Tikis & Hibiskus

Schöne Grüße von der Südsee

Machen zwei exotische Accessoires schon einen Sommertrend? Abwarten. Auf jeden Fall machen sie Laune: Tikis, stilisierte Götzen aus Palmenholz, und bunte Riesenblüten – beides Importe aus der Südsee. Bis nach Berlin ist sie schon geschwappt. Ob die Exotikwelle dort strandet und versandet oder bis nach München rollt, werden die nächsten Monate zeigen. Grenzenlos hitverdächtig ist auf jeden Fall in diesem Sommer der Magnum-Look und Hula-Style: Hawaii-Hemden, -Shorts und T-Shirts, Blusen und Röcke mit großzügigen floralen Mustern. Sogar auf Schuhen und Gürtelschnallen blühen Lotus und Hibiskus, selbst Pampasgras und Yuccapalmen finden in diesem Jahr ideale Wachstumsbedingungen auf vielen Designerstücken. Das passende Lebensgefühl zum Look gibt’s in Tiki-Bars: Hier findet nicht nur der Kult um die polynesischen Kultfiguren ein kuscheliges Zuhause, sondern auch alle auf der Suche nach einer Oase im Großstadtdschungel. Tiki steht für die Sehnsucht nach paradiesischen Urzuständen, Lounge statt Party. Flucht aus dem Alltag, ganz in der Nähe. Mit fruchtigen Cocktails und fluffiger Musik. Neu ist der Hang zum Exotischen in wirtschaftlichen Krisen nicht, aber dem Südseeflair blüht offenbar gerade ein Comeback. In Berlin gibt es inzwischen eine Handvoll Gastro-Konzepte, die dem Tiki-Kult huldigen, zum Beispiel der Tabou Tiki Room, das Tiki Heart oder die Kahuna Lounge. Die Lounge in der Körtestraße lässt ihre Gäste schon seit 1997 in die Südsee abtauchen, die beiden anderen feiern 2005 Einjähriges. Während sich Tiki Heart dem Rock’n Roll verpflichtet und an eine einfache Strandbar in Florida erinnert, präsentiert sich das Tabou Tiki weitaus detailverliebter. Traditionelle Fasertapeten, Korblampen in Fischform, kunstvoll geschnitzte Baumstämme und Wandmalereien schmücken die Szene-Bar am Maybachufer im Stadtteil Neukölln. Ein weiterer Botschafter der Südseewelle ist der Kanadier Gordon W. mit seinem polynesischen ’W – der Imbiss’ im Prenzlauer Berg. Nicht weit davon entfernt betreiben Annika & Alex Graalfs das Rock-A-Tiki. Seit vier Jahren ’verticken’ sie dort alles, was irgendwie Tiki ist – neben einer eigenen Modelinie mit Hawaii-Hemden und Kleidern auch Kunstblumenketten, Baströcke, Tassen, Bücher, CDs. Und: Jeden ersten Freitag im Monat steigt die Rock-A-Tiki-Lounge im Delicious Doughnuts in der Rosenthaler Straße. Bisher gehörte Tiki zu ganz bestimmten Szenen, z. B. den Rockabillies. Jungs & Mädchen, Männer und Frauen, die den Stil und die amerikanische (Pop-)Kultur der 50er Jahre verehren und leben. Damals war Tiki ein Massentrend in den USA, ein Exportschlager, den amerikanische Soldaten aus der Südsee mitgebracht hatten und der schnell populär wurde. Nach dem zweiten Weltkrieg war die Sehnsucht nach Exotik so groß, dass ganze Wohnanlagen, Motels und Hotels, Restaurants und Bars im Hula-Schick entstanden. Tikis waren im Nordamerika der 50er und 60er Jahre so verbreitet wie Gartenzwerge in Deutschland. Ob Salzstreuer oder lebensgroße Skulpturen in Parks und Gärten – die Götzenfiguren waren aus dem amerikanischen Alltag nicht mehr wegzudenken. Als Urväter des Trends gelten Victor Bergeron und Ernest Beaumont-Gantt. Bekannt wurden sie als Erfinder der weltberühmten Bar- und Restaurantketten Trader Vic’s und Don the Beachcomber. Mit dem Trader Vic’s schuf der begnadete Barkeeper Bergeron im kalifornischen Oakland 1934 eines der ersten Themenrestaurants: französisch-polynesische Küche im Südsee-Ambiente. Der Cocktail-Klassiker Mai Tai ist nur einer seiner Kreationen. Inzwischen gibt es weltweit mehr als 20 Trader Vic’s, seit 2003 auch eines in: richtig, Berlin. Gemütlich gemacht hat es sich im Untergeschoss des Hiltons am Gendarmenmarkt. Für das Tiki-Erlebnis de luxe sorgen nicht nur eine feine Küche, sondern auch an die 80 Cocktails – serviert an Bambus- und Rattan-Inseln unter Fischernetzen. Locker und entspannt abtauchen heißt hier trotz der gehobenen Preise die Devise. Mit den Fingern zu essen ist ebenso erlaubt wie Beine & Seele baumeln zu lassen. Denn der Tiki-Trend hat vor allem ein Ziel: Entspannung. Mehr über den Kult, seine Wurzeln und Blüten zeigt der üppige Bildband ’The Book of Tiki’ von Sven Kirsten, erschienen im Taschenverlag, ISBN 3-82282433-X. www.kahunalounge.de www.hilton.de http://taboutikiroom.com www.tikiheart.de www.rock-a-tiki.de http://bookoftiki.com

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