70 Jahre Autobahnraststätten in Deutschland

Heute vor exakt 76 Jahren eröffnete Konrad Adenauer, damals Oberbürgermeister von Köln, die erste 'Kraftfahrzeugstraße' zwischen Köln und Bonn. Vor exakt 70 Jahren, nämlich 1938, wurde am Chiemsee das erste Rasthaus für Erholungs- und Reiseverkehr eröffnet. Siehe Bild. Bis zum Kriegsausbruch 1939 entstand ein dichtes Netz an Raststätten, später gab's einen totalen Baustopp, 1945 lagen fast alle Anlagen in Trümmern. Es folgte der Wiederaufbau mit der Gesellschaft für Nebenbetriebe der Bundesautobahnen mbH (GfN). Heute zählt das Netz in Deutschland knapp 400 Raststätten, mit denen die Autobahn Tank & Rast Holding GmbH Deutschlands viertgrößter Gastronom ist. Dipl.-Ing. Ursula Kohte, Architektin und Gastronomieplanerin, hat die 70-jährige Geschichte der Autobahnraststätten in Deutschland – konzeptionell und gestalterisch – in einen lesenswerten Beitrag gepackt. Hier ihre Ausführungen, sie basieren größtenteils auf dem Buch 'Die Autobahn und ihre Rastanlagen – Geschichte und Architektur', das 2005 im Michael Imhof Verlag erschienen ist. Die Autoren: Ralph Johannes und Gerhard Wölki. 1929 war die erste 'Kraftfahrzeugstraße' zwischen Köln und Bonn begonnen worden. War Anfang der dreißiger Jahre noch eine einzelne Autobahnverbindung, die 'Hafraba', zwischen Hamburg, Frankfurt und Basel in privater Trägerschaft geplant worden, so folgte ab 1933 der Ausbau eines Netzes der Reichsautobahn gemäß einem staatlichen Gesamtplanungskonzept, das maßgeblich Dr. Fritz Todt, Generalinspektor für das deutsche Straßenwesen, entwickelte. Straßen für das neue Verkehrsmittel Auto waren notwendig geworden. LKWs hatten begonnen, den Warentransport zu erobern. Neuer Reiseverkehr setzte ein: mit dem privaten Auto wie mit dem vom Reisebüro organisierten Omnibus. Die Versorgung der Reisenden forderte Rastanlagen. – Eine Pionieraufgabe! – Unterlagen über die besonderen Bedürfnisse der Autoreisenden lagen weltweit noch nicht vor. U. a. nach monatelangen Fahrten mit Fernfahrern, zahllosen Aufenthalten in Fernfahrerkneipen konnten Raumprogramme von Fachleuten aufgestellt, die Abstände der Rastanlagen festgelegt und es konnte im Jahre 1937 mit dem Bauen begonnen werden. Beispiel: 1938 wurde am Chiemsee das erste Rasthaus für Erholungs- und Reiseverkehr eröffnet. Bis zum Kriegsausbruch 1939 entstand ein dichtes Netz von Raststätten. Die Gestaltung von Autobahn und Raststätten legte auf die Verbindung von Straße und Landschaft, Technik und Architektur besonderen Wert. Auf die umgebende Landschaft abgestimmt wurden die Gebäude mit heimischen Materialien errichtet (und folgten zugleich herrschendem Staatsstil). In den Küchen der Raststätten wurden Lebensmittel der Region frisch zubereitet - vor der Verbreitung der Kühltechnik eine Selbstverständlichkeit. Die Speisekarte war die einer gut bürgerlichen Gaststätte mit besonderem Angebot für LKW-Fahrer. Im Kriegsjahr 1942 wurde ein totaler Baustopp verhängt. 