BSE-Krise psychologisch betrachtet

Interview mit Prof. Dr. Volker Pudel, Universitätsklinik Göttingen, Ernährungspsychologische Forschungsstelle Was läuft beim Verbraucher bei Lebensmittelskandalen psychologisch ab? Wie verarbeitet er Informationen/Ängste - kurz- und mittelfristig? Prof. Dr. Volker Pudel: Lebensmittelskandale erzeugen beim Verbraucher Unsicherheit, d.h. sie stören das angenehme Gleichgewicht. Psychologen sprechen von einer kognitiven Dissonanz, die beim Verbraucher entsteht, die er aber nicht ertragen kann. Dadurch werden Prozesse aktiviert, die Dissonanz wieder in Konsonanz wandeln. Abwehrmechanismen: Bagatellisierung des Risikos ("Mir passiert nichts"), Bestreiten der Glaubwürdigkeit der Information ("Statistik lügt") oder auch eine Verhaltensänderung (Verzicht auf bestimmte Lebensmittelmittel). Aus Unsicherheit kann Furcht (spezifisch z.B. vor Rindfleisch) oder generelle Angst (unspezifisch z.B. vor Nahrungsaufnahme) werden. Typisch für emotionale Befürchtungen ist, dass sie rationaler Argumentation nicht zugänglich sind. Da es sich um eine emotionale Verunsicherung handelt, unterliegt sie der Vergessenskurve. BSE übertrifft in der Reaktion alle großen Lebensmittelskandale der letzten 10 Jahre - warum? VP: Der Unterschied ist ganz eindeutig. Während die anderen Skandale punktuell entdeckt wurden und in die Medien gerieten, hat BSE eine schleichende, jahrelange Vorgeschichte. Sie sorgte immer wieder erneut für Verunsicherung, die dann partiell wieder abgebaut, aber immer wieder aktualisiert wurde. Da es um Fleisch geht, ist das Verunsicherungspotenzial besonders extrem, denn schließlich war "Fleisch immer ein Stück Lebenskraft", Ausdruck eines guten Essens, Zeichen für gehobenen Lebensstil. Rindfleisch galt immer als das Top-Genussmittel unter allen Lebensmitteln, von dem früher der Vater am Sonntag ein besonders großes Stück bekam. Wie wirkt in solchen Momenten psychologisch
a) seriöse Information?
VP: Sie liefert Argumente, die den emotional aufgebrachten Verbraucher kaum erreichen, zumal er die komplizierten Zusammenhänge nicht wirklich verstehen kann (selbst die Wissenschaft versteht das Gesamtgefüge BSE nicht vollständig). Besser als seriöse Information wirkt ein seriöser, sympathischer Informant, dem man vertraut und Kompetenz zuschreibt. b) Verbraucher-Diskussionen in Rundfunk, TV und Yellow-Press? VP: Sie verstärken natürlich die Verunsicherung, da dort die geheimen Ängste eines Jeden gut formuliert artikuliert werden. Der Zuschauer/Hörer/Leser erfährt zusätzlich Aspekte, die seine Verunsicherung verstärken. Solche Veranstaltungen verschärfen eher die Situation als sie zu entschärfen. c) Politiker-Reden und -Versprechungen? VP: Sie haben wenig Chancen auf eine positive Wirkung, da sich der Zorn der Verbraucher gegen diese Funktionsträger richtet und jeder weiß, dass "die mich nur beruhigen wollen". Wie sollen die Leute mit ihrer Angst umgehen? VP: Da gibt es kein gutes Rezept, denn Angst ist als Gefühl gegen Vernunft immun. Menschen gehen mit der Risikobewertung zudem höchst subjektiv und außerdem sehr unterschiedlich um. Große, aber bekannte Risiken ängstigen nicht, z.B. Rauchen, Autofahren, Tauchen, Reiten, Bungeejumping. Auch die täglichen Fettmengen im Essen, die Übergewicht und Herz-Kreislauferkrankungen fördern, sind als bedeutende nachgewiesene Ernährungsrisiken bekannt, ohne jedoch Angst auszulösen. Mit unbekannten Risiken, wie BSE, AIDS oder Gentechnik ist es umgekehrt. Diese unbekannten Risiken sind sicher klein, aber dennoch aktivieren sie Angst in großem Umgang. Man kann von einem Paradoxon der Angst sprechen, die umso größer wird, je unbekannter das Risikopotenzial ist. Objektive Wahrscheinlichkeiten werden im Alltag höchst subjektiv und damit falsch bewertet. Kein Lottospieler glaubt, dass seine Chance, ermordet zu werden, siebenmal höher liegt als sein möglicher Hauptgewinn. So erlebt auch der BSE-Verängstigte nicht, dass sein Fußweg zum Fleischer ein viel höheren Risiko birgt als der Verzehr des dort gekauften Rindersteaks. Wenn nichts passiert, baut sich Angst ab. Doch das ist gerade im Fall BSE nicht zu erwarten. Natürlich dürften, je mehr Tests gemacht werden, auch mehr BSE-positive Rinder entdeckt werden. Beruhigend wirkt, sich vegetarisch zu ernähren. Ob so allerdings das objektive Risiko ausgeschaltet wird, kann selbst die Wissenschaft nicht