Interview

"Die Hysterie stoppen!"

"Unsere Gäste bleiben weg – sowohl aus dem Umland als auch aus München", berichtet Rudi Kull und fordert positive Signale sowie Unterstützung der Politiker.
Kull & Weinzierl
"Unsere Gäste bleiben weg – sowohl aus dem Umland als auch aus München", berichtet Rudi Kull und fordert positive Signale sowie Unterstützung der Politiker.

Das Coronavirus verursacht Panik-Stimmung. Gastronomie und Gastgewerbe auch in Bayern verzeichnen massive Umsatzeinbrüche – wie viele Unternehmen bundesweit. Eine Ausfallquote der Buchungen von gar 60 Prozent in seinen beiden Hotels sowie bis zu 30 Prozent weniger Umsatz in den sieben gastronomischen Betrieben vermeldet der Profi-Gastronom, Multi-Konzept-Betreiber und Hotelier Rudi Kull, Kull & Weinzierl, aus München.

 Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Albert Weinzierl, Architekt, ist er seit Mitte der 90er Jahre mit diversen Konzepten höchst erfolgreich. „Dringend brauchen wir eine Initiative der Politik, um der Corona-Hysterie entgegen zu wirken“, fordert Kull im Interview mit Redaktion FOOD SERVICE.
Wie sieht aufgrund der Coronavirus-Epidemie Ihre aktuelle wirtschaftliche Situation aus?
Um es auf den Punkt zu bringen: Unsere Gäste bleiben weg – sowohl aus dem Umland als auch aus München. In der Hotellerie bricht ein regelrechter Tsunami an Absagen über uns und Münchens Hotellerie insgesamt herein. Die Fixkosten für Miete und Personal laufen hingegen weiter.
Frequenzrückgänge von 15-30 Prozent an den Wochenenden bzw. wochentags treffen unsere Gastronomie-Units, in den Hotels liegt die Buchungsausfall-Quote sogar bei 60 Prozent. In Summe ein Umsatz-Rückgang von etwa 50 Prozent. Mit getrieben wird dieses Desaster durch die Absage sämtlicher Veranstaltungen und Messen. Alle Dienstreisenden bleiben dementsprechend fern. Gäste aus dem Ausland stornieren und jene aus dem Inland bleiben ebenso zuhause. Bis Mai reichen inzwischen die Stornierungen, da kommen täglich Tausende Euro an Einbußen zusammen.
Umsatzeinbrüche im Gastgewerbe in Bayern
Am 6. März vermeldete der Dehoga Bayern Umsatzeinbrüche in 78 Prozent aller bayerischen Betriebe aufgrund der Corona-Krise. Um 29 Prozent gehen im Durchschnitt die Umsätze pro Gastgewerbe-Unit bayernweit zurück, ergab eine Blitzumfrage unter knapp 2.000 bayerischen Gastgewerbe-Betrieben.

Was erhoffen Sie seitens der Politik?
Man soll das Coronavirus ernst nehmen, aber verhältnismäßig reagieren! Leider wird in Deutschland gerade stark überreagiert anstatt beruhigt, das verunsichert die Bürger. Während der Lehman-Krise 2008 hat die Politik ein Zeichen gesetzt, gesagt, Einlagen bis 100.000 Euro seien sicher.
Corona ist ebenfalls ein politisches Thema. Parallel zu Unterstützungs-Maßnahmen von staatlicher Seite brauchen wir den Aufruf, das Leben normal weiter zu führen. Es muss ein Umdenken in den Köpfen der Bürger stattfinden, damit sie wieder am Außer-Haus-Konsum teilnehmen. Natürlich unter Wahrung aller nötigen Hygiene-Vorsichtsmaßnahmen, die auch wir mit Desinfektionsspendern usw. umsetzen. Sonst, so fürchte ich, laufen wir in eine wirtschaftliche Depression, nicht nur in eine Regression.


