Wolfram Siebeck wird 75.

Übermorgen, am 19. September, wird Wolfram Siebeck 75. Er gilt als Deutschlands feinste Zunge. Diesen Ruf hat er sich hart erarbeitet, denn: "Als Feinschmecker kommt man nicht auf die Welt." So seine eigene Einschätzung. Siebeck ist Vorkocher und Vorkoster, gefürchteter Kritiker und verehrter Förderer der guten Gastronomie in Deutschland. Nur wenige haben in den letzten 2 Dekaden die Top-Gastronomie so konstruktiv kritisiert wie er.

Siebeck, 1928 in Duisburg geboren, begann seine publizistische Karriere 1967 als Illustrator. Zum Profi-Esser wurde er, als ihm bei einem Filmfestival das Programm zu langweilig wurde und er sich ins Restaurant verdrückt hat. Mit feinsinnigen und scharfzüngigen Kolumnen avancierte er zum Gourmet-Guru. Seine Bücher waren und sind Bestseller. Darunter: Kochen bis aufs Messer (1982), Eine Prise Süden (1984), Liebe auf den ersten Biß (1985), Nicht nur Kraut und Rüben (1985), Vorsicht, bissiger Hummer (1986), Frisch gewürzt ist halb gewonnen (1987).

Seine Memoiren erschienen 1992 unter dem Titel 'Das Haar in der Suppe hab' ich nicht bestellt'.

Siebeck lebt heute hauptsächlich in Frankreich. Die französische Regierung schlug ihn 1991 zum Ritter.

Die Wochenzeitung 'Die Zeit', in der Siebeck über lange Jahre Autor war und ist, widmete ihm in ihrer Ausgabe vom 11. September zwei komplette Seiten mit Statements, die es lohnt zu lesen. Insbesondere die Zeilen von Bundesministerin Renate Künast sind ein großes Lese-Vergnügen. www.zeit.de

Roland Mary (Borchardt, Berlin-Mitte) schreibt: "Es gibt Leute, die halten sich für Restaurant-Kritiker, haben aber keine Ahnung. Siebeck weiß wirklich Bescheid, auch international, deshalb mag ich ihn sehr."

Dass der 75-jährige einer der ganz prominenten Gegner von Fast Food ist, versteht sich fast von selbst. Dazu ein insgesamt sehr spannendes Interview aus dem Jahr 1998.



Herr Siebeck, ist das Thema Fast Food für einen Feinschmecker wie Sie nicht eher etwas unappetitlich?

Unappetitlich ist das falsche Wort. Ich halte Fast Food für eine Katastrophe. Dieser konfektionierte Schund entfremdet die Menschen von natürlicher Nahrung, lässt ihre Fähigkeiten, Nuancen zu erkennen, verkümmern und bewirkt eine kulinarische Gleichmacherei. Den individuellen Geschmack der Einzelnen verwandelt Fast Food in Massengeschmack. Das ist nicht unappetitlich, das ist politisch relevant.



Inwiefern?

Weil Menschen, die sich gleichschalten lassen, wenn es um die Akzeptanz einer Kunstpizza, eines Fleischklopses oder einer Tütensuppe geht, sich auch gleichschalten lassen bei Problemen des gesellschaftlichen Lebens. Egal ob die Massen 'Lecker!' oder 'Heil!' brüllen, es müssen ihnen zunächst einmal der kritische Verstand beziehungsweise die kritische Zunge lahmgelegt werden.



Schelten Sie jetzt die Massen oder den Fleischklops?

Einen Fleischklops, womit ich natürlich Hamburger meine, kann man ebenso wenig schelten wie eine Tütensuppe. Es sind immer die Verbraucher - oder die Wähler - die für die Existenz von Monstrositäten verantwortlich sind. Im übrigen kann ein selbstgemachter Fleischklops ganz lecker sein.



Vorsicht: Spätestens, seit John Caray sein Buch 'Haß auf die Massen' herausgab, weiß man: Es waren die Intellektuellen, welche die Masse und ihr Attribut, die Konservenkost, diskreditierten - als mechanisch und seelenlos.

