Umsatz im Schlepptau

In der Gastronomie werden die kleinen Gäste als eigene Zielgruppe immer häufiger wahrgenommen. Nicht nur, weil die Initiatoren ein Herz für Kinder haben, sondern auch, weil kinder- und familienfreundliche Angebote schlicht das Geschäft fördern. Denn Familien mit Kindern bringen häufig weiteren Anhang mit und kommen bzw. gehen früh. In den meisten Fällen entscheidet der Nachwuchs außerdem mit, wo gegessen wird. Große Investitionen sind kein Muss: Aufmerksamkeit danken die Kids nicht minder als Wundertüten.

Die Notwendigkeit, Kinder als vollwertige Kunden zu behandeln, sahen zu allererst die Fast Fooder - allen voran McDonald’s. In den letzten Jahren haben aber auch Gastronomen aus anderen Segmenten das Thema ‘Kinderfreundlichkeit’ aufgegriffen, wohl wissend, dass sie es hier mit der zukünftigen kaufkräftigen Klientel zu tun haben. Anders als im Fall des Branchenriesen stellen Kinder als Gastronomiekunden in den meisten Fällen zwar keine eigene Zielgruppe dar, jedoch werden sie nicht mehr nur als ‘lästiges Anhängsel’ empfunden. Auch ein Faktor, der im Hinblick auf die Abgrenzung zu den Wettbewerbern eine zunehmend wichtige Rolle spielt.



2 Beispiele - Food Court Heilbronn und Hofbräukeller München:

Thomas Aurich, Geschäftsführer von Akrogast, gehört zu den Vorreitern in Sachen familienfreundliche Gastronomie. Der zweifache Familienvater, der sich seit Mitte vergangenen Jahres Sachverständiger für kinderfreundliche Gastronomie nennen darf, weiß, wovon er redet: "Heutzutage unterliegen Eltern mehr und mehr einer Eventverpflichtung. Wir haben gemerkt, dass Paare aber auch ‘mal wieder mehr Zeit für sich haben wollten."

So entschied sich der Gastronom 1994 mit dem Food Court in Heilbronn ein familienfreundliches Konzept zu realisieren. Anfangs nur die nötigsten Einrichtungen (Wickelraum, Sandkasten und Rutsche), hat sich der 1.500 Plätze-Biergarten, in dem man sich an F&B-Ständen selbst verpflegt, mittlerweile zu einem wahren Kinderparadies entwickelt. Elektrobagger, Fuhrpark mit 15 Bobbiecars, Tischfußball, Kletterwand und Trampolin sind nur einige Beispiele, die seitdem hinzugekommen sind. Kinderspeisekarte, Kindergetränke (z. B. Öko-Cola, koffeein- und zuckerfrei) und Lollis sind selbstverständlich.

Der Kinderfreund ("Ich glaube, dass kein einziges Kind freiwillig fernsieht" steht auf seiner Visitenkarte) macht sich jedoch weitergehende Gedanken und findet, dass der Nachwuchs "besser behandelt werden muss. Wir wollen, dass Kinder ihre Bedeutung für uns spüren. Sie sollen auf einer Ebene mit uns sprechen können."

Ermöglicht wird das beispielsweise durch an den Ständen aufgestellte Stufen. Ganz neu in dieser Saison ist der Mutter-Kind-Eingang: zwei Torbögen - ein 2,60 m hoher Eingang für die Erwachsenen und ein eigens für die kleinen Gäste geschaffener 1,50 m hoher.

"In dem Alter ist eine positive Markenprägung besonders wichtig", weiß Aurich aus eigener Erfahrung. Sein Sohn habe einmal - des Lesens und Schreibens noch nicht mächtig - eine Appolinaris-Flasche allein an dem roten Dreieck erkannt. Der Grund: Er hatte von der Firma ein Puzzle geschenkt bekommen.



Wohl einer der schönsten Erfolge Aurichs im Rahmen seines Engagements für kinderfreundliche Gastronomie im Dehoga Baden-Württemberg ist die Auszeichnung von 115 Lokalen mit dem Prädikat ‘Familienrestaurant’ (www.familienrestaurant.de). Eine nationale Zertifizierung ist geplant. Hochspannend auch, was seit Anfang 2001 im Hofbräukeller München passiert. Im Rahmen der Modernisierung des Gastraumes wurde ein Abschnitt komplett umgestaltet und ein Kinderland eingerichtet (Investition 30.000 !). Dort können sich die Energiebündel in einem Bällepool mit Rutsche austoben, puzzeln, mit Eisenbahn und Plüschtieren spielen oder Kinderfilme anschauen. Statt 100 Sitzplätze fasst dieser Bereich jetzt zwar nur noch 25, dafür ist der Umsatz aber höher als früher.

