Interview zum Liefermarkt

"Just Eat und Takeaway ist erst der Anfang"


Peter Backman ist seit 30 Jahren in der Foodservice-Branche aktiv.
Peter Backman
Peter Backman ist seit 30 Jahren in der Foodservice-Branche aktiv.

Deliveroo verlässt Deutschland kurzfristig, Takeaway.com und Just Eat wollen zu einer der weltgrößten Lieferplattformen fusionieren. Der Markt für Lieferessen ist gerade heftig in Bewegung, nicht nur in Deutschland. Im Interview mit FOOD SERVICE interpretiert Delivery-Experte Peter Backman die gegenwärtigen Entwicklungen.

FOOD SERVICE: Herr Backman, wie interpretieren Sie den Schritt Deliveroos, den deutschen Markt so kurzfristig zu verlassen?
Peter Backman: Deutschland gilt als einer der schwierigsten Liefermärkte Europas. Es gibt kaum Städte mit der Verbraucher- und Operator-Dichte wie etwa New York, London oder auch Paris, die für Lieferunternehmen interessant sind. Take-away und Delivery haben in Deutschland keine so große Tradition wie in anderen Ländern. Und dennoch waren dort einige Player am Markt, die finanziell stärker ausgestattet waren als in den meisten anderen Märkten. Die Übernahme der deutschen Delivery-Hero-Marken durch Takeaway.com Ende 2018 und der Deliveroo-Rückzug jetzt deuten auf eine Marktbereinigung hin. Diese Konsolidierung lässt sich im Delivery-Sektor weltweit beobachten.

Zu einem anderen Thema: Takeaway.com und Just Eat wollen fusionieren. Gemeinsam wären sie die größte Delivery-Company außerhalb Chinas. Welche Bedeutung hat das für den Markt?
Selbst kombiniert hätte das neue Unternehmen international gesehen nur einen kleinen Marktanteil. Zudem gibt es andere große Player wie Deliveroo, Doordash und andere die vermutlich wachsen werden können – sei es organisch oder durch Zukäufe. Die Fusion wird meiner Meinung nach einen deutlichen Eindruck hinterlassen, aber nicht disruptiv sein. Der Deal erschafft ein fusioniertes Unternehmen mit einem größeren geographischen Einfluss. Da Takeaway.com und Just Eat nur in der Schweiz gemeinsam aktiv sind, sind die möglichen Einsparungen bei operativen Kosten begrenzt. Synergien gibt es also eher bei zentralen Kosten, dem Austausch von Best Practices und Verbesserungen der Software. Hier wurde Just Eat in der Vergangenheit immer wieder kritisiert.

Wird die Fusion Just Eat gegen die Konkurrenz von Deliveroo und Uber Eats in Großbritannien helfen?
Wahrscheinlich werden die Auswirkungen hier gering sein. Deliveroo und Uber Eats sind vor allem in der eigenen Lieferung auf der letzten Meile involviert. Das ist ein unterschiedliches Modell als das von Just Eat, die in erster Linie einen digitalen Marktplatz bereit stellen. Zwar hat sich Just Eat zuletzt stärker in der eigenen Lieferung engagiert, wurde allerdings dafür auch kritisiert, da dieses Modell weniger profitabel ist. Eine der Kernaussagen von Takeaway.com ist, dass sie sich nicht groß in der Lieferung auf der letzten Meile betätigen. Der Druck auf Just Eat, diesen Weg nicht weiter zu verfolgen dürfte da sein. Auf der anderen Seite scheint es für Just Eat schwierig, in UK auf lange Sicht zu wachsen, wenn sie nicht mehr eigene Lieferungen anbieten.
Über Peter Backman
Peter Backman ist Experte für die Struktur und Dynamik des Foodservice-Sektors sowie den zugehörigen Lieferketten in Großbritannien und in ganz Europa. Backman berät Entscheider der Gastronomie, einschließlich Investoren, Betreibern und Zulieferer. Seine Analysen sind stark datengetrieben: Als ehemaliger Wissenschaftler ist er der Ansicht: "Wenn man es nicht messen kann, existiert es nicht". Er ist seit mehr als 30 Jahren als Forscher und Consultant in der Branche tätig und kombiniert sein Wissen mit einem tiefen Verständnis der Trends, Hauptakteure und Herausforderungen von Organisationen, die im Foodservice-Sektor tätig sind.

