Corona / Ausblick für die Branche

“Restaurants und Hotels sind das Rückgrat der neuen Wirtschaft”

Die Branche schätzt Chris Muller für seine analytischen Fähigkeiten.
Thomas Fedra
Die Branche schätzt Chris Muller für seine analytischen Fähigkeiten.

In einem jüngst erschienen Artikel analysiert Prof. Dr. Chris Muller, wie durch die Corona-Krise die gesamtwirtschaftliche Bedeutung des Gastgewerbes offenbar wird. Wir fassen für Sie die wichtigsten Aussagen zusammen.

Die Hospitality Industrie ist nicht nur eine der am stärksten von Covid-19 betroffenen Branchen, zusammen mit den Millionen Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, spielt sie auch eine zentrale Rolle für die globale Wirtschaft des 21. Jahrhunderts.

Prof. Muller unterstreicht diese Einschätzung mit folgenden Zahlen: 2019 beliefen sich die Gastro-und Hotelausgaben in den Vereinigten Staaten auf 1,02 Billionen Dollar (Quelle: NYT / Bureau of Economic Analysis) – das entspricht etwa 5 Prozent des ursprünglich für 2020 vorhergesagten US-Bruttosozialproduktes von 20 Billionen Dollar. Knapp 400 Milliarden Dollar wurden 2018 in den USA für Gehälter in diesem Sektor bezahlt (Quelle: NYT / Bureau of Economic Analysis).  

Hilfsmaßnahmen: Gastgewerbe hat Priorität

Welche gesamtwirtschaftliche Bedeutung das Gastgewerbe hat, zeigt sich laut Muller auch anhand der Hilfspakete, die Regierungen weltweit schnüren: Anders als während der Wirtschaftskrise 2008/2009, während derer Banken und andere Industriesektoren wie die Automobilbranche im Fokus öffentlicher Hilfsmaßnahmen standen, werde diesmal öffentlich anerkannt “dass die Arbeitskräfte und die vielen kleinen Unternehmen, die sie beschäftigen, das Hauptziel eines jeden Konjunkturpakets sein müssen. Dabei wird Restaurants, Bars und Hotels zusammen mit den Fluggesellschaften (…) am häufigsten höchste Priorität zugeschrieben.”

Die aktuelle Krise könnte folglich zu einer gesteigerten Wertschätzung der Foodservice- und Hotelbranche sowie ihrer Mitarbeiter führen, folgert Muller. Er zieht dabei Parallelen zum Anfang des 20. Jahrhunderts – das nicht nur durch die Spanische Grippe, sondern vor allem auch durch die zweite Industrielle Revolution gekennzeichnet war. Massenproduktion, Elektrizität, Telefon oder Radio aber auch Weltkrieg, Gewerkschaften etc. veränderten den Alltag massiv – ähnlich wie heute Digitalisierung und Globalisierung. 

Zentral: Konsumkraft gewerblicher Arbeitnehmer 

Die entscheidendste Veränderung im Hinblick auf die heutige Gastrowelt war laut Muller allerdings, dass der Wert der Arbeit langsam anerkannt wurde. Einfache Arbeiter erkannten ihre wirtschaftliche und politische Macht, ihre Löhne stiegen. Muller zitiert dazu Henry Ford mit folgendem Satz: "Die wirkliche Macht unseres Unternehmens geht auf das Jahr 1914 zurück, als wir den Mindestlohn von etwas mehr als zwei Dollar auf pauschale fünf Dollar pro Tag anhoben, denn damit erhöhten wir die Kaufkraft anderer Leute und so weiter und so fort."

Gleichermaßen sieht Muller heute den Weg aus einer möglichen Rezession nur, wenn dieser auf der Konsumkraft gewerblicher Arbeitnehmer aufbaut: „Die gegenwärtige Krise, ähnlich wie die letzte große Pandemie, kann als Katalysator für das Wachstum einer "neuen Mittelschicht" gesehen werden. Dieses neue Modell wird mit einem neu entdeckten Respekt für das Gastgewerbe, das es antreibt, einhergehen. Restaurants und Hotels sind das wahre industrielle Rückgrat, die solide Infrastruktur und die wahren Triebkräfte der neuen Wirtschaft. Jetzt könnte tatsächlich der Zeitpunkt sein, an dem wir alle endlich bemerken und anerkennen, wie wichtig die Arbeit und die Arbeiter im Gastgewerbe für uns alle sind.“

Der komplette Artikel wurde in der Boston Hospitality Review der Boston University School of Hospitality Administration veröffentlicht.
Hier finden Sie ein Exzerpt in Originalsprache

Über Chris Muller
Prof. Dr. Chris Muller, Boston University, ist ein führender akademischer Experte auf dem Gebiet des Multi-Unit-Chain Restaurant Managament und geschätzter Partner unserer Fachzeitschriften. Er ist Mitbegründer des European Foodservice Summit, den er bis heute maßgeblich mitgestaltet. In seinen Seminaren unerrichtete er mehr als 1.000 europäische Profigastronomen und lenkte ihren Blick auf die Herausforderungen wachsender Ketten. In seinem 2013 erschienen Buch "The Leader of Managers" fasst er zentrale Erkenntnisse und Analysen für die Branche zusammen. 




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