Coronavirus / Kita- und Schulcaterer

Durchhalten und auf Hilfe hoffen

Die Schulcaterer haben jetzt besonders ihre Mitarbeiter im Blick und wollen sie mit allen Mitteln halten.
Thomas Fedra
Die Schulcaterer haben jetzt besonders ihre Mitarbeiter im Blick und wollen sie mit allen Mitteln halten.

Schulen und Kitas sind bis mindestens Ende der Osterferien geschlossen. Die finanzielle Situation der Schul- und Kitacaterer verschärft sich von Tag zu Tag. Lohn und laufende Kosten fressen die Reserven auf, vielen kleineren Betrieben droht womöglich die Insolvenz. Dennoch trotzen viele der Krise. Drei Caterer berichten über die Strategien in der Krise und die Situation der Mitarbeiter.

Schauplatz Bonn

„Die Schul- und Kitaschließungen sind eine Katastrophe“, sagt Stefan Lehmann, Juniorchef des Bonner Schul- und Kitacaterers Lehmanns Gastronomie. 95 Prozent des Umsatzes fallen bei dem Familienunternehmen derzeit weg. „Unsere große Stärke, die Spezialisierung auf den Kita- und Schulmarkt, fällt uns jetzt auf die Füße.“ Seit einer Woche seien nahezu alle Mitarbeiter in Kurzarbeit. Lediglich zwei Köche, zwei Mitarbeiter aus der Verwaltung, vier Fahrer sowie er und sein Vater seien noch an Bord der Zentralküche. Minimalbesetzung.
Ganz bewusst habe man sich für eine Notfallversorgung der Einrichtungen entschieden. Andere Kollegen hätten ihren Betrieb dagegen ganz geschlossen. Doch Stefan Lehmann ist pragmatisch: „Wir haben als Schul- und Kitacaterer eine gesellschaftliche Verantwortung, der wir besonders auch in diesen Krisenzeiten nachkommen wollen.“ Produziert werden derzeit täglich rund 150 bis 200 Essen für Einrichtungen im Großraum Köln-Bonn. Darunter seien auch Nicht-Kunden, so der Juniorchef, die in ihrer Not auf Lehmanns Gastronomie zugekommen seien. Denn ohne Verpflegung sei keine richtige Tagesbetreuung möglich. Das Unternehmen sei auch im Krisenfall Partner für andere Küchen in der Region.

Jammern bringt nichts

Bleibt optimistisch: Stefan Lehmann, Juniorchef des Bonner Schul- und Kitacaterers Lehmanns Gastronomie.
Lehmanns
Bleibt optimistisch: Stefan Lehmann, Juniorchef des Bonner Schul- und Kitacaterers Lehmanns Gastronomie.
Jammern liegt Stefan Lehmann fern. „Wir müssen das beste aus der Situation machen“, sagt er. Letztendlich hänge alles von dem Zeitraum der Schließungen ab. Derzeit geht er nicht davon aus, dass es nach den Osterferien mit dem Schulbetrieb weitergeht. Man selbst habe ein gesundes Polster, zudem würde das Kurzarbeitergeld extrem helfen und der Wareneinsatz, als zweiter großer Kostenblock, entfiele ja auch. Bis 1. Juni könne man über die Runden kommen, danach werde es von Tag zu Tag schwieriger. Lehmann: „Keiner hat ein so großes Polster, dass er mehrere Monate quasi ohne Einnahmen überbrücken kann.“ Er spricht auch für seine Kollegen, dem ProfiTreffen Schulverpflegung. Dieses bundesweite Netzwerk regionaler Schulcaterer zählt 15 Mitglieder und steht für rund 120.000 Essen täglich. Fast alle hätten, so Lehmann, umgehend Kurzarbeit angemeldet. „Als Netzwerk halten wir uns an den Strohhalm fest, dass die Krise möglichst schnell vorbei geht.“

