Vegane Kita

Alle Nährstoffe werden extrem genau ausgerechnet

Marcus Liebethal ist Koch und seit 15 Jahren als Berater in Sachen Veganes und Vegetarisches unterwegs. Er hat den Speiseplan für Deutschlands erste vegane Kita erstellt.
Ketao
Marcus Liebethal ist Koch und seit 15 Jahren als Berater in Sachen Veganes und Vegetarisches unterwegs. Er hat den Speiseplan für Deutschlands erste vegane Kita erstellt.

Seit der Eröffnung der ersten veganen Kita in Deutschland in der vergangenen Woche in Frankfurt am Main schlagen die Wellen hoch. Gegner einer solchen Kita sprechen von Mangelernährung und Körperverletzung, Befürworter von ressourcenschonendem Leben, ethischer Verantwortung und gesünderer Ernährung, auch und gerade für Kinder.

Die vegane städtische Kita in privater Trägerschaft im Frankfurter Stadtteil Bockenheim hat bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Vor allem die Erteilung der Genehmigung durch die Stadt brachte Veggie-Gegner auf die Barrikaden. Dabei sind der Stadt die Hände gebunden.  In den Kriterien für die Erteilung einer Kita-Betriebserlaubnis spielt die Ernährungsweise nämlich keine Rolle. Die Kriterien für die Erteilung einer Kita-Betriebserlaubnis stellt das Land auf, ausführende Behörde ist das Hessische Sozialministerium. Hier geht es hauptsächlich um bautechnische und -polizeiliche Auflagen.



Die Ernährung in der Kita spielt bei der Bewilligung bewusst keine Rolle. Schließlich will in Deutschland keine Behörde in den Verdacht kommen, ihren Bürgern deren jeweilige Ernährungsweise vorzuschreiben. Das Frankfurter Gesundheitsamt bezieht dennoch klar Stellung: „Eine vegane Ernährung ist für Kleinkinder hochproblematisch und keineswegs im Sinne des Kindeswohls. Es ist keine Situation denkbar, in der eine vegane Ernährung im Sinne des Kindeswohls angezeigt ist.“ Noch vor Betriebsbeginn der Kita empfahl das Amt: „Aus Sicht des Gesundheitsamtes und im Sinne des Kindeswohls sollte die Stadt das Vorhaben einer veganen Kindertagesstätte keinesfalls unterstützen."

Unterschiedliche Einschätzungen verschiedener Ernährungsgesellschaften

Kinder im Wachstum benötigen nunmal einen erhöhten Schutz und Fürsorge. Ist dieser wirklich gewährleistet, wenn vegan-lebende Eltern ihrem Nachwuchs tierische Lebensmittel vorenthalten? „Bei einer veganen Ernährung kann es aufgrund des Verzichts auf jegliche tierische Lebensmittel zu einer Unterversorgung mit Energie, Protein, Eisen, Calcium, Jod, Zink, Vitamin B2, Vitamin B12 und Vitamin D kommen", schreibt auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE).

Und weiter: „Das Risiko für die Entwicklung von Nährstoffmangelzuständen bei veganer bzw. makrobiotischer Ernährung betrifft aufgrund des hohen Anspruchs an die Nährstoffdichte während des Wachstums bzw. wegen der geringeren Nährstoffspeicher vor allem Kleinkinder und Kinder."  Veganer argumentieren, dass der Vorstand der DGE hauptsächlich aus Lobbyisten der Milch- und Fleischwirtschaft besteht und diese Empfehlung daher nicht erstaunlich wäre. Und tatsächlich -  Ernährungsgesellschaften vieler andere Länder, z.B. Kanada, Australien, USA, sehen eine gut geplante vegane Ernährung von Kindern als absolut unproblematisch.

Zweite vegane Kita eröffnet in München

Dennoch ist die Gruppe der Skeptiker groß – auch viele Mediziner meinen, dass vegan ernährte Kinder in Deutschland zu den wenigen Gruppen zählen, die von Mangelernährung gefährdet sind. Das sagt auch Berthold Koletzko, Leiter der Abteilung für Stoffwechsel und Ernährung am Haunerschen Kinderspital in München. Der Mediziner würde vegan lebenden Kindern in Deutschland am liebsten ein Ei pro Tag verordnen, „weil sie so viele wichtige tierische Nährstoffe enthalten". Veganer halten dem entgegen, dass  jeder dieser Nährstoffe durch Pflanzen ersetzt  werden kann. In München wird übrigens die zweite vegane Kita der Republik eröffnen – geplant ist diese für Ende des Jahres.

Einer der Knackpunkte bei veganer Ernährung ist klar: gut geplant muss diese sein. Denn Veganer wissen, B12 und Eisen sind die beiden neuralgischen Punkte bei veganer Ernährung. Fakt ist, dass man sich mehr mit seinem Essen beschäftigen muss, möchte man vegan leben. Und das ist ja eigentlich nicht schlecht.

Kita-Koch: Jedes Gericht genau berechnen

Man muss sich also stärker damit auseinandersetzen und besser Zusammenhänge verstehen - und das entsprechend natürlich auch bei dem Essen seiner Kinder. Zumindest in der Frankfurter Kita scheint das gewährleistet. Die Küche und das Grundkonzept des Speiseplans wurden von Marcus Liebethal geplant. Liebethal ist Koch und Ernährungsberater und macht seit 15 Jahren vegane und vegetarische Beratung für die Gastronomie. Sein Geld verdient er mit seinem nachhaltigem Catering-Unternehmen Ketao, der angeschlossenen Eventlocation im Frankfurter Stadtteil Riederwald und seinem veganen Label Veinkost.

Sein Engagement bei der veganen Kita geht auf eine private Bekanntschaft mit dem Gründer der Träger-Initiative zurück. „Die Kinder erhalten fünf Mal die Woche nach einem Baukastenprinzip ihr Mittagessen. Viel Gemüse ist hier die Basis. Eine sehr ausgewogenen vegane Ernährung, bei der es an keinen Nährstoffen oder Vitaminen mangelt. Wir rechnen zur Selbstkontrolle aber sehr genau eben diese Nährstoffe aus und achten darauf, dass die Kinder ihren notwendigen Wochenbedarf an allem bekommen“, erklärt Liebethal. Und fragt, in welcher anderen Kita wohl solch ein Aufwand zum Wohl der Kleinen betrieben würde?          



stats