Kommentar

Alle in einem Boot

gv-praxis Chefredakteur Burkart Schmid über die Verwerfungen in der Wertschöpfungskette derGemeinschaftsgastronomie.
Fotostudie T.W. Klein
gv-praxis Chefredakteur Burkart Schmid über die Verwerfungen in der Wertschöpfungskette derGemeinschaftsgastronomie.

Die aktuellen Zahlen des Gastgewerbes sind alarmierend und zeigen das ganze Ausmaß der Corona-Folgen: Die aktuellen Umsatzverluste von Gastronomen und Hoteliers sind verheerend. Spürbare Verbesserungen werden nur sehr langsam sichtbar.  

Dieser Kommentar erschien zunächst in der Juni-Ausgabe der gv-praxis. Jetzt im E-Paper lesen

Immer noch stellt die Mehrzahl der Macher im Gastgewerbe fest, dass ein wirtschaftliches Handeln unter den gegebenen Auflagen schwierig bis unmöglich sei.  Laut einer aktuellen Dehoga-Umfrage rechnen die Betriebe im Juni mit einem durchschnittlichen Umsatzrückgang von 61 Prozent. Dramatisch ist weiterhin die Lage der Event- und Schul-Caterer in unserer Branche. Das Geschäft verharrt nahezu auf der Umsatzmarke Null – und das seit Monaten. Auch für Dienstleister im Business-Catering ist die Situation existenziell bedrohlich, weil ihr Geschäftsmodell höchst personalintensiv ist und nur ein Bruchteil der Gäste bisher zurückkommt.
Auch wenn Mietflächen nicht bezahlt werden müssen, ist der Fixkostenblock unübersehbar und die Nervosität bei den Mitarbeitern vor einer Kündigungswelle greifbar. Denn nicht jeder Caterer kann sich wie Compass Group mal schnell an der Börse um einen Milliardenbetrag seine Liquidität erhöhen. Diese Krise trifft alle: Die „organischen Einnahmen“ des Weltmarktführers seien im April um 46 Prozent nach einem 20-prozentigen Rückgang im März gesunken.

5.500 Compass-Mitarbeiter im Mai in Kurzarbeit.

Im Mai waren 5.500 Compass-Mitarbeiter hierzulande in Kurzarbeit, nur 10 Prozent der rund 500 Betriebe wieder geöffnet. Langfristig dürfte selbst in 18 bis 24 Monaten nicht mit Normalniveau zu rechnen sein. Und das gilt für alle Player entlang unserer Wertschöpfungskette. Wer sich die Dimension der Folgen von Corona vor Augen führen will, schaue auf das Einkaufsvolumen der gesamten Branche. Vorsichtig gerechnet, fehlen monatlich 1,6 Mrd. Euro von rund 25 Mrd. Gesamtvolumen im Foodservice-Markt. Diesen Fehlbetrag spüren alle Partner: Landwirte und Schlachthöfe, Molkereien, Industrie und Hersteller, Spediteure, Großhandel oder Direktvermarkter. Nur wenn die Gastronomie wieder Zugang zum Konsumenten findet, wird sich dieser Engpass langsam auflösen. Aber der Verbraucher muss auch mitspielen!

Essen und Trinken war für Verbraucher noch nie so günstig.

Spätestens jetzt merken wir, dass alles und alle irgendwie miteinander zusammenhängen. Umso mehr brauchen wir ein gemeinsames Verständnis in dieser Krise, aber noch mehr nach der Coronazeit. So viel steht jetzt schon fest: Gewinner kann es kaum geben. Und preislicher Verdrängungswettbewerb ist in Krisenzeiten völlig sinnlos. Ein Paukenschlag für den Businessmarkt war die Ankündigung des französischen PSA-Konzerns mit Marken wie Citroën, Peugeot und Opel: „Die Arbeit auf Distanz soll für alle Geschäftsbereiche zur Norm werden.“ Heißt: Künftig muss jeder begründen, warum er/sie ins Büro geht. Prognosen gehen von einem 70-prozentigen Anteil der physischen Arbeitsplätze aus. Das würde unsere Branche in Teilen weiter verändern. Hinzu kommt ein noch unbekanntes Konsumverhalten, das durch die Schlagzeilen von Gütersloh weiter fragmentiert bleibt.

Neue Services für neue Impulse

 Auch wenn viele Entscheider an einen Positiveffekt glauben – den Stellenwert der Kantine werde man nach der Krise wieder zu schätzen wissen –, bleibt doch festzustellen, dass es neue Angebots- und Geschäftsmodelle braucht. Auch dürften konventionelle personalintensive SB-Restaurantkonzepte, die auf Vielfalt und Erlebnis setzen, bei abschmelzender Auslastung flexible Lösungen mit mehr Grab & Go und mehr Digital Services erweitert werden. Klar ist, diese Branche braucht man. Sie ist in großen Teilen – Seniorenheime, Krankenhäuser, Reha-Kliniken und sonstige soziale Einrichtungen – systemrelevant. Aber diese Zeiten machen klar, dass wir allein in einem Boot sitzen.




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