Coronakrise / Expertenstimme

UK: 3-Phasen-Analyse für die Gastro-Branche

Wie wird die Gastronomie die Lockdown- und Lockerungs-Stadien der Coronakrise überstehen, dazu stellt Foodservice-Profi Peter Backman kritische Fragen und liefert Antworten.
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Wie wird die Gastronomie die Lockdown- und Lockerungs-Stadien der Coronakrise überstehen, dazu stellt Foodservice-Profi Peter Backman kritische Fragen und liefert Antworten.

„Die Auswirkungen des Coronavirus auf die Gastronomie-Branche Großbritanniens werden in drei Phasen ablaufen“, konstatiert Peter Backman, Experte für den Foodservice-Markt in Großbritannien und Europa. Aus Gesprächen mit Gastro- & Pub-Unternehmern und einem daraus resultierenden, homogenen Meinungsbild entwickelt Backman ein 3-Stufen-Szenario der Virus-Auswirkungen auf die Branche. Inklusive Prognose, welchen kritischen „Moments of Truth“ sich die Branche stellen muss.

Seit rund zwei Monaten analysiert Foodservice-Markt-Experte Peter Backman in einem "Weekly Briefing Report" die Geschehnisse rund um das Coronavirus und die Gastro-Branche Großbritanniens und Europas.
Im aktuellen Report (3. Mai) formuliert Backman drei Stadien der Coronavirus-Auswirkungen auf die Branche – "in jedem Stadium gibt es eine kritische „Stunde der Wahrheit“, die von entscheidender Bedeutung ist", betont der Fachmann:

1. Phase: Lockdown-Zeit bis zur Gastro-Öffnung

Diese Phase betrifft die Zeit, die alle gerade durchleben: vom Lockdown bis zur Rücknahme der Beschränkungen für die Gastronomie, heißt: wenn Gastro-Besuche wieder erlaubt sind.
„Hier wird die erste Stunde der Wahrheit Ende Juni kommen, wenn die Mieten fällig sind“, kündigt Backman an. Im März blieb ein großer Prozentsatz der Mieten unbezahlt. "Werden jene Vermieter, die sich in der Vergangenheit verständnisvoll zeigten, dies auch bleiben? Wie hoch wird sich der Schuldenberg aufbauen?", hinterfragt Backman.
UK: Gastronomie-Markt-Szenario
UKHospitality hat ein Worst-Case-Szenario für den Gastgewerbe-Sektor vorgelegt, das zeigt, dass 2020 ein Umsatzrückgang von -61 Prozent, im günstigsten Fall ein Rückgang von -31 Prozent, im Vergleich zum Vorjahr zu erwarten ist.
Dazu sagt Peter Backman: „Es macht mir keine Freude, zuzugeben, dass diese Zahlen sehr wohl mit meiner Prognose übereinstimmen, die ich in den letzten vier Wochen für das Restaurant-, QSR- und Pub-Segment abgegeben habe. Um ehrlich zu sein, scheint ein Rückgang von -66 Prozent 2020 im Vergleich zum Vorjahr durchaus realistisch zu sein. Voraussetzung ist allerdings, dass einige Lockerungen der Lockdown-Beschränkungen bis zum Sommer umgesetzt sind und ein vernünftiges Maß an Handel bis Ende des Jahres möglich ist.“
Zum gleichen Zeitpunkt wird die Maßnahme der unbezahlten Freistellung von Arbeitskräften auslaufen, es sei denn, sie würde verlängert. Sollen also die Unternehmen ihre Mitarbeiter halten – auch, wenn sie es sich scheinbar leisten können?
Der Blick auf die Bilanzen wird zeigen, ob und welche Betriebe ohne nennenswerte Einnahmen noch zurechtkommen. "Das Durchschnitts-Restaurant wird unter Umständen bereits Ende Juni oder gar früher nicht mehr liquide sein und ohne finanzielle Rücklagen dastehen", mutmaßt Backman.

Daraus zieht er den Schluss, dass gegen Ende der 1. Phase, in den Wochen vor Ende Juni, mit einer Welle von Betriebsschließungen oder Insolvenzen in der Branche zu rechnen sei. Backman nennt Beispiele, in denen bereits Berater ins Boot geholt wurden: etwa Azurri Group, Byron, Prezzo und weitere.

2. Phase: Gastro-Öffnung bis zum wahren Wohlfühlmoment

Die zweite Phase erstreckt sich vom Zeitpunkt der Gastronomie-Wiedereröffnung bis zu jenem Tag X, an dem sich die Gäste beim Restaurantbesuch tatsächlich wieder wohl fühlen. "Es könnte sein, dass wir da warten müssen, bis es einen Impfstoff oder ein deutliches Nachlassen der Auswirkungen des Virus gibt", betont Backman.
Über Peter Backman
Peter Backman ist Experte für die Foodservice-Branche sowie deren Lieferketten in Großbritannien und Europa. Backman berät Entscheider der Gastronomie, außerdem Investoren, Betreiber und Zulieferer. Seine Analysen sind stark datengetrieben und als ehemaliger Wissenschaftler vertritt er die Ansicht: "Was man nicht messen kann, existiert nicht". Seit mehr als 30 Jahren ist Backman als Forscher und Berater in der Branche tätig und kombiniert sein Wissen mit einer fachlichen Analyse der Trends, Hauptakteure und Herausforderungen, die im Foodservice-Sektor aufeinander treffen.

In jener Zeit der Wiedereröffnungen und Entspannung wird die Branche sich der zweiten Stunde der Wahrheit stellen müssen. "Riskieren Restaurants die Eröffnung, wenn sie nicht wissen, wie die Nachfrage sein wird? Und wie werden sich Abstandsregeln auf die Gästezahlen und damit auf die Überlebenschance der Betriebe auswirken?", würde Backman gerne wissen.

Diese Herausforderungen werden in der Branche aktuell heiß diskutiert und alle müssen sich den Tatsachen stellen, wenn die Beschränkungen aufgehoben werden.

3. Phase: „Neue Normalität“

Die dritte Phase ist der ersehnte Zeitpunkt, wenn die Bedrohung durch das Virus vorbei ist. Doch bis zu diesem Moment könne es viele Monate oder sogar Jahre dauern, gibt der Foodservice-Experte zu bedenken. „Bis dahin werden erhebliche Schäden entstanden sein.“

All jene jedoch, die der Coronakrise stand gehalten haben, müssen sich dann mit Fragen rund um ihre Zukunft auseinander setzen: etwa wie sie ihre Unternehmen und Konzepte neu und langfristig definieren, um für eine „neue Normalität“ gut aufgestellt zu sein.


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