Berlin

Starker 2. Gastro-Immobilien-Kongress – Energie & Lernstoff

Eating ist weit mehr als ‘nurmehr die kleine Schwester‘ des Shopping! Gastronomie gilt in der Immobilien-Branche als neuer Anker für gelungene LEH-Standortentwicklung, darin waren sich die gut 130 Teilnehmer des 2. Internationalen Gastro-Immobilien-Kongresses am 30./31. Mai in Berlin einig. 'Placemaking in einer digitalen Welt' und erfolgreiche Expansion, dazu gibt es zwischen Profi-Gastronomie und Immobilienwirtschaft viel Bedarf sich auszutauschen. Die Frage, wie man einen Standort zum Place-to-be macht, war heiß und kontrovers diskutiert bei der gelungenen Veranstaltung von Heuer Dialog (Immobilien-Zeitung) und FoodService Europe & Middle East sowie food-service.

Shopping Center verändern sich zu Erlebnis-Schauplätzen. Dito Verkehrsstandorte. Unsere Gesellschaft wandelt sich zu einer Sharing Society. Die Konsumenten sind nicht länger die alten. Gastronomie- und Immobilienbranche müssen auf die neuen Erwartungen eingehen oder besser: sie antizipieren. Markanteste Trends: Wunsch nach Erlebnis, Genuss und Aufenthaltsqualität. Mangel an Zeit. Erreichbarkeit & Verfügbarkeit.

So lauten, auf einen knappen, gemeinsamen Nenner gebracht, die Kern-Botschaften der zweitägigen Veranstaltung, die in der urbanen Lifestyle-Destination des Super Concept Space im Bikini, Berlin einen passenden Rahmen gefunden hatte. Mehr als 20 kompetente Referenten präsentierten als Vertreter wichtiger Branchen-Player aus ganz Europa vor einem internationalen Publikum ihre Erfolgsstrategien und Zukunftsvisionen – die Kongresssprache war englisch. Und in den Pausen, die intensiv zum Kennenlernen und Netzwerken genutzt wurden, funktionierte die multilingual Branchenverständigung bestens. Von österreichisch über finnisch und litauisch-baltisch bis niederländisch.

Neue Klassifizierung in Milieugruppen

Den roten Faden des International Restaurant Real Estate Congress bildete die These: ‘Eating is the new Shopping‘. Als Eingangs-Redner formulierte Peter Martin Thomas vom Marktforschungsinstitut Sinus-Akademie eine entscheidende Kernfrage: Wie kann ich die Erwartungen der Zielgruppen auf die Flächen übertragen? Über wen, welchen Besucher, sprechen wir eigentlich? Was erwartet er? Die klassischen Zielgruppenkategorien wie Lohas, Double income no kids oder Generation Y, Z etc. beschreiben die Menschen aus Sicht der Sozialforschung nicht zufriedenstellend, konstatierte der Mafo-Experte. Aussagekräftiger sei vielmehr die Klassifizierung in zehn Milieugruppen, die auf Lebenswelten basieren: Dabei spannte er den Bogen vom konservativ-etablierten, der auf traditionelle Werte setzt bis zum expeditiven Typus, der Mainstream und Normen negiert und spontan und schnell handelt. Sowohl lokal als auch national und international lasse sich mit diesen Profilen arbeiten, um Standorte zu entwickeln, die passen. „Doch den universell ins Schwarze treffenden Standort bzw. das Konzept, das alle zehn Milieu-Kategorien gleichzeitig anzieht, gibt es nicht“, antwortete er auf Nachfrage Axel Webers, Weber und Partner, der die Veranstaltung sehr souverän moderierte.

Die Big Player der Branche auf Gastro-Seite stelle food-service-Herausgeberin Gretel Weiß anhand diverser aktueller Rankings vor: der Top 100 größten Gastronomie-Unternehmen Deutschlands, der größten Coffee-Bar-Ketten Europas und der Top 100 Chains der USA. Stellvertretend für den krankheitsbedingt entschuldigten Jonathan Doughty, JLL, präsentierte sein Kollege Ken Higman, JLL Foodservice Consulting, UK, die Megatrends in Locations. Mit folgenden Veränderungen müssen wir bei unseren Planungen umgehen: digital revolution, rapid urbanisation, climate change & resource scarcity und individualism, so seine Botschaft. Da es immer mehr Menschen in die Städte ziehe, bedeute dies für die dortigen Restaurants, Cafés und Bars einen Zuwachs potenzieller Gäste. „No replacement for eating out in foreseeable future“, so Higmans Prognose.

Über die Synergieeffekte von Mixed-use-Konzepten, heißt: Einbindung von Retail und Gastronomie in Hotels – und wie sich Low-Budget-Hotels dadurch profilieren können, sprach Max C. Luscher, MRICS, B&B Hotels, Germany. Welche Rahmenbedingungen, Regeln und Risiken sind aus rechtlicher Sicht von Bedeutung, Dazu folgte eine professionelle Betrachtung verschiedener Franchise- und Joint-Venture-Modelle von Babette Märzheuser-Wood, Dentons UKMEA LLP, UK.