Wie sieht der Markt in UK momentan aus?
Just Eat hat gemessen am vermittelten Bestell-Umsatz den größten Anteil, gefolgt von Domino's und Deliveroo. Diese drei zusammen machen 57,3 Prozent des Marktes aus.

Just Eat und Takeaway.com fokussieren ihr Geschäftsmodell auf den digitalen Marktplatz mit nur einem kleinen Teil eigener Lieferung. Deliveroo und Uber Eats konzentrieren sich dank viel Investroengeld auf die Lieferung mit eigenen Fahrern. Was sind die Vor- und Nachteile dieser Geschäftsmodelle?
Der Vorteil des Modells von Takeaway.com oder Just Eat ist, dass es vor allem ein Technologie-Geschäft ist. Als solches bietet es höhere Margen. Der Modell von Deliveroo / Uber Eats – ich nenne es "aggregator deliverer" Modell – hat den Vorteil, dass es Daten über Verbraucher, Anbieter und operative Modelle erhebt. Investoren mögen die Idee, den diese Daten vergrößern die Möglichkeiten die Zahl der Verkäufe zu erhöhen und Kosten zu reduzieren.

Gibt es also eine Art "Kampf der Business-Ideologien" im Delivery-Geschäft?
Ja, den gibt es. Es ist allerdings nur einer der Kämpfe im Liefermarkt. Ein weiterer ist der Umgang mit Delivery-only-Konzepten wie Ghost Kitchens und wie diese in das jeweilige Delivery Modell eingebunden werden.

Wen sehen Sie auf lange Sicht als Sieger hervorgehen?
Eine der Kernfragen des Liefergeschäfts ist es, wie man deutliche Profite auf lange Sicht generieren kann. Momentan erweist es sich als schwierig, hier das magische Szenario zu finden. Ich denke, der Sieger wird wohl das Unternehmen mit der stärksten finanziellen Ausstattung und dem größten Erfolgswillen.

Worauf sollten Gastronomen achten und was erwartet sie?
Restaurants sollten akzeptieren, dass es einen Bedarf für Lieferessen gibt. Dieser wächst und bedeutet zugleich, einen großen Teil der oft nicht großen Margen abzugeben. Eine entscheidende Frage ist stets, zu welchem Anteil es sich ein Restaurant leisten kann, sich in Delivery zu engagieren? Zu viel und das eigene Geschäft wird unprofitabel. Zu wenig, und man verliert Kunden an die Konkurrenz, die Delivery anbietet. Eine weitere wichtige Frage ist es, wer die Daten der Kunden kontrolliert. Wenn das die Lieferfirma ist, sollte das Restaurant sicher sein, dass es auf diese Informationen verzichten kann.

Was sind Ihre persönliche Sicht und Erwartungen für den Delivery Markt?
Delivery ist gekommen, um zu bleiben – für Produkte von Mode bis Food. Für die Gastronomie bleibt eine der Schlüsselfragen: Wer verdient das Geld? Verbraucher bezahlen viel für den Benefit, Essen geliefert zu bekommen, das sie viel günstiger selbst zubereiten könnten. Die Fahrer verdienen oft nur knapp über Mindestlohn. Restaurants müssen einen großen Teil ihrer gesteigerten Umsätze als Kommission abgeben. Die Lieferdienste selbst kämpfen selbst damit, Geld zu verdienen – außer in großen, gesättigten Märkten wie London oder Chicago. Das Geld liegt in der Technologie. Die Herausforderung des Delivery-Sektors besteht darin, die Benefits aus der Technologie massiv zu erhöhen und gleichzeitig die Kosten der Geschäftsmodelle deutlich zu senken. Für mich sieht das nach noch stärkerer Konsolidierung unter den verschiedenen Marktteilnehmern aus. Außerdem muss sich wohl ein Geschäftsmodell herausbilden, das wirklich funktioniert. Just Eat und Takeaway sind erst der Anfang, nicht das Ende. Es sind aufregende Zeiten, doch es wird starke Nerven brauchen, um letzten Endes als Sieger dazustehen.

Abonnenten lesen mehr zu aktuellen Delivery-Only-Konzepten wie Ghost Kitchens und virtuellen Marken in der  Titelgeschichte der foodservice  im August. Übrigens ab sofort im neuen, komfortableren E-Paper.

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