"Das liegt an der gestiegenen Gäs-tefrequenz und damit besseren Auslastung", erklärt André Schmidt, der gemeinsam mit Günter Steinberg den Hofbräukeller betreibt. Grundidee war auch hier, durch Beschäftigung der Kleinen einen größeren Freiraum für die Eltern zu schaffen. Das Besondere: Die Kinder werden permanent beaufsichtigt. Dafür wurden 3 Betreuerinnen eingestellt, die sich während der Öffnungszeiten des Kinderlandes (10-22, So -20 Uhr) um die kleinen Gäste kümmern.

Werbung für die neue kinderfreundliche Ausrichtung des Hofbräukellers sei nicht nötig gewesen, so Schmidt. "Mütter sind sehr kommunikativ. Ein solches Angebot spricht sich schnell herum." Entstanden ist die Idee aus der Notwendigkeit, dem Lokal ein modernes Erscheinungsbild zu geben - bei Beibehaltung der bayrischen Tradition.

"Unser Publikum war einfach überaltert", erinnert sich Steinberg. "Ich dachte, wenn nicht bald was passiert, sterben die uns noch weg. Junge Familien mit Kindern kamen zwar auch schon vorher zu uns, meistens nutzten die aber nur den Biergarten im Sommer." Anfangs habe er wegen der doch tiefgreifenden Umgestaltung schon ein wenig Bedenken gehabt und das Risiko gescheut. Doch nach einer Anlaufzeit von einem 3/4-Jahr habe sich gezeigt, dass das Konzept gut funktioniert. Die positive Resonanz sei enorm gewesen. "Man schaut ‘mal eine Woche nicht hin und plötzlich stehen da 15 Kinderstühle in einer Ecke. Das fällt schon auf", schmunzelt Schmidt. "Die Kinder sind hellauf begeistert. Viele weinen sogar, wenn die Eltern wieder nach Hause wollen."

Negative Erfahrungen?

"Man muss sich damit abfinden, dass Klientel abwandert, wenn man in einem Traditionslokal ein Kinderangebot dieser Größenordnung umsetzt", geben beide zu bedenken. Einigen Stammgästen sei es zu laut geworden. Andere seien darüber verärgert, dass sie sonntags ohne Vorbestellung keinen Platz mehr fänden. "Ich habe hier noch nie reserviert", bekomme man des öfteren zu hören.

Von Reue kann aber keine Rede sein. "In 2001 hatten wir fast 2-stellige Umsatzsteigerungen. Sicher, einige Gäste sind gegangen, aber wir haben auch neue gewonnen. Am Wochenende kommen 60-70 % gezielt wegen des Angebotes für die Kinder", schätzt Steinberg. Am hohen Stammkundenanteil, ergänzt Schmidt, habe sich nichts geändert, nur die Strukturen seien eben anders geworden. Wo früher die typisch bayrische Stammtischklientel saß, tauschen heute Mütter Kochrezepte aus. Auch Väter nutzen das Angebot, tauchen aber weniger in Gruppen auf. Viele kommen alleine am Samstag vormittag, um die Partnerin zu entlasten. Einziger Konfliktpunkt, berichtet Schmidt, sei ab und zu der Fernseher. Obwohl ausschließlich Kinderfilme gezeigt würden, fänden es manche Eltern nicht gut, dass die ‘Flimmerkiste’ ununterbrochen laufe. Steinberg erklärt: "Wir wollen keine Pädagogen sein. Uns geht es darum, den Eltern einen Freiraum zu verschaffen und den Kindern Spaß zu bereiten." Münchner Familien können sich schon über neue Ideen für Kinder freuen. "Wir haben einen großen Markt geschaffen und müssen uns jetzt natürlich auch weiterentwickeln", sagt Schmidt. Das nächste Projekt: Für den Sommer soll es einen eigenen Biergarten für den Nachwuchs geben. Außerdem plant man, das Angebot für Geburtstagsfeiern weiter auszubauen. Und auf der Kinderkarte sollen die Gerichte mit Zeichnungen visuell dargestellt werden, damit auch die ganz Kleinen selbst bestellen können.