Was Caray sagt, ist eine Behauptung. Seine Kronzeugen sind wie George Bissing entweder schrullig oder, wie H.G. Wells, völlig im Recht, wenn sie gegen Ungeschmack und Pöbel polemisieren. Im übrigen ist Caray, wie Engländer ganz allgemein, viel stärker von Klassenunterschieden fasziniert als Kontinentaleuropäer, was seine Thesen so verbindlich macht wie ein Kochbuch, das nur Gurkenrezepte enthält.



Schon die Basare im alten Orient sollen Fast-Food-Paradiese gewesen sein, und die älteste Würstchenbude der Welt wurde 1134 gegründet. Aber erst unser Jahrhundert wurde das Jahrhundert der Fast-Food-Philosophie. Warum?

Man kann die Basare und die Würstchenbuden, wo die Produkte ja frisch gemacht wurden, nicht mit den im Labor gezeugten, mit Chemie hochgepäppelten und dann tiefgefrorenen Kunstprodukten vergleichen. Handarbeit und computergesteuerte Maschinen sind zwei verschiedene Welten.



Fast Food ist an die Industrie und die mit ihr entstandenen urbanen Massen gebunden?

Fast Food ist die industrielle Umsetzung der Erkenntnis, dass der Mensch bequem war, bequem ist und bequem bleiben wird. Aus Bequemlichkeit haben wir all die tollen Sachen erfunden, die uns die Arbeit erleichtern, beispielsweise die Arbeit, unsere Mitmenschen umzubringen. Die haben wir ziemlich perfektioniert, wie Sie zugeben werden. Aber der Mensch ist auf allen Gebieten bequem. Ein Wunder, dass wir noch freiwillig kauen, was wir hinunterschlucken. Wir sind zu bequem, Feuer zu machen, Suppen zu kochen und Orangen auszupressen. Wir wollen zwar essen, aber wenn's geht, dafür nicht kochen müssen. Die 'Speisung der 5000' war deshalb so populär, weil da zwei symbolische Fische und eine Menge Wasser genügten, um tausende Leute zu beköstigen. Das war die Geburtsstunde des Fast Food: Fischaroma mit Wasser aufgießen, und die Konsumenten rufen Hosianna. Übrigens nicht nur in den Städten. Die Bauern in meiner Nachbarschaft benutzen Retortenprodukte nach meinen Beobachtungen exzessiver als Städter, denen eine größere Auswahl an frischen Lebensmitteln zur Verfügung steht.



Die Bequemlichkeit beim Töten: George Orwell behauptete, dass der Erste Weltkrieg ohne die Erfindung der Konservennahrung nie hätte stattfinden können. Er klagte die Konservennahrung an, die Gesundheit der Engländer zu ruinieren: "Es könnte sich herausstellen, dass Konservennahrung langfristig gesehen eine tödlichere Waffe ist als das Maschinengewehr."

Nun ja, Orwell war auch ein Spaßvogel. Er hat die Gefährlichkeit der Konserve wohl überschätzt. In einer Packung tiefgefrorener Fischstäbchen hätte er wahrscheinlich ein Massenvernichtungsmittel gesehen. Was sie ja auch ist, weil nämlich dafür die Fische in Massen vernichtet werden.



Die Fertigkost löste uns vom Herd, machte uns mobil, und wenn es nicht gerade um so unerfreuliche Unternehmen wie Kriege geht, hat das auch gewisse Vorteile - großangelegte Expeditionen in unwegsame Gegenden wie zum Pol oder zum Himalaja wären ohne Fertigkost nicht möglich. Ohne Nahrung aus der Tube könnten wir nicht in den Kosmos fliegen.

Du liebe Güte! Wenn ich etwas für total überflüssig halte in der Entwicklung der Menschheit, dann sind es Expeditionen zum Pol und die Raumfahrt.



Sie glauben also nicht, dass sich mit der Entwicklung von Fast Food zunächst Hoffnungen verbanden? Dass - wie bei allen Erfindungen - der Segen und nicht der Fluch gewollt war?

