"Geiz ist geil"

Zum Sparen der Deutschen

Die Deutschen sparen sich zu Tode und die Regierung hat diese Angst zusätzlich geschürt. Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt. Konsum beginnt im Kopf, nicht in der Geldbörse. Eine Ist-Aufnahme von Peter Paul Polte, Chefredakteur unserer Schwester-Zeitschrift TextilWirtschaft. Praktisch alle Aspekte des hier diskutierten Einzelhandels treffen auch auf die Gastronomie zu. Verweigerung. Am Dienstag voriger Woche lief im Maritim-Hotel in Köln eine BTE-Tagung über "Perspektiven für den Konsum". Ulrich Eggert von der BBE zeigte Daten über den vehementen Strukturwandel im deutschen Einzelhandel. Das war für alle Beteiligten schon dramatisch genug. Einen Tag später waren City Lights in ganz Deutschland überflutet mit einer Schlagzeile des Medienhauses Saturn "Geiz ist geil. Probieren Sie es aus." Da hatte der Zeitgeist voll zugeschlagen. Diese Headline zeigt fast ikonographisch den kauf-psychologischen Lähmungs-Zustand der Republik. Der Handel erstickt seit Monaten in einer für viele Unternehmen existenzbedrohenden Verweigerungshaltung der Verbraucher. Das folgenreiche Drama der Verweigerung hatte im Mai 2000 begonnen, als der Börsencrash zunächst schleichend begann und sich dann zur größten Vermögens-Vernichtungs-Maschinerie seit Menschengedenken entwickelte. Der deutsche Attentismus steigerte sich mit der Einführung des Euro. In keinem anderen Land Europas haben wir derzeit eine so verheerende Kauf-Abstinenz wie in Deutschland. Nun wird argumentiert, dass die deutsche Konjunktur vom Export getragen wird. Das ist eine Illusion. Die Ausfuhren tragen nur ein Drittel zur Wirtschaftsleistung bei. Die Verweigerung gefährdet die deutsche Wirtschaft. Die schaut natürlich nicht tatenlos zu. Viele Industrien kämpfen mit neuen Produkten und innovativen Strategien, alle treten auf die Kostenbremse und aktivieren das Kreativitäts-Management in den Betrieben. Das reicht aber nicht. Die deutsche Wirtschaft braucht Verbraucher, die mit Lust ihr Geld ausgeben. Verunsicherung. Im Sommer schien es, als habe sich die Stimmung beruhigt. Viele hatten gehofft, die Wahlen würden Weichen für vernünftige Reformen in Sachen Gesundheit, Renten, Arbeitsmarkt stellen. Genau das ist nicht passiert. Angeboten wurde stattdessen ein solches Durcheinander von widerstreitenden Ideen, dass die Menschen nun vollends verwirrt sind. Wenn durch den Bundesrat kommt, was die Reformen versprechen, dann haben wir staatlich garantierte Plünderungen in allen Bereichen privater Vorsorge. Und das in einem Land, das seit den Verheerungen der Inflation in den zwanziger Jahren ohnehin von Angst und übertriebenem Sicherheitsdenken geplagt ist. Jetzt sind die Zeitungen voll von Analysen, dass der drittgrößten Volkswirtschaft der Erde das gleiche widerfahren könnte wie der zweitgrössten: Das Abrutschen in Deflation mit stetig sinkenden Preisen und stetig konsumresistenten Verbrauchern. Gewinner dieser Angstlust-Phase sind die Discounter, die nun ihrerseits anfangen, sich zu zerfleischen. Zum erstenmal in seiner Geschichte hat sich Aldi zu einem Exklusiv-Gespräch mit der "Lebensmittelzeitung" geöffnet und dabei sehr deutlich gemacht, dass dieser grosse Gewinner der Rezession gegenüber allen anderen aggressiven Mitbewerbern auf Preisführerschaft besteht und dass die Kriegskasse prall genug gefüllt ist, um in einem Preiskrieg angreifende Mitbewerber zu vernichten. Das Gespräch in der LZ zielt auf Untereinstandspreis-Aktionen von Lidl. Der im Endeffekt gezähmte Preiskrieg, der im Lebensmittelhandel noch einigermaßen funktionieren könnte, würde bei ähnlichen Strategien in unserer Branche zu einem Flächenbrand ausarten, der alle trifft. Denn wir haben entbehrliche Güter, auf die in einer Angst-Phase viele gänzlich verzichten könnten. Selbstzerstörung. Nun kann man das Sparen nicht verbieten und das Konsumieren nicht befehlen. Die Headline "Geiz ist geil" richtet sich aber wie ein Bumerang gegen seinen Absender. Wer geizig ist, der konsumiert überhaupt nicht mehr, weil er sich selbst nichts gönnt und anderen schon gar nicht. Deswegen ist der Geiz seit Papst Gregor I in der katholischen Glaubenslehre eine der 7 Todsünden. Nun sind wahrscheinlich den Protagonisten der rot-grünen Koalition die 7 Todsünden ziemlich egal, nicht aber dem Wohlergehen der deutschen Wirtschaft. Was kann man tun? Wir haben keine reale Verarmung der deutschen Bevölkerung, wir haben zunächst nur ein Verarmungs-Syndrom. Der GfK-Vorstand Klaus Wübbenhorst hat im Sommer in einem Interview mit der "Zeit" gesagt: "Konsum beginnt im Kopf, nicht in der Geldbörse." Die Deutschen sind ja nicht arm, sondern reich. Unsere Sparquote ist im internationalen Vergleich eine der höchsten. Die Deutschen sparen fünfmal so viel wie die Amerikaner und wenn sie in Rente gehen, haben sie durchschnittlich ein Vermögen, von dem sie 10 Jahre leben könnten. Selbst Sozialhilfe-Empfänger sparen. Was sich hierzulande im Moment abspielt, ist ein Psycho-Drama. Eine Mischung aus international schlechter Konjunktur, hausgemachter Reformunfähigkeit und von oben verordneter Verängstigung der Bürger. Vor diesem Hintergrund kommen Schlagzeilen wie "Geiz ist geil". Geiz ist nicht geil, sondern dumm und verabscheuungswürdig und wer solche Schlagzeilen in die Welt setzt, der sollte sich nicht wundern, wenn er von den Auswirkungen seiner eigenen Parolen stranguliert wird. Alle Meinungsführer sollten sich händeringend bemühen, den Verbrauchern Vertrauen zu geben. Denn nur mit Vertrauen in die Zukunft ist Zukunft zu gewinnen.



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