Hommage an Management-Guru Peter Drucker

Vor wenigen Tagen ist in Kalifornien Professor Peter F. Drucker verstorben. Er wäre am 19. November 96 Jahre alt geworden. Druckers Tod bzw. sein Lebenswerk wird hier nicht erwähnt, weil er ein Gastro-Profi gewesen wäre. Nein. Er war der größte Managementdenker unserer Zeit. Er gab in seinem langen ereignisreichen Leben für die professionelle Führung von großen Unternehmen, egal welcher Branche, mehr bahnbrechende Anregungen als jeder andere Wissenschaftler.



Mindestens ebenso spannend wie seine Theorien ist sein eigenes Leben. Wer gerne liest und jetzt im Vorfeld von Weihnachten tolle Management-Literatur zum verschenken sucht, ist hier auf der richtigen Spur.
  • Management Challenges for the 21st Century (1999 erschienen)
  • Adventures of a Bystander (Lebenserinnerungen/70er Jahre)
  • Schlüsseljahre (deutsche Übersetzung von Adventures of a Bystander/2001), sehr, sehr lesenswert
Nachstehend eine persönliche Würdigung dieses großen Denkers von Hermann Simon (Simon – Kucher & Partners, Bonn), geschrieben zu seinem 90. Geburtstag. Professor Dr. Hermann Simon und Peter Drucker waren fachliche Freunde, eigentlich wollten sich die beiden am letzten Samstag Nachmittag treffen. Doch Peter Drucker verstarb einen Tag vorher.



Peter F. Drucker:

Mann der Vergangenheit, Mann der Zukunft

Eine persönliche Würdigung

Hermann Simon



„What this book actually dealt with is: THE FUTURE OF SOCIETY.“ So lautet der letzte Satz in Peter F. Druckers 1999 erschienenem Buch „Management Challenges for the 21st Century“ . Die Zukunft war immer Druckers Lieblingskind. Aber über die Zukunft sinnieren und schreiben viele. Doch kein anderer Managementautor hat einen solchen Einfluss auf unser Denken ausgeübt wie Drucker. Was zeichnet ihn aus? Worin unterscheidet er sich von den vielen? Meine Hypothese: Drucker interpretiert die Zukunft auf eine einzigartige Weise, weil er ein Mann der Vergangenheit ist.

Ich fragte Professor Drucker einmal, ob er sich eher als historischen Schriftsteller oder als Managementdenker sehe. Ohne lange zu zögern, antwortete er: „Eher als historischen Schriftsteller.“ Kurz vorher hatte ich seine Lebenserinnerungen „Adventures of a Bystander“ gelesen. Dort entführt er uns in eine versunkene Welt, an die Quelle meiner Argumentation. Ein anderer berühmter Wiener, der Schriftsteller Stefan Zweig (1881 – 1942), nennt sie „Die Welt von gestern“ . Dieses Umfeld, in das Peter F. Drucker hineingeboren wurde und in dem er aufwuchs, war einzigartig. Im Großbürgertum der österreichisch-ungarischen Monarchie standen Bildung, Kultur, Kunst, Musik, Geschichtsbewusstsein, Urbanität und internationale Offenheit ganz oben in der Werteordnung. Doch diese Schlagworte beschreiben jene Zeit in Wien nur unvollkommen. Wer diese Welt tiefer nachempfinden will, der lese Druckers „Adventures of a Bystander“ und Zweigs „Die Welt von gestern“. So war es beispielsweise selbstverständlich, dass die Kinder der gebildeten Schichten vielsprachig aufwuchsen, indem sie von englischen und französischen Gouvernanten erzogen wurden.



Am überzeugendsten spiegelt sich diese Welt in den Geistern wider, die sie hervorgebracht hat und deren Lebensläufe frappierende Ähnlichkeiten mit demjenigen Peter Druckers aufweisen. Der Untergang des österreichisch-ungarischen Reiches im Jahre 1918, der Bolschewismus in Russland, die Nazizeit in Deutschland, diese „vulkanischen Erschütterungen unserer europäischen Erde“, wie Stefan Zweig sie nennt, entwurzelten eine ganze Generation, setzten aber auch ungeheure Kreativität frei. Stefan Zweig emigrierte zunächst nach England, um später nach Brasilien weiter zu wandern. Der Philosoph Karl Popper, 1902 in Wien geboren, schrieb sein Hauptwerk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ während des Zweiten Weltkrieges im neuseeländischen Exil und kehrte später nach England zurück. Der Weg des Mathematikers John von Neumann (1903 - 1957), dem wir die Spieltheorie und den Computer verdanken, führte von Budapest über Deutschland nach Princeton, USA. Den Schriftsteller-Philosophen Elias Canetti (1905 - 1997) verschlug es nach England und später in die Schweiz . Der Wissenschaftsjournalist Artur Koestler (1905 - 1983), in Budapest geboren, durchmaß ein rastloses Leben in Israel, Deutschland, Russland, Frankreich, Spanien und schließlich England. Im gleichen Jahr wie Drucker wurde Ernst Gombrich (1909 – 2001) in Wien geboren. Von England aus errang er weltweiten Ruhm als Kunsthistoriker. Sein voluminöses Werk „The Story of Art“ (668 Seiten!) wurde mehr als 6 Millionen mal verkauft.