Wo sehen Sie bei der Erfindung der Gummibärchen einen Segen? Gewollt war der Profit. Fast Food ist eine große, eine riesige Industrie, über deren Ausmaß und Macht wir kaum eine Vorstellung haben. Die Nahrungsmittelkonzerne haben in Brüssel die größte Lobby, da sie mit der Agrarlobby praktisch an einem Strang ziehen. Ihrem Power-Marketing eine Kultur des individuellen Geschmacks entgegenzusetzen, ist fast aussichtslos. Nur Nischen scheinen möglich, in denen die Qualität gehütet wird wie ein Gral. Allerdings sind die Menschen immer noch aller Ideologien überdrüssig geworden, die man ihnen aufzwang oder wozu man sie überredet hat. Darin liegt eine Hoffnung. Eine schwache Hoffnung, wie ich zugebe.



Trotzdem: Für die Arbeiterin der Jahrhundertwende war die Suppendose Zeitersparnis. Und genau aus diesem Grunde greift die berufstätige Frau unserer Tage zur Tiefkühlkost - Brühwürfel, Kantine und Mikrowelle sind Attribute der Arbeitsgesellschaft. Insofern steht das Fertiggericht auch für eine Demokratisierung des Essens.

Reden Sie nicht von Arbeitsgesellschaft! Wir sind eine Arbeitslosengesellschaft. Sie können die Fabrikarbeiterin der Jahrhundertwende doch nicht mit unseren berufstätigen Frauen vergleichen! Damals waren Wasch- und Spülmaschine noch nicht erfunden, gab es noch keine 35-Stundenwoche und keine Teilzeitarbeit. Pampers hießen Windeln und wurden von Hand gewaschen, Babynahrung produzierte die Mutter, Töpfe wurden mit Sand gescheuert, und Meister Proper war unvorstellbar. Gewiß dienen unsere HighTech-Küchen der Zeitersparnis, wie das Fertiggericht auch. Aber wofür wird die Zeit denn gespart? Was fängt die Hausfrau damit an? Ich will es Ihnen sagen: Sie drängt sich in eine Talk-Show und redet über ihre erogenen Zonen. Sie fliegt am verlängerten Wochenende zum Billigtarif nach Venedig. Sie verbringt ihre Zeit in Selbsterfahrungsgruppen. Sie macht tausendundeine Sache. Nur kochen tut sie nicht. Dafür gibt es ja Fast Food. Wenn Sie das Demokratisierung des Essens nennen, dann kann ich nur lachen. Für mich ist das Unterwerfung unter die Verführungen des Konsums auf Kosten wirklicher Lebensqualität.



Wirkliche Lebensqualität - das ist also kochen?

Ja - aber das muss ich präzisieren. Unter kochen verstehe ich in diesem Zusammenhang die Befreiung von fremdbestimmter Arbeit. In keinem anderen Bereich unseres Lebens haben wir die Möglichkeit, Arbeit selbst zu bestimmen. Das heißt, wir selbst treffen die Entscheidung, was wir kochen, wir selbst wählen die Produkte, verarbeiten sie nach unserem Gusto - möglichst ohne ängstliche Blicke ins Kochbuch -, wir schaffen Lustgewinn aus eigener Kraft! Das gibt es sonst nur noch in der Kunst; aber wer ist schon ein Künstler? Dabei muss keineswegs ein raffiniertes Gourmet-Menü 'rauskommen. Wenn es gelingt: um so besser. Aber schon ein Fleischklops kann unendlich mehr Freude machen, wenn er selbstgemacht ist, als ein Fleischklops mit Verfallsdatum aus der Gefriertruhe. Der Mensch braucht die Freiheit, selbst zu entscheiden, wie und was gekocht wird; er sollte seinen eigenen Geschmack artikulieren und sich nicht einem Konfektionsgeschmack unterwerfen. Andernfalls wird er depressiv. Deshalb ist Kochen so wichtig für unsere psychische Hygiene, und deshalb ist Fast Food so fatal. Fast Food ist Essen für Befehlsempfänger.



