Berlin

Rewe startet 'Oh Angie!' – Food-Profi H. Niggemann berichtet

Der Name ist rätselhaft vielversprechend. Der Ort für die Premiere ungewöhnlich, aber passend.
Am 25. September um 7 Uhr eröffnete das Restaurant 'Oh Angie!', in Verbindung mit einem neuen Temma und einem Rewe City, im Untergeschoss des EKZ 'The Q' - einen Block südlich vom Lafayette auf der Friedrichstraße in Berlin-Mitte. Nach dem schnell abgebrochenen Versuch 'Made by Rewe' in Köln ist 'Oh Angie!' der zweite Einstieg von Rewe in den Gastronomiebereich.

Fachlicher Besuch und Bildgalerie von Herwig Niggemann, Bochum. Hier der Link zur Bildgalerie: http://hnfo.de/ohangie

Auf ca. 200 echten, gefühlten 350 qm ist im Auge des Treppenhauses, eingerahmt von zwei Rolltreppen, eine attraktive Fläche mit dem neuen Kind des Lebensmitteleinzelhändlers entstanden. Nichts hat das mit dem zu tun, was Made by Rewe ausmachte, Man fängt unbeschwert von vorn an.

Es ist ein italo-mediterranes Bistro geworden: Lifestyle für den Kiez in passender Form. Immerhin sind fast alle potentiellen Kunden von den Arbeitsplätzen, nicht aus den Wohnungen zu holen. Eine gastronomische Mittelinsel mit Küche, Bar und Counter auf die Passantenflächen signalisiert durch gekonnte Warendarstellung das Angebot. Man stellt sich auf tägliche wiederkehrende Kunden ein. Nach dem Frühstück ab 7 Uhr wird vor 12 auf das Mittagsangebot gewechselt: Zwei täglich wechselnde, österreichisch-italienisch klingende Gerichte werden zusätzlich zum Standard präsentiert.

Die Sitzfläche mit insgesamt 80 Plätzen ist gekonnt gestaltet: Da haben Könner gastronomisches Ambiente geschaffen, in denen sich Gäste wohlfühlen können. Sehr aufgelockert durch mehrere völlig unterschiedliche Zonen, zum Teil in offenen Glashäusern mit langem Community Table, aber auch Bar und 2er wie 4er Tische. Viele Konfigurationen sind möglich. Es ist durch das offene Treppenhaus eher ein Straßenrestaurant als ein Untergeschoss-Bistro.

Eingerahmt wird das 'Oh Angie!' an der Rückseite vom neuen Temma, mit dem es auch noch die Deliküche teilt, und dem ebenfalls neu eröffneten Rewe City an der Längsseite. Also ziemlicher Druck, den Rewe dort macht.

Bislang war diese Verkaufsfläche auch eher gut geeignet für besinnliche Pausen, sprich, hier war fast nie wirklich etwas los, eine echte Problemfläche für das Center. Es scheint, als ob Rewe die richtige Formel gefunden hat, um das zu ändern. In der Dreisamkeit bespielt man die Fläche gekonnt. Alle drei Elemente ergänzen einander und haben das Zeug, mehr Kundenfrequenz für tägliche Nutzung und Kombinationsverkäufe zu machen. So macht es Billa in Österreich schon lange, nicht zuletzt im Corso, wo man nachgewiesen hat, dass man so höhere Frequenzen, höhere Umsätze und höhere Deckungsbeiträge pro Heavy User erzielt.

Und aus Österreich ist auch Know-How dazu gewachsen: Mit Christoph Wenisch hat das Konzept Temma + Oh Angie! einen zweiten Geschäftsführer neben Christiane Speck. Er ist der Gastro-Experte und stammt aus der Interspar-Linie in Österreich, ist seit einem halben Jahr dabei. Er bringt Erfahrung mit. Bei der Auswahl der Gerichte und Rohstoffe ist erkennbar, dass er dort sicher zu Hause ist: So setzt er frische Pasta von Temporin aus Verona ein, das gilt in der Gastronomie als eines der besten Produkte auf dem Segment. Die Berkel (Traum eines jeden Schinkenliebhabers) auf der Theke signalisiert artinasale Kompetenz, wie man sie vielleicht auch in Parma erlebt. Brot ist Eyecatcher: Verschiedene mediterrane Sorten und Formen sehen nicht nur attraktiv aus, sondern passen auch zur angestrebten jungen Businessklientel, die hier im Kiez von früh bis spät fleißig ist.

