Berlin

Countdown für Gratis-Schulessen läuft


Ab 5. August hat jeder Grundschüler in Berlin Anspruch auf ein kostenfreies Mittagessen.
Thomas Fedra
Ab 5. August hat jeder Grundschüler in Berlin Anspruch auf ein kostenfreies Mittagessen.

Ab dem 5. August kommt jeder Grundschüler in Berlin in den Genuss eines kostenfreien Schulessens. Ein historischer Tag, denn in keinem anderen Bundesland ist bisher die Schülerverpflegung gratis. Zu Problemen dürfte es vor allem in den Schulen kommen: Sie müssen Raum schaffen für deutlich mehr Esser.

Derzeit laufen in der Bundeshauptstadt die Vorbereitungen für die Premiere auf Hochtouren. Bislang nahmen berlinweit rund 120.000 Schüler der Klassenstufen 1 bis 6 (Grundschulen) am Schulessen teil. Nach den Sommerferien könnte sich die Zahl auf bis zu 170.000 erhöhen. Davon geht Rolf Hoppe aus, Geschäftsführender Gesellschafter des Cateringunternehmens Luna, und Sprecher des Verbandes Deutscher Schul- und Kitacaterer (VDSKC). Mit 25.000 Essen täglich ist Luna der größte Schulverpfleger der Bundeshauptstadt. "Wir sind vorbereitet und haben unter anderem unsere Küchentechnik nachgerüstet", sagt er.

Rund 20 kleinere und größere Cateringunternehmen beliefern die Grundschulen in Berlin. Eine Umfrage unter den Essensanbietern hat laut Hoppe ergeben, dass alle für den Ansturm nach den Sommerferien gut aufgestellt seien. "Wir schaffen das!", so der Tenor. Doch für die Schulen selbst gilt dies weniger. Sie müssen innerhalb kürzester Zeit die Sitzplatzkapazitäten aufstocken und die Essenszeiten teils neu organisieren. Eine Mammutaufgabe. Ob sie bis zum Stichtag 5. August zu bewältigen ist, bleibt fraglich.

Geld für Beratung der Schulen

Der Berliner FDP-Abgeordnete Paul Fresdorf hat deshalb bereits Anfang Juni eine schriftliche Anfrage an die Senatsverwaltung gestellt. Vor kurzem kam die Antwort. Danach werde es "nach jetzigem Kenntnisstand keine Schule geben, an der 'kostenbeteiligungsfreies' Mittagessen nicht für alle Kinder angeboten werden kann."

Das Abgeordnetenhaus habe den zuständigen Bezirken rund 5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um kurzfristig zusätzlich erforderliches Equipment zu beschaffen – Besteck, Teller, Möbel. Laut Senatsverwaltung für Bildung würden in Einzelfällen auch größere Anschaffungen wie Fettabscheider und Geschirrspüler finanziert. Darüber hinaus habe man frühzeitig die "Serviceagentur ganztägig lernen" beauftragt, um den Schulen unter die Arme zu greifen. Sie berät derzeit die Grundschulen zur Rhythmisierung und Gestaltung der Mittagsbänder in sogenannten "Regionalwerkstätten Raum und Zeit". Das Problem ist also erkannt.

Mensabauprogramm angedacht

Ende Mai organisierte die Serviceagentur zudem im Auftrag der Stadt einen Fachtag zum Thema "(k)ein Raum für das Mittagessen". 120 pädagogische Fachkräfte nahmen daran teil. Nach aktuellem Stand würden die meisten Schüler mit Schuljahresbeginn Platz in der Mensa finden. Vereinzelt müssten aber wohl aus Kapazitätsgründen Räume wie etwa die Aula doppelt genutzt werden. Dennoch bleibe für einige Schulen aufgrund der baulichen Bedingungen das kostenfreie Mittagessen eine Herausforderung, räumt die Senatsverwaltung ein.

Um den konkreten Bedarf für bauliche Maßnahmen final zu bestimmen, sind im September in allen Bezirken Werkstattgespräche geplant. Ziel sei es herauszufinden, wo mittel- und langfristig bauliche Veränderungen in den Schulen notwendig sind, um das kostenfreie Essen sicherzustellen. Dabei erwägt die Senatsverwaltung sogar ein "Mensabauprogramm".

Leichtere Abrechnung für Caterer

Die erste Unterrichtswoche werde zeigen, wie gut die Schulen vorbereitet sind, sagt Schulcaterer Rolf Hoppe: "Wir lassen uns überraschen." Für die Essenslieferanten wird künftig auf jeden Fall die Abrechnung deutlich leichter. Diese geht bei den Grundschulen ab August direkt an das jeweilige Bezirksamt. Bislang wurden die Rechnungen größtenteils an die Eltern verschickt, die wiederum mit den Bezirksämtern gegengerechnet werden mussten. Dies sei ein riesiger Aufwand gewesen, weiß Hoppe. Gab es aufgrund von Ferien in einem Monat nur zehn Schultage, mussten die Caterer einen Teil des Geldes an die Bezirksämter zurückzahlen. Der Grund: Bislang mussten die Eltern für das Essen ihrer Zöglinge in Grundschulen pauschal 37 Euro pro Monat bezahlen, rund 70 Prozent der tatsächlichen Aufwendungen. Die übrigen Kosten trug das Land Berlin. Eltern mit geringem Einkommen oder Sozialhilfe zahlten lediglich 1 Euro pro Mahlzeit.

Bereits seit fünf Jahren kostet ein Schulessen in Grundschulen stadtweit 3,25 Euro. Dieser Einheitspreis gilt noch bis zum 31. Juli 2020. Dann wird neu verhandelt. Mit dem Gratisessen dürften die Verhandlungen für die Caterer nicht einfacher werden. Schließlich stellt ab Schuljahresbeginn im August das Land Berlin jährlich 40 Millionen Euro für das sogenannte "kostenbeteiligungsfreie" Mittagessen bereit. Ob diese Summe reichen wird, bleibt mehr als fraglich.

Berliner Gesetz zum Mittagessen
Das Berliner Abgeordnetenhaus hat auf seiner Plenarsitzung am 4. April das "Gesetz zum Mittagessen an Schulen" verabschiedet. Damit wurde die gesetzliche Basis für ein kostenfreies Mittagessen in den Jahrgangsstufen 1 bis 6 (Grundschulen) geschaffen. Bereits Anfang Dezember 2018 votierte das Berliner Abgeordnetenhaus mit rot-rot-grüner Mehrheit für eine kostenfreie Schülerverpflegung in Grundschulen. Mit dem nun im April verabschiedeten Gesetz haben Eltern einen Rechtsanspruch auf ein sogenanntes "kostenbeteiligungsfreies" Mittagessen für ihre Kinder bis zur 6. Klasse. Berlin ist mit dem Beschluss bundesweiter Vorreiter, denn bislang stellt kein anderes Bundesland die Mittagsmahlzeiten für Kinder kostenfrei zur Verfügung. Die Bundeshauptstadt hat zudem eigene, strenge Qualitätskriterien für die Schülerverpflegung, deren Einhaltung seit über zwei Jahren eine eigens dafür lancierte Kontrollstelle überprüft.


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