Kochen als kleiner Schöpfungsakt. Unsere Töchter und Söhne allerdings scheinen kaum noch bereit und in der Lage, sich ihre Nahrung selbst zuzubereiten - die Freiheit scheint sie nicht zu reizen.

Da habe ich eine bessere Meinung von den Jungen. Wenn die sich überhaupt noch vom Elternhaus beeinflussen lassen, dann ist es durch Mamas Kochkünste. Wo die noch richtig kocht, werden bleibende Eindrücke, ja Sehnsüchte installiert. Das war auch früher nicht anders. Leider sind schon viele, viel zu viele Mütter auf dem Fast Food Trip, und die Erinnerung daran bewirkt bei den Kindern keine Sehnsucht, sondern Gleichgültigkeit gegenüber ihrer Ernährung.



Ich möchte Ihnen ja gern glauben, dass die kleinen Skins entstehen, weil Mama nicht mehr richtig kocht. Doch da muss ich an Herrn Hitler denken: Obwohl er den Fleischklops abgelehnt hätte, weil er Vegetarier war, war er doch sehr fürs Selbstgemachte: für naturnahe Kost, 'artgemäße Ernährung', derer das deutsche Volk bedürfe, 'um seine Zukunft groß und stark zu gestalten'. Gleichschaltung per Gaumenkitzel - hausgemachte Kartoffelsuppe macht Menschen offenbar auch nicht mündig.

Das ist ein interessanter Einwand, jedenfalls für Leute wie mich, die im Elternhaus Hitlers Eintopfsonntage kennen gelernt haben. Damals war alles noch selbstgemacht; neu war nur die Aufforderung zum primitiven Essen. Die 'artgemäße Ernährung' propagierten die Nazis, weil die Aufrüstung Devisen verschlang, die man nicht für Delikatessenimporte ausgeben wollte. Also gewöhnten sich die Volksgenossen an Margarine, an fehlende Sahne und an deutsche Rüben. Der damit einhergehende Blut-und-Boden-Rummel war, was heute das Tätowieren bei Skindheads ist: ästhetisch geschmacklos und ideologisch dämlich. Aber, wie ein Satiriker später spottete: 'Eßt Scheiße! Millionen Fliegen können sich nicht irren.' Die Blut-und-Boden-Mentalität ist leider nicht tot, und ihre Kategorien werden immer noch mit artgemäß, natürlich, echt, unverfälscht usw. bezeichnet, auch und gerade beim Essen. Unverfälscht! Echt! Natürlich! - man kann gar nicht genug kreischen, wenn heutige Einfaltspinsel unsere Ernährung so bezeichnen. Nichts ist mehr echt und natürlich; was immer wir in den Mund stecken, ist manipuliert, verfälscht, unnatürlich und belastet; nicht nur Fast Food. Es wäre schrecklich, wenn die Forderungen der Ökologen nach naturbelassenen Lebensmitteln mit der Blut-und-Boden-Mythologie gleichgesetzt würden.



Noch einmal zurück zu den Jungen: Egal, ob Mama nun kocht oder nicht, sie sind die Hauptkunden von McDonald's. In nur 25 Jahren hat sich der US-Konzern an die Spitze der deutschen Schnellgastronomie gesetzt.

Meine Kinder haben McDonald's verabscheut. Dennoch hat der Erfolg von McDonald's kaum mit dem Geschmack der Hamburger zu tun. Er ist eine Art Kulturrevolution, die Jungen rennen hin, weil sie sich von ihren Eltern unterscheiden wollen. Genau wie sie Heavy Metal und andere Popmusik hören, die Erwachsene in die Flucht schlägt. Im schrillen Plastikambiente einer McDonald's Filiale sind sie unter sich, da achtet niemand darauf, ob sie sich lümmeln, da essen sie mit den Fingern, weil es anders ja gar nicht geht. Dass das für geschmackliche Emanzipation nicht förderlich ist, ist klar. Leider bewirkt die allgemeine Infantilisierung unserer Gesellschaft auch bei Erwachsenen eine Vorliebe für die Wattebrötchen. In den USA stört sich niemand daran, wenn der Präsident in so 'n Ding beißt und dazu aus einem Pappbecher trinkt. Nun ja, die Amerikaner finden einen Bayern hinter seinem Maßkrug und einer Schweinshaxn wohl auch nicht gerade beispielhaft für das Volk der Dichter und Denker. Nicht jeder empfindet eben den Wohlstand, in dem er lebt, als Verpflichtung zur kulturellen Weiterentwicklung.