Steinbergs Resümé: "Das einzige, was in der Gastronomie für Kinder überhaupt ‘getan’ wurde, war das Jugendschutzgesetz, das aber tatsächlich der Abschreckung dient. Wichtig ist ein kinderfreundlicher Wirt, der diese Einstellung auf seine Mitarbeiter übertragen kann. Spezielle Speisekarten, Spiele und Give-aways - das nutzt alles nichts, wenn die Kinder unfreundlich behandelt und nur als lästiges Übel empfunden werden."
Mövenpick hat sein Kinderkonzept vollständig überarbeitet. Wichtigste Änderung ist die Absetzung von den Bauernhoftierchen und Einführung der Kindermöwe ‘Picky’ als neues Maskottchen, die den Kids überall begegnet. Seit Ende 2001 werden die Kinderecken aufgefrischt und zum Teil mit Klettertürmen ausgestattet.

Ein Kinderverantwortlicher steht als Ansprechperson zur Verfügung. Außerdem wurden neue Give-aways konzipiert und ein umfassendes Programm eingeführt, das Aktivitäten wie Kinderfeste, Geburtstagspartys, verschiedene Events an Feiertagen oder Bastel-, Back- und Spielnachmittage umfasst.

Auch ein Kinderclub ist in Planung, in dessen Rahmen es eine eigene Homepage für die Kids geben wird. Die Umstellung des 4-sprachig angelegten Konzepts erfolge Schritt für Schritt, erklärt die verantwortliche ‘Kinderbeauftragte’ Babette Baars, letztendlich würden 98 % aller Mövenpick-Betriebe (auch Hotels) das neue Kinder-Konzept umsetzen.

"Eine sehr schöne Aufgabe, weil es etliche Möglichkeiten der Weiterentwicklung gibt."

www.moevenpick.com



Hallo Pizza, Langenfeld, hat im April 2001 eine große Kinder-Aktion gestartet. "Wir hatten eine sehr lange Planungsphase", erinnert sich Peter Steiner, Marketing.

"Klar war: Die Kinder müssen etwas eigenes bekommen. Eine herkömmliche Pizzaschachtel reicht aber nicht aus." Bestandteil der Kids-Tüte (4-5 Euro) ist nun eine Papiertragetasche im aufwändigen 4-Farbdruck. Inhalt: Minipizza (Ø 17 cm), Box mit 2 Ü-Eiern (Ferrero), Spieleheft und diverse Give-aways.

Außerdem wurde ein Kinder-Club eingerichtet. "Das Wort ‘Club’ war für uns anfangs ein Reizwort. Vorteil ist, dass man Adressen sammeln kann, aber man gerät auch in den Zugzwang, ständig etwas machen zu müssen."

Mittlerweile beteiligen sich von 100 Betrieben bereits 87 an der Kinderaktion und der Club zählt 940 Mitglieder. Pro Monat werden ca. 5.000 Kids-Menüs verkauft. "Es ist unglaublich, wie sich die Kleinen freuen. Wir bekommen oft Zuschriften, in denen sich die Kinder oder die Eltern bedanken."

Pläne: ein eigenes Clubmagazin, um mit den Kindern direkt zu kommunizieren.

www.hallopizza.de



Im Erlebnispark Pumuckls Klabauterland, Erding (2000/01 insges. 100.000 Besucher, davon 51 % Kinder), dreht sich alles rund um das Kind. Auf einer Fläche von 1.800 qm (komplett indoor) befinden sich neben Spielbereichen 2 gastronomische Abschnitte.

In der ‘Schreinerei Eder’ können die Gäste an einer SB-Theke kalte Speisen und Getränke mitnehmen. Warme Gerichte werden serviert. Im ‘Pumuckl-Bistro’ (Free-Flow) wird jeden Sonntag ein Familienbrunch angeboten. Speisen und Getränke sollen gesund sein, dem ‘Kunden Kind’ aber trotzdem schmecken.

"Es macht keinen Sinn, Spinatklößchen anzubieten, wenn die Kleinen ‘Bäh’ schreien", findet Raoul Ferroni, der gemeinsam mit Peter Voit das Freizeitcenter leitet. Auf der Karte stehen Pizza & Pasta (4-5,50 Euro), Currywurst mit Pommes (4,90 Euro) oder Apfelstrudel mit Vanillesoße (1,70 Euro).

Das Konzept soll im Franchisesystem multipliziert werden (bis 2004 zwei weitere Betriebe, der erste soll im August 2002 starten). Ziel ist es, Partner zu finden, die das Klabauterland in ihren Betrieb integrieren.

www.klabauterland.de
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