Stichwort steigende Lebensmittelpreise und weltweite Food-Verknappung

Das Thema ist allgegenwärtig. Ein kluger Kommentar von Zeit-Herausgeber Josef Joffe trägt die Überschrift ’Agro-Imperialismus’ und die Unterzeile ’Der Staat, nicht das Kapital ist an der Nahrungskrise schuld’. Wir zitieren im Volltext, allein parteipolitische Anspielungen im ersten Teil des Zeitgeist-Beitrages bleiben weg. „ ... Mais hat sich seit Anfang 2007 um 15 % (in Dollar) verteuert, Weizen um fast 200 und Reis um fast 300. Aber wer ist daran schuld – die Agro-Riesen und das ’Finanzkapital’? Schön wär’s, wenn die Not der Ärmsten auf deren Konto ginge, dann könnte der Staat ihnen trefflich ’in die Parade fahren’. Bloß ist die reale Welt etwas verzwickter. Denn der Staat ist nicht der Erlöser, sondern der Sünder. Er hat mit seinen Auflagen und Subsidien dafür gesorgt, dass die Früchte des Ackers nicht in die Münder der Armen, sondern in die Autotanks der Reichen fließen. Die EU will bis 2020 10 % Biosprit im Tank haben; Washington bis 2022 gar 130 Mrd. l – fünfmal mehr als 2006. Kein Wunder, das sie alle – auch die Kleinbauern – ihre Ernte auf den lukrativeren Markt getragen haben, von der Waldvernichtung ganz zu schweigen. Verschärft wurde die Krise durch staatliche Eingriffe wie Exportstopps und Preiskontrollen, etwa im Reisland Indien. Das sollte die Nachfrage kappen und die Preise senken. Tatsächlich aber haben sich die Bauern am Weltmarktpreis orientiert und deshalb Reis gehortet, ergo Preisanstieg daheim. Zugleich verschwand die indische Rekordernte vom Weltmarkt, ergo der Preisschub in Importländern wie Indonesien und Bangladesch. Statt Big Agro sanftes Kleinbauerntum? Auch hier irrt unser Agrarminister. Das Problem ist just die Zersplitterung der Höfe durch Bevölkerungswachstum seit den Siebzigern: von 1,5 ha auf 0,5 in China und Bangladesch, von 1,2 auf 0,8 in Äthiopien und Malawi. Je schmaler die Fläche, desto dünner der Ertrag. Denn den Kleinen fehlt der Effizienzvorteil der Größe sowie der Zugang zu Kapital und neuem Saatgut. Apropos Dritte Welt: Vergessen wir nicht die älteren Sünden der Ersten, die dort jahrzehntelang die Agrarüberschüsse abgeworfen und mit Dumpingpreisen die lokale Landwirtschaft dezimiert hat. Die Gentechnik-Tabus der EU haben den Armen auch nicht geholfen. Welchen Tort würden wir ihnen denn mit GM-Pflanzen antun, wenn die mit weniger Wasser mehr Ertrag brächten? Die ’Grüne Revolution’ der Sechziger hat die Reisernte per Hektar verfünffacht, bloß nannten wir das damals ’Züchtung’, nicht Manipulation. Populismus bei uns, Powerteh bei denen – das war nicht der Traum der Linken, als sie noch an Internationalismus und Fortschritt glaubt." Zeit-Herausgeber Josef Joffe www.zeit.de


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