Der Hamburger ist ein Kultobjekt, und längst sind Fast-Food-Restaurants die Plätze, an denen die Trash-Kultur lärmend den schlechten Geschmack feiert.

Habe ich je etwas anderes behauptet?



Nein, aber es könnte doch sein, dass das Bekenntnis zum Hamburger das trotzig-ironische Bekenntnis der grauen Masse zu sich selbst ist.

Liebe Frau Matte! Ich weiß nicht, ob sie eine Katze oder einen Hund haben. Wenn ja, heißt das Tier wahrscheinlich McDonald's, stimmt's? Ihre Fragen zeigen, dass Sie auf Hamburger geradezu fixiert sind. Macht ja nichts; ich habe auch meine Ticks. Nur hat das einen Nachteil: Ich interessiere mich nur am Rande dafür. In Wirklichkeit ödet mich diese Fast-Food-Kultur an, für so was bin ich, was mir zu Recht vorgeworfen wird, zu elitär. Ich beschäftige mich mit dem Kulinarischen nicht, um Gummibärchenkonsumenten in die Pfanne zu hauen, sondern um Feinschmecker zu ermutigen.



Also, ich habe eine Katze. Die heißt nicht McDonalds. Aber da Sie das Thema satt haben, reden wir über was anderes: Was macht gute Küche aus?

Das ist eigentlich nicht schwer zu definieren, weil es beim Kochen wie in der Musik oder Malerei objektive Maßstäbe gibt. Mozart ist nun mal besser als Paul Lincke, darüber herrscht ebenso Einigkeit wie über die herausragende Stellung eines Michelangelo, eines Holbein oder Max Ernst gegenüber einem Comic. Um das zu erkennen, bedarf es allerdings einer Bildung, die man nicht per Schluckimpfung erwirbt. Beim Essen ist es nicht anders. Niemand wird als Feinschmecker geboren. Die Tatsache, dass wir alle unsere Lieblingsspeisen haben, besagt wenig. Die meisten Menschen sind zufrieden, wenn sie ihre Lieblingsspeise täglich auf dem Teller haben, auch wenn es eine Currywurst ist. Den Herstellern von Currywürsten passt das natürlich gut ins Konzept, und sie beten heimlich, dass sich daran nichts ändert. Deshalb sind sie im Grunde fortschrittsfeindlich, auch wenn sie immer modernere Wurstmaschinen in Betrieb nehmen. Sie ähneln darin allen Institutionen, die in unserer Welt die Macht haben.



Selbst kochen und gut kochen, das sind zunächst einmal Äpfel und Birnen. Wo haben Sie kochen gelernt?

Selbst kochen bedeutet lediglich, dass man nicht zu vorgekochter, konfektionierter Nahrung greift. Es kann - vielleicht - Ausgangspunkt für eine ehrgeizige, bessere Küche sein. Muss aber nicht. Dennoch ist die Verweigerung der Industrieprodukte positiv, weil sich darin das Unterscheidungsvermögen des Verbrauchers zeigt. Besser kochen ist ohne kulinarischen Anspruch nicht möglich, und der setzt Unzufriedenheit voraus. An diesem Punkt kommt die kritische Zunge ins Spiel, wird Kritik zu einem progressiven Impuls. Denn nichts besiegelt die Verblödung unserer Gesellschaft mehr, als kritiklose Akzeptanz der Dinge, die man uns vorsetzt - das gilt fürs Entertainment und die Politik noch mehr als beim Essen. Als Koch bin ich Autodidakt. Ich war einfach nicht zufrieden mit dem, was es um mich herum zu essen gab, also habe ich zunächst für meine eigene Lust gekocht, schließlich aus Neugier und als Broterwerb, indem ich übers Kochen schrieb. Das tue ich heute noch. Natürlich habe ich ein paar Nachhilfestunden in den Küchen guter Profiköche genommen.



