Interview Takeaway.com

"Wir ändern unsere Strategie nicht"

Joris Wilton ist Manager Investor Relations bei der Lieferando-Mutter Takeaway.com.
Takeaway.com
Joris Wilton ist Manager Investor Relations bei der Lieferando-Mutter Takeaway.com.

Wenn Deliveroo zum Ende der Woche den deutschen Markt verlässt, ist nur noch ein Lieferdienst-Anbieter in Deutschland aktiv: Lieferando. Joris Wilton, Investor Relations Manger der niederländischen Muttergesellschaft Takeaway.com, erklärt im Interview mit FOOD SERVICE die Sicht seines Unternehmens.

FOOD SERVICE: Deliveroo kündigte am 12. August an, einen Schlusstrich unter den deutschen Markt zu ziehen und Deutschland innerhalb einer Woche zu verlassen. Was bedeutet das aus Ihrer Sicht?
Joris Wilton:
Der Rückzug kam auch für uns überraschend. Zunächst einmal bedauern wir den Rückzug Deliveroos aus Deutschland, denn das sind schlechte Nachrichten für deren Mitarbeiter, Restaurants und Kunden. Wir von unserer Seite allerdings sehen keinen Anlass, unsere Strategie zu ändern. Die größte Herausforderung in Deutschland ist für uns momentan kein anderes Unternehmen, sondern die Leute dazu zu bringen, über unsere Apps oder Website zu bestellen – statt wie bisher zum großen Teil immer noch über das Telefon. Hier liegt unserer Sicht nach in Deutschland noch riesiges Wachstums-Potential. 

Wird es spezielle Angebote für Restaurants geben, die momentan bei Deliveroo, aber nicht Lieferando gelistet sind?
Zunächst einmal sind bereits jetzt die meisten Restaurants, die vorher bei Deliveroo waren, auch bei uns vertreten. Besondere Angebote gibt es von unserer Seite nicht. Wenn Restaurants bei uns gelistet werden wollen, können sie aber gerne auf uns zukommen.


Betroffen vom Rückzug sind auch etwa 1.000 Deliveroo-Fahrer. Sind diese für Lieferando interessant?
Alle Fahrer sind mehr als wilkommen, sich bei uns zu melden. Wir glauben auch, dass wir im Gegensatz zum Selbständigen-Modell bessere Arbeitsbedingungen liefern. Unsere Fahrer sind festangestellt, bekommen Kleidung und Equipment und sind in den meisten Fällen mit unseren E-Bikes ausgestattet.

Bei Takeaway.com liegt der Fokus des Geschäftsmodells auf der Essensvermittlung und nicht der eigenen Auslieferung. Wird sich mit der neuen Konkurrenzsituation hier etwas ändern?
Auch hier machen wir unsere Strategie nicht von den Wettbewerbern abhängig und machen weiter wie bisher. Wir waren auch bislang in 38 deutschen Städten mit unseren Fahrern vertreten und somit der größte Anbieter in diesem Segment. Übrigens auch in den Städten, in denen Deliveroo operierte. Auch europaweit sind wir mit etwa 7.000 Fahrern in Teilzeit einer der größten Liefer-Logistik-Anbieter. Den hohen Aufwand, den dieses Geschäft bedeutet, nehmen wir in Kauf, um unseren Kunden Gerichte von Marken und Restaurants zu liefern, die sie sonst nicht bekommen würden – wie etwa von McDonald's. Wir stellen jedoch fest, dass der allergrößte Teil der Bestellung bei Restaurants eingeht, die selbst liefern. Oft bieten diese das bessere Preis-Leistungs-Verhältnis. Der Anteil der Bestellungen, die wir mit eigenen Fahrern ausliefern, ist in Deutschland mit etwa fünf Prozent unserer Gesamtbestellungen recht niedrig.

Einige Restaurants hatten bei Deliveroo mit "virtuellen Marken" mehrere seperate Angebote mit eigenem Auftritt und Speisekarte. Wie ist das bei Lieferando?
Wir bleiben bei unserer bisherigen Linie: Wir erlauben keine sogenannten Multi-Line-Küchen, bei denen eine Gastronomie auf unserer Plattform wie mehrere verschiedene Restaurants auftritt – obwohl alles am selben Ort zubereitet wird. Wenn ein Restaurant eine zweite Karte zum Beispiel nur für die Lieferung hat, kann es diese Gerichte aber gerne in die bestehende Karte integrieren. Was von unserer Seite ebenso in Ordnung wäre: Wenn ein Restaurant zum Verzehr vor Ort ein bestimmtes Angebot hat, bei uns aber ausschließlich mit einer anderen, lieferoptimierten Karte gelistet ist.

Abonnenten lesen mehr zu aktuellen Delivery-Only-Konzepten wie Ghost Kitchens und virtuellen Marken in der  Titelgeschichte der foodservice  im August. Übrigens ab sofort im neuen, komfortableren E-Paper.

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