Kurzarbeitergeld reicht nicht aus

Besonders wichtig sind Stefan Lehmann in diesen Zeiten seine Mitarbeiter. „Wenn unser Team bis zu den Sommerferien lediglich das Kurzarbeitergeld erhält, also 67 Prozent vom Nettolohn, wird es für einige eng.“ Leider würden Köche und Servicekräfte nicht zu den hochbezahlten Berufsgruppen zählen. Alles hänge nun davon ab, ob die Regierung das Kurzarbeitergeld noch aufstocken wird. „Wir können auf keinen Mitarbeiter verzichten“, betont er einmal mehr. Denn wenn der Betrieb wieder losgeht, sind alle gefordert, darf niemand ausfallen. Man wolle deshalb im Rahmen des rechtlich Möglichen die Mitarbeiter bestmöglich unterstützten.

Entsprechend hält er den Vorschlag von Bundesministerin Julia Klöckner für schwierig, Köche und Co nun als Arbeitskräfte auf dem Acker einzusetzen. Seines Wissens nach sieht aktuell die Regelung des Kurzarbeitergeldes auch keinen neuen Nebenjob vor. Davon abgesehen werde man sich in den nächsten Wochen eng mit den Kollegen aus dem Netzwerk austauschen. „Hoffentlich geht es bald weiter“, sagt Lehmann, der seit der Krise die Desinfektion der Türklinken des Betriebes wieder selbst in die Hand genommen hat.

Berlin: Menschen nicht im Stich lassen

Sorgt sich um die Mitarbeiter: Eva-Maria Lambeck, Geschäftsführerin Greens Unlimited in Berlin.
Zilz
Sorgt sich um die Mitarbeiter: Eva-Maria Lambeck, Geschäftsführerin Greens Unlimited in Berlin.
„Wir halten die Notversorgung für die Einrichtungen aufrecht“, sagt Eva-Maria Lambeck, Geschäftsführerin von Greens Unlimited in Berlin. Man wolle die Mitarbeitenden in den Kindertagesstätten und Schulen gerade jetzt nicht im Stich lassen. Deshalb fahre man auch Einrichtungen mit nur vier bis fünf Essen an. „Wir haben einen Notspeisenplan entworfen, der für uns ganz gut zu bedienen ist“, sagt die Managerin. Die Gesamtzahl dieser Essen macht gut 3 Prozent von den normalen Essenszahlen aus. „Wir versuchen durchzuhalten in dem Wissen, nicht zu wissen, wer von uns morgen vielleicht wegfällt“, sagt Eva-Maria Lambeck nachdenklich.
„Wir versuchen durchzuhalten in dem Wissen, nicht zu wissen, wer von uns morgen vielleicht wegfällt.“
Eva-Maria Lambeck
Derzeit beantrage man Kurzarbeitergeld für die Mitarbeitenden und schaue, welche öffentlichen Mittel man als Sozialunternehmen zusätzlich in Anspruch nehmen kann. Greens Unlimited hat stadtweit Flächen angemietet, eine Last, die neben Personalkosten in Krisenzeiten schwer wiegt. Vor allem kleine Caterer hätten es jetzt extrem schwer, weiß die Spandauerin.

Hilferuf von Köchin

Besonders viele Gedanken macht sie sich allerdings um ihre Küchencrew, die jetzt aufgrund des Kurzarbeitergeldes mit deutlich weniger im Portemonnaie auskommen muss. Doch wenn das alle Probleme wären. So erreichte Eva-Maria Lambeck eine SMS-Nachricht von einer ihrer Köchinnen über die aktuelle Situation Zuhause. Die alleinerziehende Mutter zweier Söhne, 11 und 14 Jahre alt, schildert darin indirekt den Irrsinn unseres Bildungssystems. Die Kinder würden, so die Köchin, extrem viele Aufgaben erhalten, keine ihrer beiden Kinder könne diese alleine erledigen. Der Ältere bekomme die Aufgaben über ein Computerprogramm zugespielt, welches an ihrem alten Laptop nur teilweise funktioniere. Es müssten Dokument ausgedruckt und ausgefüllte Arbeitsblätter wieder eingescannt werden. Leider fehle es an der nötigen Technik. „Es hat doch nicht jeder eine top Büroausstattung Zuhause“, bemängelt die Köchin zurecht. Sie müsse, um ihren Kindern bei den Aufgaben zu helfen, erst einmal selbst alle Arbeitsblätter verstehen. Zudem werde erwartet, bestimmte Bücher zu lesen, die es gilt, erst einmal selbst zu besorgen. „Mir ist zum Heulen zumute. Alle drei haben wir schon zusammen geweint“, schreibt die Mitarbeiterin.

