Solidarität als Wirschaftsfaktor

"Strategien für den Erfolg von morgen" entwickelten die Teilnehmer der diesjährigen Mensatagung in Regensburg. Angedacht wurden gemeinsame Einkaufs-Kooperationen und Marketing-Auftritte. Voraussetzung dafür: Umsatzstarke Studentenwerke müssten schwächere stützen. -Zuviel verlangt? Vom 18. bis 20. September führte das Deutsche Studentenwerk seine alljährliche Fachtagung für die Abteilungsleiter/innen der Verpflegungsbetriebe durch. Gastgeber der Mensatagung war das Studentenwerk Niederbayern, Oberpfalz. Etwa 130 Führungskräfte kamen an die Donau, um über die Zukunft ihrer Branche nachzudenken und im intensiven Kollegengespräch die eine oder andere nützliche Lösung mit nach Hause zu nehmen. Entsprechend war das Programm strukturiert und anhand von Redebeiträgen wurden verschiedene Lösungsansätze vorgestellt, wie etwa das Internet als Kommunikationsbrücke zwischen Studentenwerk und Gast oder Organisations- und Steuerkniffe für Verpflegungsmanager. Doch der Reihe nach: Nachdem die Mensaleitertagung schon am Vorabend in gemütlichem Rahmen in der Brauereigaststätte Kneitinger in der Regensburger Altstadt eingeläutet wurde, startete das offizielle Programm mit Grußworten von Andrea Hoops, DSW Bonn, die im Hinblick auf die Terroranschläge vom 11. September appellierte, dass gerade Studentenwerke einen großen Teil dazu beitragen müssten, gastfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Mensen und Cafeterien spielten als 'Orte der Kommunikation' eine wesentliche Rolle. Die augenblickliche Situation der Studentenwerke analysierte Gabriele Saremba, Referatsleiterin beim Deutschen Studentenwerk, Bonn. Wie bereits in der gv-praxis 10/2001 veröffentlicht (S.56 ff.), hat sich der Gesamtumsatz der Deutschen Studentenwerke mit einem Plus von 0,3 Prozent nicht wesentlich verbessert.
Ein Blick in die gerade erschienene 16. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes legt diverse Gründe für geringere Umsätze offen: "Der deutsche Student ist 'sesshaft' und nimmt darum die Leistungen des DSW wenig entgegen - das 'Hotel Mama' oder die Kochkünste der/s Liebsten sind wieder begehrt, erklärt die Fachfrau mit Witz. Umsatzzahlen würden bei der Betrachtung nicht die wichtigste Größe darstellen, meinte Saremba, maßgeblich sei vielmehr die Höhe der Zuschüsse, die abhängig von der Zahl der Studierenden zur Verfügung gestellt würden. Veränderungen in der Hochschullandschaft entwi-ckelten sich im letzten Jahr insbesondere durch Standortschließungen, Fusionen und Privatisierungen seitens der Studentenwerke, Ausbauzielen, Strukturreformen, Konzentrationen oder Auslagerungen von Studiengängen und sind heute an der Tagesordnung. Studierende geben im Schnitt nur noch 8,- DM pro Tag für die Ernährung aus - insgesamt wohlgemerkt! Ein weiterer Faktor: die Zeit! Verpflegung muss heute schnell und unkompliziert funktionieren - so nebenbei eben. Weitere wichtige Aspekte zum Konsumverhalten:
  • 54,0 Prozent der Mensagäste bevorzugen es, ihr Essen in der Mensa selbst zusammen zu stellen
  • 29,0 Prozent möchten eher kleine, über den Tag verteilte Zwischenmahlzeiten
  • Lediglich 21,0 Prozent wünschen sich ein vollständiges, bereits zusammengestelltes Menü