1945 lagen fast alle Raststätten in Trümmern. Für Wiederaufbau, Neuanlage und Betrieb der Raststätten an den Autobahnen – jetzt Bundesautobahnen – wurde 1951 die Gesellschaft für Nebenbetriebe der Bundesautobahnen mbH, (GfN) gegründet, ein im Bundesbesitz befindliches Unternehmen, das nach privatwirtschaftlichen Grundsätzen geführt wurde. Auf Grundlage von Verkehrszählungen stellte die GfN Musterplanungen auf, die jeder örtlichen Planung zu Grunde zu legen waren. Neben der Wiedererrichtung der meisten im Krieg zerstörten Anlagen entstanden zahlreiche neue Raststätten. Entsprechend der Architektur der fünfziger Jahre griff man auf den Heimatstil zurück oder gestaltete zeitgemäß schwungvoll dynamisch. Beispiel:1954 wurde die Raststätte Garbsen West gebaut, ein Ausflugsziel mit Badegelegenheit. Das Speisenangebot entsprach der damaligen Nachfrage. Man war glücklich, wieder genug zu essen zu haben, und stellte keine hohen Ansprüche. Die angebotenen Speisen, noch regional geprägt, wenig spezialisiert, fanden großen Absatz. PKW- und LKW-Fahrer fanden eigens für sie eingerichtete Gasträume vor. Alle Gäste wurden von Kellnern bedient. Der groß angelegte Produktionsbereich war für Stoßbetrieb dimensioniert. Die Großküchentechnik hatte nach dem Krieg einen riesigen quantitativen Aufschwung zu bewältigen. Revolutionäre Veränderungen in der gesamten Gastronomie brachte ab Mitte der fünfziger Jahre der breite Einsatz der Kühltechnik mit sich. Frische Zubereitung konnte durch industriell gefertigte Kühl- bzw. Tiefkühlkost ersetzt werden. Die Möglichkeit zur Trennung zwischen Individual- und Systemgastronomie war darin angelegt. Mit steigender Lebensfreude der sechziger Jahre wuchsen die Ansprüche an Qualität und Vielfalt der Speisen, an Preiswürdigkeit und Schnelligkeit der Bedienung. 1961 wird die erste Raststätte mit Selbstbedienung in Seesen am Harz gebaut. Hektische Eile der Autofahrer und Überfüllung während der Hauptreisezeit hatten beim Verkehrsministerium den Entschluss dazu reifen lassen. Der Höhepunkt des Wiederaufbaus in den sechziger Jahren hatte zu einem sprunghaften Anstieg der Bautätigkeit geführt. Zügiger Autobahnbau forderte auch seine rechtzeitige Ausstattung mit Rastanlagen. Auf Grund von Arbeitskräftemangel und steigenden Lohnkosten wurden ausgefeilte Fertigbausysteme entwickelt. Mit dem Bau von Fertigteilraststätten wurde 1968 begonnen. Rund 17 Jahre lang entstanden zweckmäßige Einrichtungen, doch ohne die gewachsenen Ansprüche der Gäste auf Gestaltung und Speisenqualität zu folgen. Zwar hatte 1969 eine Verkehrserhebung stattgefunden, aber auf Marktanalyse und Ausarbeitung von Angebotsstrategien hatte man verzichtet. In den siebziger Jahren wuchsen trotz Erdölkrise, wirtschaftlicher Stagnation und steigenden Arbeitslosenzahlen die allgemeinen Ansprüche weiter. Im gastronomischen Bereich stieg der Trend zum Erlebnis und förderte die Spezialisierung. Für die deutsche Individualgastronomie begann die Herausforderung, sich neben dem Vordringen der Systemgastronomie zu behaupten. Während die architektonische Gestaltung zwischen Nostalgie und Moderne schwankte, führte Energiebewusstsein im Bereich des Technischen Ausbaus zu ausgereiften Neuentwicklungen. ndere Fortschritte sowohl in der Gastronomie als auch in Architektur und Technik waren am Raststättenbau vorbeigegangen. Um 1985 war die ehemals international führende Stellung deutscher Raststätten ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Um die deutschen Raststätten im internationalen Vergleich wieder an die Spitze zu führen, plädierte 1986 das Bundesverkehrsministerium für eine grundsätzliche Erneuerung . In einer Grundlagenanalyse