Das große Aufräumen nach der Katastrophe

Die Jahrhundertflut

Nach dem Kampf gegen die Fluten hat in den betroffenen Hochwassergebieten an Elbe und Mulde der Kampf ums Überleben eingesetzt. Die Situation ließ bis Redaktionsschluss noch keine sicheren Angaben zum gesamten Ausmaß der Schäden zu. Eine erste Bestandsaufnahme bei Dresdner Hotels lässt nur ahnen, was auf die einzelnen Betriebe in den nächsten Wochen an Belastungen zukommen wird. Die Horrorbilder aus Tagespresse und Fernsehen haben gezeigt, wie unberechenbar die Natur ist. Sie haben aber auch bewirkt, dass nach den Wasser- und Schlammlawinen derzeit eine Stornowelle über ganz Sachsen rollt - auch über Regionen, die von der Flut gar nicht betroffen sind. Damit bahnt sich eine neue Misere an: Der mit hohem Aufwand angekurbelte Tourismus erleidet einen existenzbedrohenden Rückschlag. Was jetzt zählt, ist ein gut funktionierendes Krisenmanagement unter allen Beteiligten der Tourismuswirtschaft. Aus eigener Kraft werden die betroffenen Hotels kaum den Neustart schaffen. Um die Neuverschuldung überschaubar zu halten, müssen koordinierende Maßnahmen und sinnvolle Förderprogramme von Bund, Ländern und den Kommunen greifen.

"Es gibt derzeit noch keinen Gesamtschadensüberblick, die Nerven der Betroffenen liegen blank," erklärt Frank Lehmann, Hauptgeschäftsführer des Dehoga Sachsen, nach der ersten Einschätzung. Zu den vordringlichsten Maßnahmen des Verbandes vor Ort gehören Informationen zu Fragen der Förderprogramme von Land und Bund, arbeitsrechtliche Beratungen und die Vermittlung von Gutachtern. Um der Bedrohung vieler Existenzen und der Vernichtung tausender Arbeitsplätze entgegenzuwirken, hat der Dehoga mit der Aktion "Branchensolidarität im Gastgewerbe" einen bundesweiten Spendenaufruf gestartet. Gemeinsam mit den Landesverbänden will der Verband dafür sorgen, dass die eingegangenen Spenden unverzüglich den Hoteliers und Gastronomen in den Hochwassergebieten zu Gute kommen. Darüber hinaus hat der Dehoga im Internet eine Inventarbörse für Gebrauchtgeräte und -ausstattungen eingerichtet, um Anbieter und Suchende kostenlos zusammenzubringen. Frank Lehmann verweist auf einen weiteren Aspekt: "Die Lage ist katastrophal, aber nicht überall. Es handelt sich nur um punktuierte Einschränken. Doch die Stornowelle rollt als sei ganz Sachsen untergegangen - auch über Destinationen, die gar nicht betroffen sind. Da müssen wir unbedingt gegen steuern."

"Wir hatten am 13. August eine Vorwarnzeit von 20 Minuten, dann waren die Keller voll." Heinz-Georg Schneider, Directeur Délégué der Ibis Hotels Dresden der Accor Hotellerie Deutschland, hat Vergleichbares noch nicht erlebt. Trotz sofort getroffener Sicherungsmaßnahmen kam das Wasser der Weißeritz von überall her: von unten, aus den Versorgungsschächten und durch den Regen auch von oben. Die Gäste wurden in den ersten Etagen notversorgt, mit Taxen transportiert und auf andere Hotels verteilt. "Mindestens 90 Prozent reagierten sehr verständnisvoll. Unsere Mitarbeiter haben besonnen alles organisiert und diese Aufgabe gut gemeistert," resümiert der Hotelmanager. In den Hotels auf der Prager Straße mussten die Keller ausgepumpt werden. Die Restaurants und Hotelhallen sind stark renovierungsbedürftig. Bis zur Eröffnung des Dresdner Weihnachtsmarktes Ende November sollen alle Häuser der Accor-Gruppe wieder offen sein, das erste Haus schon Ende Oktober, hofft Schneider mit einem Blick in die nahe Zukunft: "Wir müssen den Tourismus unbedingt weiter fördern. Wenn die Hoteliers in der Region zur Beseitigung der Schäden neue Kredite aufnehmen, lassen die sich ja nur durch volle Häuser und mit vielen Gästen zurück zahlen."

Wer seit den Tagen nach der Katastrophe die Telefonnummer des Taschenbergpalais wählt, erhält eine Verbindung zum Schwesterhotel Bristol in Berlin. Die Leitungen sind umgeschaltet. Das derzeit noch geschlossene Haus soll voraussichtlich Ende September wieder öffnen. Am 15. August verließen die letzten Gäste das Hotel. Am 12. August war die Luxusherberge in der Altstadt zu 100 Prozent belegt. Eine Großveranstaltung im Kurfürstensaal konnte noch ohne Beeinträchtigung der Gäste durchgezogen werden. Bis zur Schließung frühstückten die Gäste im verschont gebliebenen Hotel Bülow Residenz. Von Thomas Rübel, Pressesprecher der Kempinski AG Deutschland, war zu erfahren, dass die drei unterirdischen Etagen überschwemmt und Tiefgarage, Ballsaal, der historische Sophienkeller sowie die Bankettküche am stärksten betroffen waren. Weder Strom noch Telefon funktionierten, nur ein Notstromaggregat lief auf dem Dach. Rübel ist nicht nur stolz auf den einwandfrei laufenden Katastrophenplan, sondern auch auf die Hotelmitarbeiter: "Es gab keinerlei Panik. Jeder wusste, was er zu tun hatte. In der Zusammenarbeit mit dem THW und mit der Solidarität in Dresden haben wir sehr positive Erfahrungen gemacht." Sein Wunsch: "Dresden und die Region benötigen jetzt aktive Unterstützung. Nach den anfänglichen Stornos brauchen wir verstärkt Buchungen, damit es weiter geht." Daniela Heusel, Marketing Communication Manager Central & Eastern Europe, Hilton International, erklärt, dass die beiden betroffenen Häuser der Gruppe, das Hilton Dresden und das Hilton Prague in Prag wegen der Hochwasserfluten den laufenden Betrieb vorübergehend einstellen mussten. Die Stadt Dresden hatte in den vom Hochwasser betroffenen Stadtteilen sowohl den Strom als auch die Warmwasserzufuhr abgestellt. Das Management des am 14. August zu 90 Prozent ausgebuchten Hilton Dresden brachte Gäste, die nicht abreisten, umgehend im nahe gelegenen Westin Hotel unter. Im Rahmen der vorgeschriebenen Sicherheitsmaßnahmen bei Hochwasser wurde die Hotelgarage absichtlich geflutet. Es handelte sich hierbei um eine reine Vorsichtsmaßnahme, die der Statik des Gebäudes dient. So dementiert Hoteldirektor Norbert Lessing Veröffentlichungen, die über die Einsturzgefahr des Hotels aufgrund des überfluteten Keller berichteten. Mit dem Absinken des Pegelstands der Elbe auf 7,15 m begann das Auspumpen der Hotelgarage und bereits am Wochenende 24./25. August öffnete das Hotel "blockweise" wieder. Das stark in Mitleidenschaft gezogene Bierhaus "Dampfschiff" muss komplett renoviert werden. Die Reparaturarbeiten im Hilton Prague sollten bis zum 30. August abgeschlossen sein.

Das Art’otel direkt am Elbufer gehört zu Gruppe Park Plaza Hotels Europe, Amsterdam/London. Als in der Nacht vom 12. zum 13. August das Wasser einbrach, flog Direktor Stefan Schwind sofort aus dem Urlaub zurück. Hilfe kam vom Technischen Hilfswerk und der Feuerwehr. Nachdem Patienten aus Dresdner Krankenhäusern in Sicherheit gebracht worden waren, wurden die Hotelgäste evakuiert. Zurzeit ist das Haus geschlossen. Die im Erdgeschoss gelegenen Restaurants sind völlig zerstört. Die überflutete Tiefgarage durfte aus statischen Gründen nicht sofort leer gepumpt werden. Noch ist die Situation ungewiss, das Ausmaß der Schäden nicht vollständig sichtbar. Stefan Schwind schätzt, dass das Hotel voraussichtlich erst im Januar 2003 wieder öffnen kann. In dem kleinen Privathotel von Thomas Rieß stand das Wasser 2,5 Meter hoch in Keller und Erdgeschoss. Der Elbeort Wehlen nahe Dresden im Urlaubsparadies Sächsische Schweiz lebt fast ausschließlich vom Tourismus. Büro, Theke, Küche - die Gastronomie des Strandhotels wurde völlig zerstört. Der gesamte Ort ist in Mitleidenschaft gezogen. Als Hilfe zur Selbsthilfe hat der Hotelier eine Initiative gegründet: "Notopfer Stadt Wehlen". Angesprochen sind größere und kleinere Firmen sowie Privatpersonen, damit nach der Stornierungswelle wieder Gäste kommen können. Nur wenn Stadt und Region touristische Anziehungspunkte bleiben, können Hotels und Restaurants überleben.

Dehoga-Sonderkonto "Flutopfer Gastgewerbe"
Konto: 13 22 22 44
BLZ: 100 500 00


Inventarbörse: www.dehoga.org/invent.nsf

Dehoga-Telefon-Hotline: 030-726 25 20

Spendenkonto Verband der Köche Deutschlands:
UBS Private Banking Deutschland AG
Konto: 005 13 80 40 00
BLZ: 502 200 85
stats