Asien machts vor

Zukunft leben...

Boris Tomic, Chefredakteur des Fachmagazins foodservice.
Salome Roessler
Boris Tomic, Chefredakteur des Fachmagazins foodservice.

Traditionell begibt sich die Jury des Hamburger Foodservice Preises kurz nach dem Event auf eine Lernreise, um Neues zu erkunden und Trends außerhalb Deutschlands aufzuspüren. So geschehen Anfang April nach der 37. Verleihung und Gala im Hamburger Elysée-Hotel.

In diesem Jahr ging es fünf Tage nach Asien – erst nach Hongkong in die ehemalige britische Kolonie und danach auf das chinesische Festland nach Shenzhen. In dem größeren Einzugsgebiet um die beiden Städte leben ebenso viele Menschen wie in Deutschland, rund 80 Millionen. Die Straßen und Plätze sind naturgemäß voller, die Restaurants und Cafés allerdings auch. 
Traditonelles wird in China nicht vernachlässigt...
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Traditonelles wird in China nicht vernachlässigt...

Bargeld? Fehlanzeige

Bargeld ist dort übrigens ein Fremdwort. Im Jahr 2018 schloss die chinesische Wirtschaft konstant mit einer Wachstumsrate von 6,6 Prozent ab. Viele Chinesen zählen sich mittlerweile zur Mittelschicht – mit allen damit verbundenen Ansprüchen. Entsprechend schnell wächst dort auch der Außer-Haus-Markt. Das Einkaufs- und Essverhalten der Chinesen ist in einem rasanten Wandel begriffen. Längst spielt auch im Reich der Mitte der Bequemlichkeitsfaktor eine große Rolle. Statt daheim zu kochen und zu essen, gehen viele chinesische Konsumenten aus oder nutzen Lieferservices.

Immer mehr Chinesen sind bereit, höhere Preise für hochwertigere Produkte zu zahlen. Diesen Trend nutzt auch die Dependance des Schweizer Unternehmens Marché International in einem Einkaufszentrum in Shenzhen. Die Schweizer Marché-Leute profitieren hier übrigens von ihrer Exotik - zumindest aus der Sicht der Chinesen. So kann man dort neben Würstel auch Rösti essen oder gar einen Ceasar Salad. Dafür akzeptieren die Gäste dort auch höhere Preise als bei den lokalen Anbietern.

Was auffällt: Einkaufszentren gelten ohnehin in Asien als eine Art Marktplatzersatz. Welch schöne Vorstellung für die von Onlinekäufern und Umsatzeinbrüchen gebeutelten deutschen Shoppingcenter-Betreiber. Hier in China trifft man sich in solchen Zentren und kauft nicht nur ein, sondern isst auch gemeinsam. Keines der riesigen brandneuen Einkaufszentren, von denen es mittlerweile eine unüberschaubare Anzahl gibt, kommt ohne große Food-Konzepte aus. Die erwähnten Schweizer bilden hier (noch) die europäische Ausnahme: Viele Konzepte sind homemade in China entwickelt worden. Putien oder etwa DaDong, beides Restaurants aus Peking, die mit ihrem guten Namen Ketten in solchen Einkaufsmeilen chinaweit aufgezogen haben. 
Modernes wird gefördert - Hongkongs Skyline.
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Modernes wird gefördert - Hongkongs Skyline.

Hippe Konzepte gefragt

Oder die hippe Lukshow-Kette, die vor allem bei Jugendlichen sehr angesagt ist. Ein wenig erinnert das Design an die Burgerkette Five Guys. Allerdings stehen hier Schweinehirn auf Tofu oder auch frittierte Frösche mit viel Chili auf der Karte. Gekocht wird immer frisch und vor den Augen der Gäste, bestellt und bezahlt nur mit dem Handy.

Niemals ohne Handy

Ohne sein Handy, auf dem WeChat installiert ist, geht kein Chinese mehr aus dem Haus. Mobile Payment gehört zum Tagesablauf, Bargeld und ebenso Kreditkarten sind regelrecht verpöhnt. Eine Entwicklung, von der Europa und ganz besonders Deutschland noch weit entfernt ist. Bei uns gibt es nach wie vor nur sehr zaghafte Versuche, mobile Bezahlformen einzuführen. In China wird die Zukunft jedoch bereits gelebt - von dort zu lernen, heißt sicher siegen lernen.

DimSum: China Lunch


Doch um welchen Preis?

Welchen Preis in Bezug auf unsere Work-Life-Balance sind wir hier in Europa bereit zu zahlen, um in der globalisierten Welt mithalten zu können? Kürzlich propagierte Jack Ma, chinesischer Multimilliadär und Mitgründer von Ali Baba, die 72-Stunden-Woche - und erntete dafür in China massenweise Applaus. Junge Leute sollten die Kultur der Überstunden, wie sie in vielen Unternehmen vorherrsche, schätzen und für sich nutzen, sagte Ma. „Wenn Sie nicht 996 arbeiten, wenn Sie jung sind, wann können Sie jemals 996 arbeiten?“ „996“ ist die Abkürzung für einen Arbeitstag von 9 Uhr bis 21 Uhr – sechs Tage die Woche (im englischen Original „9 a.m. to 9 p.m., six days a week“).

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