mai zu einem Treffen von knapp 100 Pächtern in Frankfurt. Neuer 1. Vorsitzender von UNIPAS könnte, so heißt es, Ronald Graetz werden – bis 2005 ihr 2. Vorsitzender. Das Lager der Pächter sei gespalten, zufrieden contra unzufrieden. Verhärtete Fronten, so scheint es.
 
Von Pächtern wird angeführt, dass der Druck auf sie wachse. Ganz einfach auch, weil die Eigentümer der Tank & Rast-Organisation ihre Finanzierung auf über 2 Mrd. € Schulden ausgeweitet haben. Es gelte also, mit entsprechenden Summen diese Kredite zu bedienen.
 
Habermeyer hat bei diesem Treffen seine Situation geschildert und seine Gutgläubigkeit als Fehler definiert. Er versucht, seinen Autohof in Schweitenkirchen halten zu können.
 
Im Ranking der größten Gastronomen Deutschlands steht die Autobahn Tank & Rast GmbH 2010 mit geschätzten 595 Mio. € Nettoerlösen (±0 zum Vorjahr) auf Platz 4. Nach der LSG und vor Nordsee.
 
www.tank.rast.de


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