Gleiches Bildungschancen für alle? Nicht im Homeoffice. Auch mit solchen Anliegen muss sich Eva-Maria Lambeck jetzt auseinandersetzen. Sie appelliert deshalb an die Politik, gerade jetzt die sozialschwachen Familien nicht im Stich zu lassen. Es gelte, in der aktuellen Situation überflüssigen Druck zu vermeiden. Der ganze Lebensumstand für die Menschen sei schon belastend genug, da könne es nicht noch zusätzlich um schulischen Leistungsdruck gehen. „Vielleicht erweitern die Kinder und Jugendlichen in dieser schwierigen Zeit ihre persönlichen und sozialen Kompetenzen ja in einem Umfang, den das digitale schulische Angebot niemals bieten kann“, gibt Eva-Maria Lambeck zu denken.

Notversorgung für 160 Kinder

Blickt nach vorn: Jens Witt, Inhaber des Hamburger Cateringunternehmens Wackelpeter.
Wackelpeter
Blickt nach vorn: Jens Witt, Inhaber des Hamburger Cateringunternehmens Wackelpeter.
„Wackelpeter ist auch in schweren Zeiten mit einer Notversorgung für Euch da“, lautet die Botschaft auf der Homepage des Hamburger Kita-Caterers. „Wir haben uns bewusst dafür entschieden, den Betrieb nicht ganz einzustellen, für unsere Kunden da zu sein“, erklärt Jens Witt, Gründer und Inhaber von Wackelpeter. Schließlich könnten die Erzieherinnen ja nicht in den Supermarkt rennen, einkaufen und noch kochen, zu hoch sei das Risiko. Statt normal 3.000 Essen produziert das Team nun täglich nur noch rund 160 Essen. Alles Zutaten kommen wie bisher ausschließlich aus Bio-Anbau.

Den Kopf in den Sand stecken, mag Jens Witt nicht. Der Betrieb sei gut aufgestellt. Ein Teil der Mitarbeiter würde derzeit Überstunden oder alten Urlaub abfeiern. Für den anderen Teil beantragt er derzeit Kurzarbeitergeld. Es gilt für ihn, rund fünf Wochen zu überbrücken – bis die Einrichtungen eventuell wieder öffnen. „Diese Zeit wird hart für uns, aber es ist machbar“, sagt der Bio-Caterer mit 28 Mitarbeitern. Man versuche, die Wochen sinnvoll für Arbeiten zu nutzen, zu denen man sonst nicht kommt.

Vermieter auch in der Pflicht

„In jedem Fall wollen wir unsere guten Mitarbeitenden halten, dies ist uns ganz wichtig“, sagt Jens Witt. Gleiches gelte für die regionalen Netzwerke, auf die sein Unternehmen zurückgreift. Diese dürften unter der Last der Krise nicht zerreißen. Dazu zählen Bio-Bauern und kleine Verarbeiter, von denen er derzeit keine Waren bezieht. Diese würden ihre Produkte aktuell an auch sehr gut an Endverbraucher vermarkten können, sagt Witt. Stichwort Hamsterkäufe. Jens Witt sieht bei der Coronakrise auch die Vermieter in der Pflicht. Es könne nicht sein, so der Unternehmer, dass Caterer und Gastronomen die komplette Miete zahlen, obwohl sie einen totalen Verdienstausfall haben. Hier seinen Gespräche zwischen Vermieter und Mieter notwendig. Ein Verzicht auf 50 Prozent der Mieteinnahmen sei allein schon aus Solidarität eine wichtige und einfache Maßnahme, um Gastronomen und Caterern das Überleben zu ermöglichen, ist Jens Witt überzeugt.



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