Gute Küche braucht mehr als Salz in der Suppe, man braucht erstklassige Nahrungsmittel. Wo findet man die?

Soll ich jetzt Läden nennen, die darauf spezialisiert sind? Märkte, wo Bio-Bauern ihre Produkte verkaufen? Bäcker, die Brote backen, welche auch nach 14 Tagen noch essbar sind? Es gibt bei uns alles. Nicht überall, aber man kann es finden. Doch das kostet Zeit und Mühe. Und da steigen schon die ersten Konsumenten aus; deshalb ist Fertignahrung so populär: Man hat keine Mühe, das Zeug zu finden.



Die Gen-Tomate kommt nicht auf Ihren Tisch?

Ich hoffe nicht. Aber wer weiß schon, was sie uns alles andrehen? Genfreie Nahrungsmittel wird es bald wohl nicht mehr geben. Das genmanipulierte Zeug wird ja zugelassen, weil es so ungefährlich ist wie die Castor-Transporte.



Was muss passieren, damit es sich für Bauern wieder lohnt, ökologisch vernünftig zu wirtschaften?

Fragen Sie mal die Bio-Bauern, von denen es in Deutschland und Österreich ja schon sehr viele gibt! Unfreiwillig tragen wohl auch die Genmanipulierer dazu bei, dass die Verbraucher mehr und mehr nach Bio-Produkten suchen. Es existieren sogar schon Führer zu den entsprechenden Höfen im Umkreis der großen Städte. Doch am Anfang jeder Veränderung zum Besseren stehen die Ansprüche der Verbraucher.



Können wir als Verbraucher wirklich Einfluss darauf nehmen?

Aber ja doch. Nehmen wir schon seit Jahren. Wieso gäbe es sonst die wunderbaren Märkte, die Überfülle an Delikatessen, die vielen Biomärkte und Geschäfte? Wer einmal den Unterschied geschmeckt hat zwischen einem fetten Suppenhuhn und einer ausgemergelten Henne aus der Batteriehaltung, der lässt sich so leicht kein Turbohähnchen mehr andrehen.



Sehen Sie in absehbarer Zeit eine Chance, erstklassige Nahrungsmittel wieder zum Allgemeingut zu machen?

Nein, sie werden weiterhin eine Randexistenz führen, wie eigentlich zu allen Zeiten. Zwar gab es Epochen, in denen allgemein besser gegessen wurde, aber die zum besseren Essen nötigen Produkte waren nie Allgemeingut. Dafür sorgte schon das ewige Wohlstandsgefälle.



Es werden immer wenige bleiben, die ein gutes Essen schätzen?

Es ist immer nur ein kleiner Prozentsatz der Gesellschaft, der Wert auf gutes Essen legt. Der hat zwar eine große Vorbildfunktion und beeinflusst die Qualität des Marktangebots sowie das Niveau der Gastronomie. Aber wie das Sprichwort schon sagt: Man kann die Pferde zur Tränke führen, aber zum Saufen zwingen kann man sie nicht.



Sie sprachen davon, dass man seinen Wohlstand auch als Verpflichtung zur kulturellen Weiterentwicklung empfinden könne. Wie reagiert die gehobene Küche auf den anhaltenden Trend zum schnellen und geschmacklosen Essen?

Sie reagiert überhaupt nicht, wenn Sie damit die Spitzengastronomie meinen. Allenfalls tauscht sie mal die Gänseleber gegen Ochsenschwanz aus und senkt entsprechend ihre Preise, wenn die Konjunktur nachlässt. Das ist zum Beispiel jetzt zu beobachten. Auch in sogenannten Luxusrestaurants können Sie mittags ein sehr preiswertes Menü essen; wobei dieser Begriff natürlich relativ ist. In einer Kneipe ist es zwangsläufig noch billiger.



Aber das Fernsehen reagiert mit einer Flut von Feinschmeckersendungen.

Das Beste, was man diesen Sendungen nachsagen kann, ist, dass sie das Interesse am Selberkochen wecken und nur selten Fertigsaucen oder -gewürze propagieren.



