Coronakrise / Foodservice im LEH

"Wir konnten die Krise abfedern"

Eat Happy in einem Essener Supermarkt: eine von 620 Eat Happy-Verkaufsstellen im deutschen LEH. (Aufnahme aus 2019)
Eathappy
Eat Happy in einem Essener Supermarkt: eine von 620 Eat Happy-Verkaufsstellen im deutschen LEH. (Aufnahme aus 2019)

Eine umfangreiche Auswahl an Ready-to-eat-Produkten oder gar ein vollwertiges Gastro-Angebot ist heute selbstverständlicher Teil des erfolgreichen Lebensmittelhandels. Während die Sitzflächen im und außerhalb des LEH Ende März geschlossen werden mussten, konnte der Verkauf an den heißen und kalten Theken weitergehen. Doch das veränderte Einkaufsverhalten hat sich auch im Convenience-Segment bemerkbar gemacht.

Mit 620 Verkaufspunkten ist das Sushi-Konzept Eat Happy Vorreiter unter den Foodservice-Marken im deutschen Einzelhandel. "Während wir den Betrieb der zehn Gastro-Einheiten im Vorkassen-Bereich eingestellt haben, läuft der Verkauf über die Kühltheken und Units innerhalb der Märkte weiter", erklärt Andreas Bork, Geschäftsführer der FCF-Holding, zu der neben Eat Happy auch die Asia-Formeln Wakame und Yuzu gehören. "Wir konnten die Krise bislang gut abfedern und sind natürlich bei Weitem nicht so getroffen wie die klassischen Gastronomen - was vor allem der Positionierung im Supermarkt geschuldet ist."
Doch die Nachfrage nach Convenience-Produkten sei auch im Handel spürbar zurückgegangen. "Hauptsächlich fehlt das Büropublikum, das sich mittags mit To-go-Gerichten versorgt", so Bork. Um den Wegfall des Vorort-Verzehrs zu kompensieren, will Eat Happy seinen Lieferservice ausbauen

Der Lebensmitteleinzelhandel habe in den letzten Wochen abhängig vom Standort eine sehr unterschiedliche Entwicklung erlebt, erklärt Olaf Hohmann vom EHI Retail Institute. "Schon in den letzten Februarwochen kam es zu Nachfragespitzen. Die sogenannten Hamsterkäufe, bei denen Hygieneartikel und haltbare Lebensmittel gehortet wurden, waren in erster Linie von Angst und Unsicherheit getrieben und nicht rational begründet. Anfang April entwickelte sich dann wieder mehr Routine." 

Keine Lust- und Impulskäufe mehr

Es gehe aktuell allerdings nur noch um die reine Versorgung, so Hohmann. "Lust- und Impulskäufe gehören der Vergangenheit an, das Einkauferlebnis ist in den Hintergrund gerückt." To-go-Artikel aus dem Kühlregal und der Heißen Theke oder aus der Vorkassenzone konnten zwar weiter bespielt werden, die Nachfrage habe aber vielerorts deutlich unter Vorkrisen-Niveau gelegen. "Besonders Hochfrequenzstandorte in Innenstädten haben in den letzten Wochen gelitten. Ich denke da an die Kölner Innenstadt. Plötzlich war alles tot: Keine Touristen, keine Shopper und keine Büro-Angestellten waren mehr da. Jetzt kommt die Frequenz zumindest teilweise zurück."
Gastro-Bereich im Hieber E-Center in Müllheim. Mit fast 1.000 gastronomischen Sitzplätze warten die 14 Hieber Märkte in Baden-Württemberg auf.
Hieber
Gastro-Bereich im Hieber E-Center in Müllheim. Mit fast 1.000 gastronomischen Sitzplätze warten die 14 Hieber Märkte in Baden-Württemberg auf.

Die Hieber Frische Center gelten in der Branche als Vorzeige-Standorte in puncto Handelsgastronomie. Auf beinahe 1.000 gastronomische Sitzplätze kommen die 14 Hieber-Märkte (Edeka) im Südwesten Baden-Württembergs. In fünf Märkten wurde ein "großes Gastro-Konzept" installiert. 160 Sitzplätze zählt allein das Stammhaus in Lörrach. Seit Ende März sind die Sitzbereiche stillgelegt. "Wir mussten die Gastro-Sparte entsprechend drosseln", sagt Karsten Pabst, Geschäftsführerender Gesellschafter bei Hieber. "In vielen Märkten haben wir das Mittagsangebot vollständig gestrichen. Auch offene Salattheken und Oliventheken haben wir aus Hygienegründen geschlossen. Selbst frisch zubereitete Obstbecher waren schwierig. Stattdessen haben wir mehr auf To-go-Artikel, wie Pizza und Fleischkäse, gesetzt."

Die Nachfrage nach Produkten wie Kaffee zum Mitnehmen wie auch Pizza und neu eingeführte Döner bestehe nach wie vor, so Pabst. "Aber natürlich nicht in dem Ausmaß wie vor der Krise. Uns fehlen ganze Kundengruppen und Anlässe: Handwerker, Schüler, die nachmittags kamen, Feierabendkunden, Mütter, die mit ihren Kindern nach dem Schwimmkurs oder Turnen kamen, und Kuchen oder belegte Brötchen gekauft haben, - das gibt es zurzeit alles nicht."

Pabst bestätigt die Beobachtungen des EHI: "In manchen Märkten haben wir eine bis zu 30 Prozent geringe Kundenfrequenz. Statt 2,8-mal pro Woche kommen die Kunden nur noch 1,4-mal. Dafür sind die Bons deutlich höher." Während die Märkte auf dem Land gewinnen, verlieren die Innenstadtlagen." Zudem fehlt die Stammkundschaft aus Frankreich und der Schweiz in den grenznahen Märkten von Hieber.  

Hieber liefert Pizza und mehr

Im Zwangsstillstand verharrt sind die umtriebigen Unternehmer aus dem Süden jedoch nicht. Innerhalb von 14 Tagen wurde bei Hieber ein Lieferservice aus dem Boden gestampft, der am 20. April an den Start ging. Der Hieber Gastro Liefer Service bringt eine breite Auswahl an warmen und kalten Speisen von Pizza über Burger, Sushi, Imbiss-Klassikern und Kuchen sowie darüber hinaus ein "Tankstellen-Sortiment" inklusive Getränken und Tabak. "Wir haben dabei erstmal lernen müssen, welche Produkte sich für die Auslieferung eignen und länger warm und ansprechend bleiben."

Aus Kostengesichtpunkten lohne sich das Delivery-Geschäft noch nicht, gibt Pabst offen zu. Doch über den Lieferservice könne man einige der Gastro-Mitarbeiter weiter beschäftigen statt sie in Kurzarbeit zu schicken. Und möglicherweise, meint Pabst, könne man so langfristig ein neues Geschäftsfeld erschließen. "Schließlich bieten wir eine wesentlich breitere Auswahl als klassische Delivery-Player und erreichen so auch deutlich höhere Bons." Während anfangs noch einzelne oder wenige Personen bestellt hätten, kämen langsam auch größere Büro-Bestellungen hinzu.

Dass auch die Sitzbereiche in den Hieber Frische-Centern wieder eröffnet werden, wenn die Gastronomie am 18. Mai in Baden-Württemberg starten darf, stellt Pabst nicht in Frage. "Die Leute werden das Angebot annehmen. Die Sehnsucht nach Normalität ist groß und die Angst der Kunden ist wieder einer größeren Sorgenfreiheit gewichen."  







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