Fehlende Gäste und Umsätze führen zu Liquiditäts-Engpässen, was unternehmen Sie?
Wir beantragen derzeit privat Überbrückungskredite und bieten unseren Mitarbeitern an, unbezahlten Urlaub zu nehmen. Von Kollegen ist mir bekannt, dass sie Kredite in Millionenhöhe benötigen. Um die bürokratischen Hürden abzubauen und die Situation etwas zu erleichtern, benötigt die Branche dringend die Unterstützung durch Bürgschaften und die Zusage von Überbrückungsgeldern seitens der Politik. Irgendwann werden ansonsten erste Betriebe schließen müssen.
Gemeinsam mit Branchen-Verbänden, den Münchner Innenstadt-Wirten und der Munich Hotel Alliance haben wir ein Hilfe-Schreiben an die Politik gerichtet, bisher ohne Resonanz. Im Juni haben wir wie im Vorjahr unser Weinfestival Grapes & Grooves geplant, rechnen mit 600 Teilnehmern. Noch hoffen wir, dass es stattfinden wird.
Über Kull & Weinzierl
Seit Mitte der 90er Jahre ist der Gastro-Profi Rudi Kull in München mit seinem Geschäfts-Partner Albert Weinzierl, Architekt, immer wieder mit neuen Konzepten sehr erfolgreich. Sieben gastronomische Betriebe sowie zwei Hotels zählen zu ihrem aktuellen Portfolio. 2019 erwirtschafteten Kull und Weinzierl einen Netto-Umsatz insgesamt von 38 Mio. Euro, davon 24,8 Mio. Euro in den gastronomischen Units (+ 3,3 % zum Vj.). Ein großes Ausrufezeichen setzten die beiden Gastro-Profis 2003 mit der Eröffnung des XXL-Restaurants 'Brenner' im Herzen Münchens. Das Italo-Konzept, bestehend aus Bar, Pasteria und offenem Holzkohle-Grill, generierte bereits nach wenigen Jahren einen zweistelligen Millionenumsatz.

Wie reagieren die rund 500 Mitarbeiter?
Noch können wir alle motivieren, bisher kommen alle zur Arbeit. Wenn allerdings weiterhin Gäste wegbleiben, wissen wir nicht, wie es weiter gehen soll. Darum auch das oben erwähnte Angebot des unbezahlten Urlaubs. Und darum müssen wir Zuversicht signalisieren und betonen, dass wir keinen Mitarbeiter entlassen möchten.
In den Hotels gibt es jedoch einige Mitarbeiter im Zimmerservice, die natürlich Angst haben und total verunsichert sind, wie sie mit der Virus-Situation umgehen sollen. Bisher konnten wir alle beruhigen.
Schlimm sind Botschaften wie jene SMS der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG): "Immer mehr Unternehmen kommen auf die Idee, Änderungen zum Arbeitsvertrag vorzulegen. Darin sollt Ihr die Arbeitszeit reduzieren und auf Geld verzichten. NGG rät: Nicht unterschreiben!" Als Arbeitgeber wissen wir dann kaum noch, wie wir mit der Situation umgehen sollen. Unsere Mitarbeiter vertrauen uns, fragen um Rat, geben sich Mühe, geben noch immer Gas, wir freuen uns, dass wir eine derart gute Arbeitgeber-Nehmer-Beziehung haben. Unsere große Hoffnung: Dass ein Politiker sich endlich äußert und die Bevölkerung aufruft, wieder ruhig und besonnen zu handeln … und in die Gastronomie zu gehen!
Corona-Hilfspaket der Bundesregierung (Stand:8.3.2020)
Massive Umsatzeinbrüche im Gastgewerbe machen schnelle und wirksame Hilfe notwendig. Vom Koalitionsausschuss der Bundesregierung kamen am 8. März erste Unterstützungssignale. Als "ersten Schritt in die richtige Richtung" wertet der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga Bundesverband) das Hilfspaket der Bundesregierung zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus.
"Die angekündigten Verbesserungen beim Kurzarbeitergeld als auch die in Aussicht gestellten Liquiditätshilfen begrüßen wir", erklärt Dehoga-Präsident Guido Zöllick. Die Erwartungen der Branche wurden allerdings nicht ganz erfüllt. „Die vereinbarten Maßnahmen werden nicht ausreichen, um die Krise zu bewältigen“, so Zöllick.
Es bestehe weiterer, dringender Handlungsbedarf, so seine Forderung.
Die Branche erwarte schnelle, unbürokratische und effektive Unterstützung. Als besonders wirkungsvolle Maßnahme gilt die Einführung des reduzierten Mehrwertsteuersatzes für Speisen im Gastgewerbe. Zöllick betont: "Die Sorgen wachsen von Tag zu Tag. Die Folgen für den Deutschlandtourismus sind gravierend. Dies gilt ebenso für die vielen regionalen Branchenzulieferer aus Landwirtschaft und Lebensmittelhandwerk sowie die Branchenpartner aus der Industrie im ganzen Land."



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