Gezeigt hat sich zudem, dass Aktionswochen den Gästen 'zu lang' erscheinen. Besser kommen einzelne Aktionstage an. Doch was in einer Mensa gut läuft, muss noch lange nicht alle begeistern. So kommen 'Wraps' bei den Einen super an, bei Anderen wiederum gar nicht. Bei Preiserhöhungen reagieren Studierende sehr empfindlich: Nicht akzeptiert wird die Erhöhung der Preise bei Stammessen, Salaten, belegten Brötchen, Kaffee und Cola. Bereit, tiefer in die Tasche zu greifen, ist man dagegen bei Aktionen, Bio-Essen, Grill- und Wokgerichten, Kaffeespezialitäten und frisch gepressten Säften. Neue Wachstumspotenziale zeigen sich für die nahe Zukunft bei Kaffee- und Saftbars sowie Snackangeboten, die auch mittags den Studierenden angeboten werden. Auf die Frage von Moderator Ralf Stobbe, Geschäftsführer Studentenwerk Gießen, ob 'Bio-Angebote' in Mensen die Zukunft seien, antwortete Dr. Regine Wollersheim, Abteilungsleiterin des Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, Bonn: "Da viele Studenten an der Mensen-Verpflegung nicht teilnehmen, gehe ich davon aus, dass man diese möglicherweise durch Bio-Angebote locken kann", so die Hoffnung der Referentin. Da Mensen einen starken Einfluss auf die Studierenden ausüben, sei es immens wichtig, bei der Speisenzusammenstellung die DGE-Vorschläge zu beachten. Bio - schön und gut, doch welche Unterstützung gibt das Ministerium? Wollersheim musste bedauern: "Für die GV wird es keine Förderprogramme geben." Dringenden Handlungsbedarf seitens des Ministeriums sieht Kay-Uwe Blietz vom Studentenwerk Berlin: Er legte offen, dass die derzeitigen Vorschriften für Ausschreibungsverfahren nicht im Einklang mit dem gewünschten Ergebnis '20,0 Prozent Bio' stünden, da europaweite Ausschreibungen vorgeschrieben seien und regionale Bio-Produkte somit praktisch nur mit 'Ausschreibungstricks'an Land gezogen werden könnten. Neue Regeln müssen her - will die Regierung ihre Ziele verwirklichen. Seit acht Jahren stehen in Berlin Öko-Kartoffeln auf dem Plan, doch schon geringe Preissteigerungen, die infolge einer Kartoffelmissernte auftraten, wurden nicht akzeptiert. "Die Schallgrenze liegt bei 6,50 DM", analysiert Blietz. Auch die Logistik stellt nach wie vor ein Problem dar: Immer noch ist die flächendeckende Versorgung mit Bio-Produkten nicht in allen Regionen Deutschlands gewährleistet. Andere Studentenwerke können dagegen nicht klagen: So erklärte Doris Senf, Einkaufsleiterin im Studentenwerk Oldenburg, wie dort seit 18 Jahren erfolgreich kontrolliert biologische Produkte eingesetzt werden. Personaltrainerin Ulla Thombansen, Inhaberin MUT, Paderborn, sprach in ihrem Vortrag über Faktoren, die unmittelbar auf die Struktur der Mensen- und Cafeterien einwirken. Dabei betonte sie besonders die Situation der Studierenden, deren verfügbares Einkommen durch teure Mieten und hohe Fahrtkosten immer geringer wird - zum Leidwesen der Studentenwerke. Das in der gv-praxis im Oktober -veröffentlichte Ranking der Studentenwerke interpretierte sie dahingehend, dass neben der Umsatzentwicklung gerade der 'Umsatz pro Student' sehr aufschlussreich sei. Hier zeigen sich nach Ansicht der Volkswirtschaftlerin die wahren Gewinner der Branche:
  • Clausthal (608,- DM/Student)
  • Göttingen (561,- DM/Student)
  • Jena-Weimar (508,- DM).
Als Grund hierfür nennt sie die große Innovationskraft dieser Betriebe. Doch gute Ideen alleine reichen oft nicht aus: Vom Minis-terium angeordnete Spar-maßnah-men zwingen so manches Studentenwerk zu Neuorganisationen. So wurde im Oktober die Zusammenlegung der Studentenwerke Essen und Duisburg besiegelt, wie Petra Karst, Studentenwerk Duisburg, im Gespräch mit der Redaktion erklärte. Vielen Mitarbeitern von Verpflegungsbetrieben fällt es zudem schwer, die Marktsituation objektiv zu beurteilen: Sie wähnen sich in staatlicher Obhut und glauben, 'dass alles so bleibt wie es schon immer war'. Doch: Bei den Ministerien klopfen schon namhafte Caterer an die Tür und bieten lukrative Angebote, die den leeren Staatssäckel durch professionelles Management entlasten könnten.
