Heute wird Prof. Dr. Werner Otto 100

Er ist der Gründer der ECE, heute Europas größte Shopping-Center-Unternehmung. Man schrieb das Jahr 1971 und er war damals bereits über 60 Jahre. Aber Werner Otto war und ist noch sehr viel mehr.
Nur wenige haben so viele Pionierleistungen vollbracht wie Professor Dr. Werner Otto, der am 13. August 1909 geboren wurde und damit heute seinen 100. Geburtstag feiert. Vor wenigen Tagen hat ihn die Stadt Berlin zum Ehrenbürger ernannt. Happy Birthday!
Ein spannender Lebenslauf - eine branchenübergreifende Unternehmer-Benchmark.
Aus TextilWirtschaft 32_2009:
Prof. Dr. Werner Otto
  • Geboren am 13. August 1909 in Seelow (Mark Brandenburg)
  • Kaufmännische Ausbildung in Angermünde; Eröffnung eines Zigarrenladens in Berlin
  • 1934 bis 1936: Haftstrafe wegen Verbreitung marxistischer Flugblätter, danach Kriegsdienst und Umzug nach Hamburg
  • 1948: Eröffnung einer Schuhfabrik, die wegen des Konkurrenzdrucks wieder schließen muss
  • 1949: Gründung des Werner Otto Versandhandels
  • 1966: Übergabe des Vorstandsvorsitzes an Günter Nawrath
  • 1969: Erste Spezialkataloge; die Otto-Gruppe gründet 14 Niederlassungen und eröffnet das Franken-Center in Nürnberg. Gründung der Werner-Otto-Stiftung zur Förderung der medizinischen Forschung
  • 1971: Gründung der späteren ECE
  • 1972: Gründung des eigenen Zustelldienstes Hermes
  • 1974: Beginn der internationalen Expansion, Beteiligungen an Heine und 3Suisses International in Frankreich; Kindermodekatalog
  • 1976: Übernahme der Aktienmehrheit des Schwab Versands
  • 1979: Beteiligung an der Fegro-Großhandels-Gruppe; Gründung Otto Holland; Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern für Werner Otto
  • 1980: Gründung der Otto Reisen GmbH
  • 1981: Werner Ottos Sohn Dr. Michael Otto wird Vorstandsvorsitzender der Otto-Gruppe; Werner Otto zieht sich aus dem operativen Geschäft zurück
  • 1991: Umzug nach Berlin
  • 1999: TW-Forum-Preis
  • 2006: Deutscher Gründerpreis
  • 11. August 2009: Ernennung zum Ehrenbürger von Berlin

Zwei Revolver waren das erste, das Werner Otto verkauft hat. Damals war er 14, wollte Schriftsteller werden und hatte schon zwei Romanentwürfe in der Schublade. Von einem Waffenhändler hatte er die beiden Pistolen bekommen, die er dann für den doppelten Preis an seine Mitschüler weiterverkaufte. „Man sagt ja auch, dass die ersten Geschäfte meist krumme seien", sagt Werner Otto kurz vor seinem 100. Geburtstag und lacht. Er sei ein Heißsporn gewesen. Politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich. Er hat sich immer mit viel Leidenschaft engagiert. Erst im Untergrund gegen Hitler, dann für sein Unternehmen, das er von einem kleinen Schuh-Anbieter zum größten Versandhaus der Welt ausbaute. Er machte sich stark für damals ganz neue Wege wie Internationalisierung und neue Ideen wie Shopping-Center, für krebskranke Kinder und für Umweltschutz.

Wenn die Gründerlegende aus ihrem Leben erzählt, ist es eine lange Reise von der deutschen Nachkriegsgeschichte über den Aufbauboom zu Zeiten des Wirtschaftswunders bis hin zur Neuorientierung eines Familienkonzerns in Zeiten der Krise und dem Loslassen, dem Rückzug ins Privatleben, in die Natur, als stiller Förderer für medizinische Forschung, kulturelle Einrichtungen und den Erhalt wertvoller Baudenkmäler. „Mut und Entscheidungsfähigkeit bestimmen das Schicksal", sagt er.

