Berlin / Schulverpflegung

Caterer sauer über Ausschreibung

Die Berliner Bezirke haben das Schulessen neu ausgeschrieben.
Thomas Fedra
Die Berliner Bezirke haben das Schulessen neu ausgeschrieben.

Alle zwölf Berliner Bezirke haben die Schulverpflegung für die Primarstufe für das kommende Schuljahr neu ausgeschrieben. Dafür wurde von Schulsenatorin Sandra Scheeres eine ausgefeilte Muster-Ausschreibung erarbeitet. Sie sorgt derzeit für reichlich Ärger und Unmut bei den Caterern.

Zündstoff Vergütung

Dabei geht es bei der Berliner Ausschreibung um nicht weniger als rund 160.000 Essen täglich mit einem Vergabeumfang von rund einer halben Milliarde Euro für einen Zeitraum von vier Jahren (Aug. 2020 bis Aug. 2024). Für Zündstoff sorgt vor allem das Vergütungsmodell: Ab kommendem Schuljahr will der Stadtstaat Berlin den Caterern nicht mehr wie bisher die bestellten, sondern nur noch die tatsächlich abgeholten Essen vergüten. Das heißt im Klartext: Wenn beispielsweise bei schönem Wetter ein Teil der Schüler spontan lieber draußen Fußball spielt, bleibt der Caterer auf den Kosten der nicht abgeholten Mahlzeiten sitzen. Denn: Seit August 2019 ist das Essen für die Schüler kostenfrei und wird von der Hauptstadt getragen.

Chip-System für portionsgenaue Abrechung

Um das neue Vergütungsmodell umzusetzen, entwickelt die Stadt derzeit ein Chip-System, das eine portionsgenaue Abrechnung der abgeholten Mahlzeiten ermöglicht. Ein Unding, sagen die Berliner Schulverpfleger. Ein notwendiger Schritt, finden die Verantwortlichen der Stadt. Denn mit dem neuen Vergütungsmodell sollen künftig weniger Speisen als bisher im Müll landen. Doch das finanzielle Risiko trägt bei diesem Modell einzig und allein der Caterer, der auf den bestellten und nicht abgeholten Essen sitzenbleibt. Derzeit wird vonseiten der Essensanbieter geprüft, ob dieses vom Senat geplante Vergütungsmodell überhaupt rechtlich erlaubt ist.

Doch warum will die Stadt überhaupt ein solches Modell einführen? Seit August 2019 ist das Schulessen für die Klassenstufen 1 bis 6 kostenfrei. Bundesweit bis heute einzigartig. Seitdem landen allerdings womöglich mehr Speisen im Müll. Dies zumindest vermutet der Senat, der dazu allerdings keine Zahlen vorlegen kann. "Bislang gab es noch keine Messungen zu den Speiseresten", sagt die Pressestelle des Schuldezernats auf Nachfrage des Online-Portals FOOD SERVICE. Die Caterer widersprechen dieser Aussage. Es würden nicht mehr Speisenreste als vor Einführung des kostenfreien Essens im Müll landen, heißt es unisono. Ungeachtet dessen müssen die Caterer in der kommenden Ausschreibung Maßnahmen gegen Lebensmittelverschwendung umsetzen und beispielsweise Konzepte zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen vorlegen.

Ausschreibung ein Meilenstein

Dabei ist die neue Musterausschreibung eigentlich ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zu einem qualitativ hochwertigen Essen. Insbesondere in punkto Nachhaltigkeit setzt die Hauptstadt Ausrufezeichen. So steigt der Bio-Anteil von derzeit 15 Prozent ab Mitte 2020 auf zunächst 30 Prozent. Alle Stärkebeilagen wie Nudeln, Kartoffeln und Reis dürfen ab diesem Zeitpunkt nur noch aus Bio-Anbau kommen, lauten die Vorgaben. Reis, Bananen und Ananas müssen darüber hinaus nachweislich aus fairem Handel stammen. Doch die Berliner Bildungssenatorin setzt noch einen drauf: Ab August 2021 muss der Bio-Anteil 50 Prozent betragen. Neben Stärkebeilagen müssen zusätzlich Obst sowie Milch und Milchprodukte vollständig in Bio-Qualität eingesetzt werden.

Klasse statt Masse

Es versteht sich von selbst, dass bevorzugt saisonale Äpfel, Möhren und Salatköpfe in die Töpfe und Schüsseln wandern sollen. "Diese Vorgaben sind verbunden mit dem DGE-Qualitätsstandard bundesweit einzigartig", lobt Bildungssenatorin Sandra Scheeres die neue Muster-Ausschreibung. Anbieter erhalten Zusatzpunkte, wenn sie weniger Convenience-Produkte und mehr frische Zutaten einsetzen. Zu der Qualitätsoffensive gehört ebenso, dass künftig nur noch zwei Menüs zur Auswahl stehen: eines mit Fleisch beziehungsweise Fisch und ein Vegetarisches. Klasse statt Masse lautet das Credo. Im Gegenzug müssen die Caterer für Kinder mit Unverträglichkeiten und Allergien Sonderkostformen produzieren. Jeder Schüler soll in den Genuss eines vollwertigen, kostenfreien Essens kommen.

Festpreis für Schulessen steigt

Gleichzeitig zu den steigenden Qualitätsanforderungen steigt der berlinweite Festpreis von derzeit 3,25 Euro pro Essen ab August 2020 auf zunächst 4,09 Euro und ab August 2021 auf 4,36 Euro. Doch dafür muss geliefert werden: Mit der neuen Leistungsbeschreibung könne man das Essen intensiver überprüfen, unterstreicht der Senat. Was in der Leistungsbeschreibung festgeschrieben ist, muss eingehalten werden, ansonsten würden Vertragsstrafen drohen. Der Vergabezeitraum endet am 31. Juli 2024.

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