So sind die Öffnungszeiten auch von 7 bis 22 Uhr geplant. Ab 17 Uhr gibt es dann sozusagen After-Work Atmosphäre mit DJ und Musik. Damit, so Wenisch, möchte man die Kunden zu Gästen machen und ihnen eine Heimat nach der Arbeit (oder vielleicht nur eine Zwischenpause vor der 'Nachtschicht') bieten. Wenn das im 'Oh Angie!' funktioniert, dann brauchen sich Temma und Rewe City keine Sorgen zu machen.

Ein Wort zu den beiden anderen Konzepten: beides auf neuestem Stand, gestalterisch weiterentwickelt und in vielen Punkten gelungen gestaltet. So fällt die hohe Kompetenz für frisches Obst und Gemüse auf: ganz im Fokus. Die übergroßen Artikelschilder über den Auslagen signalisieren die Besonderheiten, die man sonst verstohlen auf kleinen Etiketten identifizieren muss.

In Berlin muss man lokal auftreten, nicht kosmopolitisch: Das hat Rewe hier richtig verstanden. So lautet der erste Dessert: 'Berlin-Mitte in Süss'. Die Berliner lieben das. Oder: 'Prenzlberg Special'.
Da akzeptiert man auch den Titel 'Angie goes Bangkok' für Asiatisches.

Frühstück mit 'Easy Morning' für 4,90 € macht es sicher manchem Hotel in der Nähe am Gendarmenmarkt schwer, das Büffet für 25 € zu verkaufen. Berliner, Italienisches oder New Yorker Frühstück ergänzen das: verständlich beschrieben, preislich vernünftig positioniert. Ergänzbar durch Eierspeisen: Bio Spiegel- oder Bio-Rührei, oder 1 Portion Bio-Butter …

Angies Veggie Burger bedient auch die Gruppe der Fleischvermeider oder -pausierer.

Festes Angebot + sehr flexibles variables Tagesangebot bieten eine interessante gastronomische Palette. Bleibt abzuwarten, ob die Zielgruppe darauf abfährt.

Investitionen: Küche und Einrichtungen sind nicht simpel konzipiert, aber auch nicht übertrieben aufwändig gemacht. Beide Küchen zusammen sind allerdings schon eine dicke Hausnummer (einmal im Oh Angie!, einmal im/am Temma). Insgesamt betreibt man mit 15-20 Mitarbeitern das Konzept. Die Umsatzerwartungen sind dann wohl auch sehr anspruchsvoll und alles auf hohe Frequenz getrimmt. Wie man mit den langen Leerzeiten zwischen Lunch und Dinner zurecht kommt (ein hochattraktives Kuchen- und Süßangebot könnte da sehr hilfreich sein, die Atmosphäre ist es auf jeden Fall), ist abzuwarten. Genau so die Frage, wie die Abendzeiten bespielbar sind. Die Idee mit einem DJ klingt gut, die Umsetzung ist sicher nicht einfach und braucht langen Atem und hohe Gastgeber-Kompetenz.

Fazit: 'Oh Angie!' stellt sich dar als sehr aktuelles, zeitgeistiges und auf die kaufkräftige jüngere Zielgruppe orientiertes Konzept, das mit den beiden anderen Rewe-Modulen eine interessante Symbiose eingeht. Im Gegensatz zu Made by Rewe, wo das Restaurant kaum Verbindung zu den LEH-Kunden aufbauen konnte, passt es hier viel besser zusammen und kann sich gegenseitig fördern. Offenbar deutlich gesteigerte gastronomische Kompetenz lässt vermuten, dass man hier erfolgreicher sein wird als bei allen bisherigen Schritten in diese Richtung. Und: 'Oh Angie!' ist kein Stand-alone Konzept, sondern auf Vernetzung mit anderen Rewe-Modellen ausgerichtet: der richtige Weg für einen Lebensmitteleinzelhändler. Das Projekt sollte man sorgfältig beobachten, es hat gute Chancen, ein neues Modell für den LEH zu werden.

www.rewe.de


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