Kommentar

Kostenloses Schulessen? Es geht doch!

Claudia Zilz, Redakteurin gv-praxis
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Claudia Zilz, Redakteurin gv-praxis

Es war ein historischer Augenblick, der im weihnachtlichen Getümmel fast unterging. Eine Entscheidung mit Signalwirkung für die gesamte Republik und die den Berliner Bären tanzen lässt. