Die Wiesn in Zeiten des Rauchverbots

Ein Beitrag von Michael Ruhland und Andrea Schubert in der Süddeutschen Zeitung am 6. Juli 2010:

"Wir werden keinem den Arm abreißen"
Zwischen bitterem Spott und demonstrativer Gelassenheit: Die Oktoberfest-Wirte fügen sich und akzeptieren das Rauchverbot. Nur - wo sollen die Besucher künftig qualmen?

Wäre Toni Roiderer in die Politik gegangen und hätte er ein Wörtchen mitzureden gehabt beim Thema Nichtraucherschutz, er würde jetzt wahrscheinlich seine eigene Partei gründen. Nicht etwa eine Raucherpartei, denn Roiderer ist selbst bekennender Nichtraucher. Eher eine, die sich die Liberalitas Bavariae auf ihre Fahnen schreiben würde. Denn um die steht es schlecht, sagt Toni Roiderer einen Tag nach dem Volksentscheid, der Bayern vom 1. August an das bundesweit strengste Anti-Raucher-Gesetz bringen wird.

Nun ist der Metzgermeister aus Straßlach nicht Politiker geworden, sondern Wirt. Und als Sprecher der Wiesnwirte redet der 65-Jährige gerne Tacheles. "Mich enttäuscht, dass sich die Politiker nicht hinter ihr Gesetz gestellt haben", sagt er. "Die hatten Angst um Wählerstimmen." Was Roiderer in Rage bringt, sind die vielen "Weltverbesserer", die sich immer mehr in der Vordergrund drängten. "Was mir fehlt, ist die Toleranz", bekundet er. Man könne doch auch mal wegschauen, selbst wenn man im Recht sei. Fragt man den Wiesnwirte-Chef, ob das mit der Toleranz nicht eher andersherum zu sehen sei, dass der Raucher die Sphäre des Nichtrauchers schützen müsse, kommt eine klare Ansage: "Die Wiesn ist kein Reha-Zentrum, sondern ein Vergnügungszentrum." Basta.

Roiderer hatte in der Debatte um Rauchverbote nie einen Hehl daraus gemacht, dass er die bisherige Regelung mit den Ausnahmen unter anderem für Volksfeste und kleine Kneipen für völlig ausreichend hält. Den Aufstand will er nach dem Entscheid dennoch nicht proben. "Ich bin Realist, ich setze das jetzt um", verkündet er. Beim Kreisverwaltungsreferat hat er sich schon kundig gemacht, er werde also Schilder im Hackerzelt aufhängen müssen, die auf das Rauchverbot hinweisen.

Und wenn einer trotzdem qualmt? Dann weise ihn die Bedienung auf das Verbot hin, notfalls der Sicherheitsdienst. "Wir werden aber keinem den Arm abreißen", stellt Roiderer klar. "Wer nicht aufhört, kriegt halt kein Essen und kein Bier mehr." Wohlgemerkt erst ab 2011, denn dieses Jahr werden Verstöße laut KVR noch nicht geahndet.

Von eigenen Raucherzonen im Freien hält der Chef des Hackerzeltes dagegen nichts. Wie solle die Bedienung wissen, ob einer nur zum Rauchen rausgegangen sei oder gar nicht mehr komme? Das könne man nicht vernünftig regeln, sagt Roiderer. Streit um plötzlich besetzte Plätze sei dann vorhersehbar. Der Standpunkt des Wirtesprechers ist unmissverständlich: "Ich habe das Gesetz nicht geschaffen, also löse ich auch das Problem nicht." Wer rauchen wolle, solle das beim Herkommen oder Heimfahren tun - das Hackerzelt bleibe jedenfalls rauchfrei.

Auf "körperliche Misshandlungen" verzichten

Ähnlich sieht das Ludwig "Wiggerl" Hagn, Wirt der Löwenbräu Festhalle. "Wenn ich nach Amerika fliege, darf ich auch acht Stunden nicht rauchen", sagt Hagn. Genauso werde sich der Wiesn-Besucher an das neue Gesetz gewöhnen. Raum für Raucher will auch der Löwenbräu-Wiesnwirt nicht eigens schaffen. "Stellen Sie sich vor, ein ganzer Tisch will raus zum Rauchen: Wie soll das gehen?" Wiggerl Hagn, 70, ist sich jetzt schon sicher, dass sich Raucherbereiche nicht bewähren werden. "Von Montag bis Donnerstag ginge das vielleicht, aber an den Wochenenden ist es undenkbar", sagt er. Der Wiesnwirt nennt noch einen anderen Grund, warum das Löwenbräu-Zelt zum Nichtraucherzelt werde: "Ich weigere mich, irgendwelche Raucher-Ghettos einzurichten, wo dann die Leute mit dem Finger draufzeigen." Sollte sich einer nicht an die neuen Regeln halten, will Hagn "auf körperliche Misshandlungen" verzichten. "Ich bin nicht die Vollzugsperson, die deshalb jemanden rausschmeißt." Härter geht Hagn dagegen bald mit seinem Personal im Unionsbräu zur Sache. "Wenn ich einen Mitarbeiter beim Rauchen im Haus erwische, bekommt er eine Abmahnung, und beim nächsten Mal fliegt er."

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