wurden 25 Jahre praktischer Erfahrung in- und ausländischer Raststättenbetreiber von Dr. Kaub ausgewertet und 1987 wurde von ihm das Konzept 'Raststätte der Zukunft' vorgestellt. Es sollte bis in die neunziger Jahre hinein richtungweisend werden. Beispiel 1993: Breisgau Ost ist neben vielen anderen Raststätten, die in den neunziger Jahren gebaut wurden, von hervorragender Qualität bezüglich Konzept, Großküchenplanung und Architektur. Durch besonderes Engagement hoben sich einzelne Raststätten hervor: die Kunstraststätte Illertal Ost und die 'Umweltgerechte Autobahnraststätte' Aachen Süd, die 1993 als Gemeinschaftsprojekt von Bundesinnenministerium, GfN und ADAC errichtet wurde. Neben diesen zukunftsweisenden Entwicklungen begann 1989 fast unbemerkt – mit McDonald's – die Systemgastronomie auf deutschen Autobahnen. Sie nahm mit der stufenweisen Privatisierung des Bundesunternehmens GfN raschen Fortgang. In den Jahren 1991-94 ließ der Finanzminister das Unternehmen in die Aktiengesellschaft 'Tank & Rast' umwandeln. Mit dem Verkauf der bundeseigenen Anteile 1998 wurde die Privatisierung abgeschlossen. Das Unternehmen definiert seine Marktstrategie wie folgt:„An den Standorten von Tank & Rast finden Autobahn-Reisende neben der traditionellen Gastronomie Angebote international bekannter Marken, die vor allem jüngere Kunden ansprechen. Dabei verstehen sich Burger King, Nordsee, McDonald's, Barilla oder die Kaffeebars von Lavazza und Segafredo ganz klar als Zusatz-Offerte und liefern so den Beweis, dass Systemgastronomie und klassische Gastronomie erfolgreich nebeneinander betrieben werden können.“ Mittels präziser Marktanalysen hat Tank & Rast unter dem Markennamen 'Serways' eigene Konzeptbetriebe entwickelt, in denen das Unternehmen mit gastronomischen Partnern kooperiert. Das Beispiel Brohltal West, eine frühere 'Raststätte der Zukunft', (1991) wurde unter dem Zeichen 'Serways' in Eigenregie übernommen und umgebaut. Die Raststätte Medenbach Ost, betrieben von Mövenpick Marché, hat 2007 der ADAC als beste Raststätte Europas ausgezeichnet. An den Autobahnen laden heute Raststätten modern, farbig, sauber und werbewirksam zur Erholungspause nach anstrengender Fahrt ein. Ihr Stil, weltweiter Systemgastronomie angepasst, ist rund um die Welt anzutreffen. Die Entwicklung neuer Rast- und Tankanlagen ist im Laufe der Zeit jeweils dem gesellschaftlichen – sozioökonomischen und ökologischen – Wandel gefolgt. Geänderte Wertvorstellungen und Bedürfnisse spiegeln sich in der Gestaltung wieder. Die Gestaltung einer Rastanlage, auch heute ein Ort der Ruhe und Erholung an einer pulsierenden Verkehrsader in der Landschaft, ist sowohl eine architektonische als auch eine landschaftsgestaltende Aufgabe. Funktionale Erschließung, Eingangsbereiche und Außenterrassen sind Teil der Topografie, während das Gebäude sich einfügt oder in Form und Material in bewusstem Gegensatz zu seiner Umgebung tritt. Gut gestaltete Innenräume können zum Raumerlebnis werden Der Produktionsbereich ist dem Gastronomiekonzept entsprechend zu planen und zu minimieren. Explodierende Energiekosten haben zu ungeahntem Fortschritt beim technischen Ausbau angestoßen. www.gastroplanung.net kohte@gastroplanung.net www.imhof-verlag.de www.tank.rast.de


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