Mit einem Koffer voller wertloser Reichsmark baute der Kriegsflüchtling 1948 sein erstes Unternehmen auf. Eine Schuhfabrik in Hamburg. Schon ein Jahr später musste er wieder schließen, weil die Konkurrenz besser war. „Wer statisch denkt und nicht den Mut hat, Fehler zu machen, der sollte kein Unternehmer werden", hat er immer wieder gesagt und bei einer Firmenrede einmal ganz besonders die Mitarbeiter begrüßt, die Fehler gemacht haben. „Denn sie haben was Neues ausprobiert." Werner Otto tat das ständig. Um seine Frau und die zwei kleinen Kinder zu ernähren, gründete er einen Versandhandel für Schuhe. 1950 erschien der erste Katalog mit 28 Paar Schuhen auf 14 Seiten, die Fotos hatte er von Hand eingeklebt. Auflage: 300 Stück. Bei der nächsten Ausgabe kamen zwei Trenchcoats und vier Aktentaschen dazu. Von da an wurden es immer mehr Artikel, immer mehr Seiten und immer mehr Kataloge. Drei Jahre später wurden mit 37.000 Katalogen schon 5 Mill. DM umgesetzt, dann kamen Hartwaren dazu. 1958 gehörte der Otto Versand mit einem Umsatz von 100 Mill. DM und 1.000 Mitarbeitern zu den deutschen Großunternehmen.

„Ich habe mich oft gefragt, warum gerade unser Versandhausunternehmen sich so gut entwickelt hat; in anderen Firmen wird auch fleißig gearbeitet. Ich glaube, es ist unsere innere Bereitschaft, für den Kunden wirklich das Beste zu tun, das Bemühen, selbst dem Mann am Fließband oder an der Elektronik klar zu machen, dass hinter jedem Auftrag ein Mensch mit seinen Wünschen und Hoffnungen steht", sagt Otto, den seine Mitarbeiter immer als besonders menschlich, sachlich und gerecht beschrieben haben. Nach gesundheitlichen Problemen Anfang der 60er Jahre begann er, sich aus der Unternehmensleitung zurückzuziehen. 1966 führte zunächst ein familienfremder Manager die Firma. Als 1971 sein ältester Sohn Michael übernahm, ließ er ihm von Anfang an freie Hand, wie vielen jungen Mitarbeitern, an die er glaubte. „Panta rhei - alles fließt", ist sein Lebensmotto. „Das Einzige, was mich strapaziert, ist Passivität." Als das Versandhaus ohne ihn lief, stieg er ins Immobilien-Business ein. Als keiner an New York glaubte, kaufte er Bürohäuser in Manhattan. Auch der Aufbau des Centergeschäfts, das er mit fast 60 Jahren startete, erwies sich als sehr erfolgreich.

Heute managet die ECE, die von Alexander Otto, dem jüngsten seiner fünf Kinder geführt wird, 112 Shopping-Center in Europa. Die Otto-Gruppe, die vier Tage nach Werner Ottos 100. Geburtstag ihr 60-jähriges Bestehen feiert, setzt mehr als 11 Mrd. Euro um und beschäftigt 50.000 Mitarbeiter in 20 Ländern. Zum Konzern gehören über 30 Unternehmen von Baumarkt und Bonprix über Frankonia und Heine bis zu Manufactum, My Toys und SportScheck. Werner Otto hat sich aus dem öffentlichen Leben weitgehend zurückgezogen. Er tritt höchstens noch auf gemeinnützigen Galas auf. In einer Liste der spendabelsten deutschen Unternehmer von 2006 belegte Otto mit 14,1 Mill. Euro den vierten Platz, gefolgt von seinem Sohn Michael.

Seit der Wende lebt er mit seiner dritten Frau Maren wieder in Berlin, wo er als 20-Jähriger nach seiner kaufmännischen Lehre sein Händlerleben mit einem Zigarrenladen begonnen hatte. Er ist noch viel unterwegs, liebt Ausfahrten in die Natur. Seinen Geburtstag will er ganz ruhig, in kleiner Runde mit Familie und Freunden feiern. Und vielleicht arbeitet er ja wieder an einem Roman. Über ein einzigartiges Unternehmerleben.

http://www.ottogroup.com/

http://www.ece.de/


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