Den in Breslau geborenen Soziologen Norbert Elias (1897 - 1990) kann man im weiteren Sinne zu dieser Gruppe zählen, seine Lebensstationen waren Paris, England, Amsterdam und Bielefeld, wo ich ihn noch im Alter von 95 Jahren kennen lernen durfte. Auch der aus Krakau in Polen stammende Karol Woytila, bekannter als Papst Johannes Paul II, ist ein Kind dieses ungewöhnlich fruchtbaren Kulturbodens, er spricht zehn Sprachen. In diese außergewöhnlichen Lebenswege ordnet sich derjenige Peter Druckers nahtlos ein: Wien, Hamburg, Frankfurt, England, Amerika.



Mit ihrem eigenen Untergang entließ die Donaumonarchie ihre Kinder. Diese leisteten fern der Heimat großes und hinterlassen dauerhafte Spuren im kulturellen Erbe der Menschheit. Die Kinder der königlichen und kaiserlichen Monarchie erreichten dies, weil sie lange vor dem Zeitalter der Globalisierung exemplarische Weltbürger waren, gebildet, kulturell flexibel, polyglott, geschichtsbewusst. Die „Welt von gestern“ hatte sie offenbar bestens auf die Welt der Zukunft vorbereitet. Ihre Werke bleiben Echo einer einzigartigen Kultur.



Doch ist dies nur der äußere, der generelle Rahmen. Beim Einzelnen gehen die Besonderheiten tiefer. Weil er die Geschichte wie nur wenige andere kennt und zu interpretieren versteht, kann Peter Drucker die Zukunft in der nur ihm eigentümlichen Weise ausleuchten. Immer wieder hat mich beeindruckt, welche Detailkenntnisse er besitzt, über welch umfassendes Wissen er verfügt, welch ungewöhnliche Assoziationen er zu knüpfen versteht. Einige Erlebnisse und Vergleiche mögen davon Zeugnis geben. Als ich vor vielen Jahren las, dass der berühmte Philosoph Arthur Schopenhauer extra Spanisch lernte, um das Buch „Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit“ des spanischen Jesuiten Balthasar Gracian (1601 – 1658) im Original lesen zu können, war ich beeindruckt. Später korrespondierte ich mit Drucker über dieses Buch und erfuhr, das ihm Gracian bestens bekannt war. Drucker schrieb: „Mein Vater gab es mir als Geschenk vor 72 Jahren, als ich Wien verließ, um in Hamburg Kaufmanns-Lehrling zu werden. ...Ein paar Monate später entdeckte ich dann Kierkegaard (dänischer Philosoph, Anmerkung Simon). Und diese beiden sind eigentlich die Pole meines Lebens geworden. Gracians wegen habe ich mir selbst genug Spanisch beigebracht, um ihn im Original zu lesen – und dazu noch genug Dänisch, um Kierkegaard auch im Original zu lesen“. Spanisch zu lernen wie Schopenhauer, um Gracian zu lesen, und Dänisch wie der berühmte spanische Philosoph Miguel de Unamuno (1864 – 1936), um Soren Kierkegaard (1813 – 1855) im Original zu verstehen, das sind Parallelen, die Druckers ungewöhnliche Talente und tiefere Fundamente ins angemessene Licht rücken.

Oder nehmen wir einen Spezialfall. Häufig führt Drucker in seinen Aufsätzen und Büchern die Deutsche Bank als erstes nach modernen Prinzipien organisiertes Unternehmen an. Wegen seines mir bekannten Interesses schickte ich ihm eines Tages einen Artikel über einen Mitgründer dieser Bank, Ludwig Bamberger (1826 – 1899). Nun erwartete ich nicht, bei Drucker mit diesem Namen, der mir selbst auch unbekannt war, auf große Resonanz zu treffen. Doch weit gefehlt. Er war mit Bamberger bestens vertraut, und zwar aus den Tagebüchern seines (Druckers) Großvaters Ferdinand von Bond, „his stories of Ludwig Bamberger and Georg Siemens (ein Mitgründer der Deutschen Bank, Anmerkung Simon) fascinated me and I still remember some of them“, schrieb er mir zurück – ein Beleg für die unglaubliche Detailkenntnis Peter Druckers.