beweisen. BSE ist ein ernstes, leider auch noch nicht umfassend erforschtes Problem. Wie kann man als Großverbraucher/Gastronom den Leuten die Angst nehmen? VP: Sicher gar nicht, höchstens wenn sich der sympathische Gastronom mit an den Tisch zu einem gemeinsamen Rindergoulasch setzt. Die Beruhigungsansprache "Rindfleisch bei uns nur aus Deutschland" wirkt nicht mehr. Die Gemeinschaftsverpflegung, wie auch die Gastronomie wird abwarten müssen. Tischgästen mit BSE-Angst wird sie im Augenblick keine Steaks servieren dürfen. Aber ich würde vorschlagen, sie auf der Speisenkarte zu belassen. Bewirken Lebensmittel-Skandale Verhaltensänderungen? VP: Natürlich! Verhaltensänderung ist bei dem BSE-Dauerverunsicherungsstress eine zwar unbequeme, aber dennoch wirksame Möglichkeit, die Dissonanz abzubauen. Latente Vegetarier beschließen jetzt, zu manifesten Vegetarier zu werden, was ihnen vergleichsweise leicht fällt. BSE allein zwingt nicht zu solchen radikalen Verhaltensänderungen. BSE wird flankiert von unästhetischen und emotional belastenden TV-Reportagen über Tierhaltung, -transporte und Schlachtung. Die Einblicke in Container, in denen das "Material" für die Tiermehlaufbereitung gewonnen wird, lassen Ekel und Abscheu aufkommen. Plötzlich wird die originäre Beziehung zur Herkunft des sauber abgepackten Steaks im Supermarkt wiederbelebt, die in den letzten Jahrzehnten völlig verloren ging. Das sind Prozesse, die tief in das emotionale Bewusstsein des Verbrauchers eingreifen, der noch nie einen Hahn geschlachtet, aber das knusprige Hähnchen dutzendfach verzehrt hat, ohne über seine Herkunft konsequent nachzudenken. BSE und diese Rahmenbedingungen haben den Verbraucher erschreckt, weil er miterleben musste, dass sein geliebtes Steak in Wirklichkeit ein "Stück Kuh" war. Wer heute im Steakhouse ein Entrecote genießt, dem schießen Gedanken und Bilder in den Kopf, die seinen Genuss erheblich stören können. Wenn BSE nicht in wenigen Wochen aus den Schlagzeilen kommt, wird sich eine Einstellungsveränderung in der Verbraucherschaft vollziehen, die Verhaltensänderungen erzwingt. Insbesondere die nachwachsende Generation wird ihre Nahrung sensibler wählen. Stringent logisch wird diese Entscheidung dennoch nicht begründbar sein, denn schon heute ist für viele Jugendliche der Hamburger ein Produkt mit eigener Identität - aber jedenfalls kein Rindfleischprodukt. Die großen Fleischzuschnitte an der Frischfleischtheke werden weniger nachgefragt. Dafür boomt Convenience-Food, und auch der kritische Verbraucher wird nicht immer wissen, wie viel Fleisch er noch isst. Ist eine solche Krise in der Lage, das Gros der Menschen dazu zu bewegen, mehr Geld für Nahrungsmittel auszugebenen oder sich mit der Herkunft derselben zu beschäftigen? VP: Der Preis für Lebensmittel ist für deutsche Verbraucher ein ganz wichtiges Entscheidungskriterium, denn der Einzelhandel hat den Verbraucher durch seine Discount-Politik darauf jahrelang konditioniert. Zwar wollen Verbraucher mehrheitlich in Befragungen für Bio-Produkte mehr Geld bezahlen, doch Verkaufstests beweisen immer wieder, dass diese Einstellung nicht in Verhalten umgesetzt wird. Eine Änderung kann nur ganz langsam erfolgen und würde enorme Mittel für eine begleitende Public Relations erfordern. Wie schnell verdrängt der Verbraucher? VP: Die Nematoden-, Nudel- und Weinskandale haben bewiesen, dass nach einem halben bis einem Jahr spätestens die Verbraucherreaktionen wieder "normal" werden. Doch das setzt voraus, dass sich die Vergessenkurve ungehindert entfalten kann. Bei BSE erwarte ich auch in Zukunft ständige Auffrischungen der Unsicherheit, so dass mit einer viel längeren Aktualität der Verbraucherverunsicherung zu rechnen ist. Lässt die Masse an Skandalen den Verbraucher abstumpfen/Schocks gegenüber resistenter werden? VP: Eigentlich nicht, wenn die Dissonanz immer wieder neu aufgebaut wird. Eine - zwar unerwünschte - Lösung wäre, wenn Verbraucher emotional akzeptieren, dass Essen und Trinken gewisse Risiken in sich bergen. Dann hätten wir eine Situation wie die im Straßenverkehr, die den Autofahrer trotz der 8.000 Verkehrstoten nicht verunsichert, weil es sich um bekannte, damit subjektiv abgewertete Risiken handelt, ob schon sie beträchtlich höher sind als z.B. beim Rindfleischgenuss in der aktuellen Situation.



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