Frankfurt am Main

Bundesweit erste vegane Kita am Start

Lucien Coy hat die erste vegane Kita mitgegründet.
Veggie-Kids
Lucien Coy hat die erste vegane Kita mitgegründet.

Vegane Zahnpasta angereichert mit Vitamin B12, Kinderbücher ohne Bauernhof-Idylle und vegane Speisen kennzeichnen die erste vegane Kita Deutschlands, die am Montag in Frankfurt am Main die ersten acht Kinder in Empfang nahm. Träger ist der Verein Veggie-Kids.

Bis Ende Oktober sollen alle 40 Plätze der „Mokita“ im Frankfurter Stadtteil Bockenheim vergeben sein. Bislang seien 30 Anmeldungen über die Homepage der Stadt eingegangen, berichtet Lucien Coy, Mitinitiator und Sprecher der Elterninitiative Veggie-Kids. Die Idee für den bundesweit ersten konsequent „tierfreien“ Kindergarten entstand bereits im Jahr 2011, erinnert sich Coy. Im vergangenen Jahr hatte der Verein nach langer Suche die passende Immobilie für die Pionier-Kita gefunden.

Stadt Frankfurt mit Bedenken

Die Stadt Frankfurt hat die Gründung der sogenannten veganen Kita im Stadtteil Bockenheim intensiv begleitet. Ist die Stadt auch nicht der Träger der Kinderbetreuungsstätte, so musste sie doch vor der Eröffnung eine Betriebserlaubnis erteilen. Jetta Lüdecke vom Frankfurter Bildungsdezernat gibt zu: „Wir haben uns damit sehr schwer getan.“ Doch habe die Stadt die Gründung nicht verhindern können, schließlich fällt die Ernährung der Kinder nicht unter die vorgegebenen formalen Kriterien, die für eine Betriebserlaubnis überprüft werden müssen.

Vegan kein Prüfkriterium für Erlaubnis

Auch das Frankfurter Gesundheitsamt habe mit der Kita so seine Probleme, weiß Lüdecke. Doch spiele das am Ende keine Rolle: „Der Träger hätte vor jedem Gericht Recht bekommen“, sagt sie. „Die Art und Weise der Ernährung ist in der Regel kein Prüfbestand bei der Stellungnahme zum Antrag auf Betriebserlaubnis des Trägers, es gibt bezüglich dieser Thematik auch keine gesetzliche Vorgabe“, lautet ein offizielles Statement aus dem Frankfurter Rathaus zur Gründung der Kita. Diese Regelung soll nun überprüft werden. „Wir wollen uns nun dafür einsetzen, dass auch Ernährungsfragen in den Kriterienkatalog für die Betriebserlaubnis einer Kita aufgenommen werden“, sagt Jetta Lüdecke.

Ausgefeilter Speisenplan

Geöffnet von 7.30 bis 17 Uhr serviert das 11-köpfige Kita-Team Frühstück, Mittagessen und einen Nachmittagssnack – frisch zubereitet und ausschließlich aus pflanzlichen Zutaten. Unverantwortlich sagen die einen – ausgesprochen gesund die anderen. Coy lässt keine Zweifel an dem Konzept zu. Gemeinsam mit einer Oecotrophologin, dem Kita-Koch sowie einem beratenen Küchenchef hat man gemeinsam einen ausgefeilten Speisenplan im Baukastensystem entwickelt. Jeden Tag kommen andere Zutaten auf die Teller, die den nötigen Bedarf an Proteinen, Vitaminen, Mineralstoffen sowie Obst und Gemüse abdecken. Damit sei eine gesunde Ernährung garantiert, betont Coy.

Vitamin-B12-Zahnpasta und Reismilch

Lediglich Vitamin B12 müsse in der veganen Ernährung zugeführt werden. Aber auch daran hat man gedacht: Nach jedem Essen müssen sich die Kinder ihre Zähne mit Vitamin B12 angereicherter Zahnpasta putzen. Zudem sei B12 in Soja- und Reismilch über Algencalcium enthalten, erläutert der 3-fache Vater das Verpflegungskonzept. Während die Kinder zum Frühstück etwa zu Müsli, Obst, Brot, Nussmus und Kichererbsenaufstrich greifen können, gibt es mittags ein veganes Essen für alle in Schüsseln auf den Tischen serviert. Am Nachmittag wartet auf die Kids ein kleiner Snack wie Obst, veganer Kuchen oder Kekse. Die Zutaten stammen soweit möglich aus der Region und kommen zum Teil in Bio-Qualität in die Töpfe.

Mitgebrachte Speisen tabu

Ein ausgebildeter Koch, der selbst Veganer ist, bereitet sämtliche Speisen inklusive Kuchen täglich frisch zu. Coy: „Für unseren Koch war es ein großer Anreiz, für Kinder vegan zu kochen, dafür hat er gerne seinen Job im Restaurant an den Nagel gehängt.“ Um eine rein pflanzliche Kitaverpflegung sicherzustellen und zugleich die Allergiker zu schützen, dürfen die Kinder per se zum Essen nichts von Zuhause mitbringen. Das sei strengstens verboten. Doch vegan erstreckt sich auf weit mehr Bereiche als nur die Ernährung. „Wir wollen so konsequent wie möglich und so pragmatisch wie nötig sein“, beschreibt der 39-Jährige die Philosophie der Kita.

Keine Zoobesuche

Zoobesuche seien deshalb genauso tabu wie Ausflüge zu Bauernhöfen mit Tierhaltung. Bienenwachs, Leder und Wolle sucht man in der Kita ebenso vergebens wie Kinderbücher mit klassischer Bauernhof-Idylle, kurzum, mit Kühen auf der grünen Wiese und pickenden Hühnern auf dem Hof. Für Lucien Coy ist dies nur konsequent. Seit 2011 lebt seine Familie vegan – aus ethischen Gründen. „Wir fühlen uns wohler, wenn wir nicht an diesem pervertierten System der Massentierhaltung teilnehmen.“

90 Euro für die Verpflegung

Andere Eltern sehen dies ähnlich. Viele melden sich bei der Kita aber einfach auch nur an, weil frisch und nachhaltig gekocht werde, berichtet Coy. Kostenpunkt? Seit diesem Herbst übernehmen Stadt und Land die Kitagebühren. Für die Verpflegung zahlen die Eltern einen Pauschalbetrag von 90 Euro im Monat – und damit nicht mehr als in anderen Frankfurter Einrichtungen.



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