Auf der Bühne: Five Guys, Wagamama und Starbucks

Expansive Gastro-Konzepte in Europa: Worauf achten und was suchen sie? Plakativ und kraftvoll stellten dies drei Profis der Gastro-Branche jeweils für ihre multiplizierten Marken vor: John Eckbert vom US-Gourmet-Burger-Konzept Five Guys, UK, Brian David Johnston von der pan-asiatischen Restaurant-Kette Wagamama, UK, und Wilhelm Odwarka von der weltweit vertretenen Kaffee-Formel Starbucks. Ihre Kernbotschaften in drei Statements: „We live in a world where customization is expected“, sagte John Eckbert. „Customers want an experience, not just a meal”, so Brian Johnston. „We will continue upscaling the coffee experience“, versprach Wilhelm Odwarka.

Über die weltweite Expansion von Foodmarkets ging es im Vortrag von Didier Souillat, Time Out Market, UK. Unter anderem am Beispiel der Market Hall in Lissabon stellte er vor, wie man Treffpunkte schafft, die für Touristen wie Einheimische anhaltend attraktiv sind – „a place that is curated for you“. Analog zeigte Natalia Sobecka, Unibail Rodamco, Netherlands dies am Beispiel des neuen Shopping-Center-Projektes Mall of the Netherlands auf.

Eine Panel-Diskussion zur großen Herausforderung ‘Make a place a place to be – Stadtentwicklung 4.0‘ rundete den ersten Kongresstag ab. Ein Highlight am Tagungsort Berlin waren zwei Gastro-Touren. Zur Wahl stand: Alt oder neu? Arminiusmarkthalle versus Bikini Berlin. Ein verdientes Dinner genossen die Teilnehmer bei sommerlichen Temperaturen im Berliner Tiergarten (Café am Neuen See).

Die Rolle von Ambiente und Design

Beiträge zu verschiedenen Themenkomplexen rund um das Thema Ambiente und Design – weltweite Expansion internationaler Foodservice-Konzepte, innovative Architekturkonzepte in Shopping Centern, Konsumentenerfahrungen in einer vernetzten Welt – rundeten das Programm am zweiten Tag ab. So stellte Mario Bauer, Vapiano, vor wie der europäischew Fast-Casual-Leader es schafft, das Expansionstempo zu verdoppeln: 2017 werden 32 neue Stores eröffnet. Wichtig dabei, dass man seinen Marken-Prinzipien treu bleibt: „Vapiano ist mehr als ein Gastro-Konzept, wir sind Kult und eine Lifestyle-Brand, die Spaß macht.“ 190 Units in 32 Countries, und dies mit einem Unternehmens-Alter von 15 Jahren, so die aktuelle Bilanz. Auch Jan Knikker vom Entwicklungsbüro MVRDV zeigte anschaulich wie man attraktive Schauplätze erfindet. Er schilderte den spannenden Entstehungsweg der spektakulären Markthalle Rotterdam. „Wir planen Standorte, die Menschen anziehen“, so Knikker.
Um das spannende Thema der 'Economy of Soul' und die Erfahrungen der Konsumenten in einer vernetzten Welt drehte sich der Vortrag von George Gottl, Design Agency Uxus, Netherlands. "The world we live is more accessible than ever before. We are highly connected." Darum gehe es nicht darum, was man verkauft, sondern wie. Shareability sei das Schlüsselthema. Und: Der Konsument müsse den Wert der Marke spüren, so der Design-Experte.

Unter der Überschrift Hot Spot Shopping Center stellten Steffen Eric Friedlein, ECE, Germany, und Ketil Wold, Klépierre, Norwegen, die neuesten Projekte ihrer Companys vor.

Die Standortkategorien Airports und Verkehrsknotenpunkte standen bei der abschließenden Panel-Runde im Fokus. „Für Besucher ohne Kaufabsicht muss die Präsentation sehr impulsgesteuert sein“, betonte Inge Vogt, ProjektIV, Germany. „Was die Airports so besonders macht sind die gesicherte Frequenz, die vorhersagbaren Peaks und die variablen Concession Fees“, so Dr. Patrick Bohl, Flughafen Budapest. Und dass die Gastronomie das verbindende Element, „the glue“, zum Retailbereich ist, betonte Walter Seib, HMSHost International, Netherlands. „Wir erleben die Ära des Lifestyle of Food: You eat what you are.“

Zum Abschluss der Veranstaltung waren sich die Teilnehmer einig: „Der Kongress war wiederum eine großartige Plattform, sich näher zu kommen und Herausforderungen gemeinsam zu erörtern.“ Mit-Veranstalterin Gretel Weiß resümmierte: „Die zweite Auflage des Restaurant Real Estate Congress hat die Premiere nochmals übertroffen!“

www.heuer-dialog.de



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