Ein Blick ins Catering-Managment könnte also auch für Eigenregieler Vorteile bieten. Warum nicht voneinander lernen oder gemeinsam an eine Sache herangehen? Wie man eine Umstrukturierung in eine rechtlich selbstständige GmbH erfolgreich angeht, erklärte Axel Fischer, Leiter der Bayer-Restaurant + Service GmbH, Leverkusen. Innerhalb kürzester Zeit (15. März bis 31. Mai) konnte er die Angleichung an Caterer-Konzepte durchführen und damit in den 43 Betriebsrestaurants für mehr Wirtschaftlichkeit sorgen: Betrug die Subvention 1995 noch 50,0 Mio. DM, so liegt sie heute bei 20,0 Mio. DM und Jahr. Viel Know-how und die zur Verfügung stehende Men-Power konnten das Unmögliche in kürzester Zeit realisieren. Sein Tipp: Gebäudekosten und Miete nicht übernehmen! Bayer verpflichtete sich für die kommenden sieben Jahre zur Absicherung der sozialen Beiträge. "Was danach kommt, wird die Situation zeigen", meint Fischer optimistisch und fügt hinzu, "das Wichtigste sei, nicht mehr am Nabel von Bayer zu hängen". Ob sich dieses Konzept auch auf staatliche Betriebe übertragen lässt, sei dahingestellt. Damit sich GmbH-Gründungen nicht als Flop erweisen, zeigte Rechtsanwalt Heiko Primas, Leiter der Steuerabteilung Rödl & Partner, Nürnberg, Chancen und Risiken bei der Ausweitung der klassischen, satzungsgemäß bestimmten wirtschaftlichen Tätigkeiten der Verpflegungsbetriebe der Studentenwerke auf und beantwortete die Frage, unter welchen Aspekten Gaststätten, Bis-tros und Ähnliches betrieben werden können. So wies er etwa darauf hin, dass nur eigenständige, räumlich abgetrennte Bereiche, wie beispielsweise eine Cafeteria, verpachtet werden können. Teile einer Mensa also nicht. Ein heikles Thema: die Tarife! Erst die Ausgliederung aus dem bestehenden Betrieb macht eine kos-tengünstigere Neueingruppierung möglich.
"Einkaufskooperationen steigern die Effektivität und verringern den Kostendruck", erklärte Johannes Freise, Geschäftsführer des Studentenwerkes Paderborn und Sprecher der erfolgreich operierenden Einkaufskooperation NRW. Aber es nütze wenig, dass große Studentenwerke zu besonders günstigen Konditionen einkaufen könnten, wenn kleine dabei auf der Strecke blieben. Vielmehr sollten sich Einkaufskooperationen bilden, welche die Zukunft der Studentenwerke sichern. Wollen Studentenwerke weiterhin selbst regieren, muss also Solidarität gezeigt werden. Dazu Kay-Uwe Bliez, Studentenwerk Berlin: "Ja ist es denn nicht zu schaffen, dass sich 62 Studentenwerke - ich betone nur 62 - miteinander an einen Tisch setzen und ein einheitliches Programm auf die Beine stellen? Caterer wie Compass/ Eurest haben 800 Betriebe unter einen Hut zu bringen und die schaffen das auch!" Wahre Worte, doch noch herrscht die Unsicherheit vor, sich von alten Verhaltensmustern zu trennen. So reagiert nun auch das Deutsche Studentenwerk und rückt näher zusammen: Um Synergien zwischen Politik und Wirtschaft herzustellen, hat der Länderrat die Empfehlung ausgesprochen, den Sitz der Geschäftsstelle des Deutschen Studentenwerks nach Berlin zu verlagern. Das Referat für Wirtschaftsfragen soll in Bonn bleiben. Dazu Andrea Hoops, DSW Berlin: "Man muss näher an den politischen Entscheidern dran sein, will man etwas Sinnvolles bewirken." Man darf gespannt sein.


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