Wie finden Sie Biolek?

So schlimm wie Frau Herzog ist er nicht, aber mindestens so eitel wie Lafer.



Müssen einen die Versuche, wieder eine hausgemachte, schmackhafte Kost zu etablieren, nicht an die Haute Couture erinnern, die mit Nadel und Faden vergeblich versucht, ein verblichenes Zeitalter wiederzubeleben?

Nein, Haute Couture ist bestenfalls mit der Gourmet-Gastronomie zu vergleichen, welche allerdings erschwinglich ist, wenn man dafür spart. Ich würde solche Versuche mit dem Frosch vergleichen, der in der Milch strampelt, bis diese zu fester Butter wird und ihm so das Entkommen ermöglicht.



Wolfgang Joop ist überzeugt: Jeder Trend, wenn er entsteht, trägt bereits den Gegentrend in sich.

Den Gegentrend zum Fast Food gibt es seit Jahren. Er heißt Slow Food und ist die Erfindung italienischer Genießer. Seine Wirkung ist leider gering; es ist ein Verein daraus geworden.



In Deutschland, heißt es, sei eine neue Lust am Kochen entstanden. Entwickelt sich Kochen zum neuen Volkssport?

Schön wär's. Wir Deutsche sind seit Jahrhunderten für vieles berühmt und berüchtigt. Unsere Kochkünste hat jedoch noch niemand bemerkt oder gelobt. Abgesehen vom Bismarckhering und dem Fürst Pückler Eis haben wir zur Geschichte der Kochkunst nichts beigetragen. Das wird auch so bleiben.



Was macht Sie so sicher?

Unser Hang zur Tiefe, zum Dunklen und Dramatischen, unsere Schwerfälligkeit und Mangel an Witz - all das macht es uns schwer, leichthin zu genießen. Die Lust am Kulinarischen ist heiter, Kochen verspielt. Und genau da hapert's bei uns.



Egal, ob man Fast Food favorisiert oder mit der Verfeinerung des guten Geschmacks beschäftigt ist: Bekommt man nicht ein schlechtes Gewissen, dass es ganze Kontinente gibt, denen noch der Magen knurrt?

Kommen Sie mir bloß nicht mit dieser abgedroschenen Litanei! Erstens hat das eine mit dem anderen überhaupt nichts zu tun; kein Hutu wird davon satt, wenn wir schlecht essen. Zum anderen ist das ein typischer protestantisch-puritanischer Einfall: Buße tun, weil man Spaß hatte! Das schlechte Gewissen beim Verzehr einer Wachtel ist eine deutsche Anomalie. Kein Italiener und kein Franzose käme auf die Idee, einen Zusammenhang zwischen seiner Lust am Essen und der Armut anderer herzustellen. Auch bei zwölf Prozent Arbeitslosen, die es in Frankreich noch schlechter haben als bei uns, sind die Tageszeitungen dort voll von Berichten über Luxus, über Foie gras und Juwelen, und niemand nimmt Anstoß. Bei uns aber kann man gar nicht so schnell Kaviar sagen, wie einem die Hungernden in der Dritten Welt vorgehalten werden. Haben Sie denn ein schlechtes Gewissen, wenn Sie Auto fahren? Die Armen haben keine Autos. Die haben auch keine Wintermäntel, keine Sommerkostüme und keine hochhackigen Schuhe, wie sie in dieser Saison Mode sind. Haben Sie deshalb ein schlechtes Gewissen? Natürlich nicht. Aber sobald jemand bekennt, dass er lieber Spargel isst als Grünkohl, trifft ihn der geballte Zorn der Savonarolas . Diese deutsche Reaktion auf kulinarische Ansprüche behindert eine Verbesserung unserer Küche wahrscheinlich mehr als die Verbreitung von Fast Food.



Herr Siebeck, verraten Sie zum Schluss, wie Sie einen Fleischklops zubereiten!

Das muss ich als Buchautor verweigern. Kaufen Sie meine Bücher, da steht es drin.



Aus: 'Neues Deutschland' vom 18./19. Juli 1998

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