Auffallend sind auch die persönliche Nähe und persönliche Begegnungen mit und zwischen großen Persönlichkeiten – aus durchaus verschiedenen Lebensbereichen. In „Adventures of a Bystander“ berichtet Drucker von seinen Bekanntschaften mit Buckminster Fuller, dem Physiker, und Marshall McLuhan, dem Kommunikationswissenschaftler. Mir fiel auf, dass wann immer ich einen großen Namen gegenüber Drucker erwähnte, er diese Person kannte. Drei Beispiele: Ernst Juenger (1895 – 1998), den umstrittenen deutschen Schriftsteller, kannte er aus den dreißiger Jahren; Reinhard Mohn, dem Mann, der Bertelsmann groß machte, war er bereits in den fünfziger Jahren begegnet. Als ich Drucker fragte, ob er den Kunsthistoriker Ernst Gombrich kenne, antwortete er: „I did not know Gombrich from Vienna. But, about ten or twelve years ago, I spent a very happy and very long evening with him in London. After that we regulary exchanged books and letters and articles.“ Die Welt ist klein. Über weite Räume hinweg ziehen sich große Persönlichkeiten an, und ihre Pfade kreuzen sich. Drucker befand sich oft im richtigen Augenblick an solchen Kreuzungen.



Es kommt eine weitere Fähigkeit hinzu, die ich in dieser starken Ausprägung nur bei dem argentinischen Schriftsteller Jorge Luis Borges beobachtet habe: die Fähigkeit zur Assoziation. Borges hat nicht nur alles gelesen, sondern er versteht auch, die unwahrscheinlichsten Verknüpfungen und Assoziationen herzustellen. Er überbrückt dabei Zeiten und Räume, erkennt Beziehungen und Analogien, die sich einem normalen Menschen entziehen. Ähnliches gilt für Peter Drucker. Er sieht Parallelen, Gemeinsamkeiten zwischen aktuellen, zukünftigen und historischen Entwicklungen, spannt weite geistige Bögen. Persönlichkeiten wie Drucker und Borges müssen über ein enzyklopädisches Gedächtnis verfügen. Doch das reicht nicht aus, die höhere der Fähigkeiten ist diejenige zur Verknüpfung. Der oben angeführte Arthur Koestler hält diese Kompetenz für die eigentliche Quelle der Kreativität.



Druckers neues Buch „Management Challenges for the 21st Century“ legt beredtes Zeugnis von dieser Fähigkeit ab. Die Betrachtung der Informationstechnologie im Lichte der Geschichte der Druckkunst führt zu überraschenden Schlussfolgerungen. So sieht er die dauerhaften Gewinner der IT-Revolution nicht in den Hardware- oder Software-Unternehmen unserer Tage, sondern in der Verlagen, die den Zugriff auf Wissen und Content haben. Im Buch führt er als Beispiel Bertelsmann mit Reinhard Mohn an. Bertelsmann ist heute der größte Verleger englischsprachiger Bücher in der Welt. Dieses Urteil Druckers freute mich persönlich, da ich wenige Monate vorher Reinhard Mohn für die größte deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ zum „Unternehmer des Jahrhunderts“ gekürt hatte. Doch das Urteil Druckers hat in dieser Hinsicht weit größeres Gewicht.



Natürlich darf man die historische Kompetenz Druckers nicht „mechanisch“ interpretieren. Es gibt keine Wiederholungen oder Gesetzmäßigkeiten der Geschichte, wie sie etwa Karl Marx oder Oswald Spengler propagierten. Aber es gilt auch, dass sich der Mensch im Laufe der bekannten Geschichte wenig geändert hat. Die Aussagen von Platon, Aristoteles oder Seneca zum Menschen, seinem Verhalten, seiner Führung gelten im wesentlichen heute genau so wie in der Antike. Deshalb führt es zu wertvollen Einsichten, wenn man aktuelle Entwicklungen und die Zukunft im Lichte historischer Analogien interpretiert. Genau hier liegt die große Stärke von Peter Drucker – und die markanteste Schwäche nahezu aller Managementautoren. Deren Geschichtswissen ist typischerweise sporadisch-oberflächlich oder fehlt völlig. Und anders als diejenigen, die sich als Spezialisten der Unternehmensgeschichte verschrieben haben und nur ein enges Teilgebiet abdecken, besitzt Drucker eine sehr viel breitere Basis historischen Wissens. Ohne ein derartiges historisches Verständnis und Bewusstsein fällt man im Management leicht dem Buzzword oder Trend des jeweiligen Tages zum Opfer. Die Aussage des Philosophen George Santayana, dass die Geschichte wiederholen muss, wer nicht aus ihr lernen will, gilt vielleicht besonders für das Management, das häufig vorgibt, neues zu schaffen, obwohl es nur alten Wein in neuen Schläuchen serviert.



Peter Drucker lehrt uns aus der Geschichte. Er hält uns auf diese Weise Spiegel vor, die uns neue Perspektiven eröffnen, und hilft uns zu einem besseren Verständnis der Zukunft. Und hier schließt sich der Kreis zu Soren Kierkegaard, der sagt: „Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden, aber nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden.“ Genau weil er ein Mann der Vergangenheit ist, brilliert Peter Drucker als Vordenker der Zukunft.

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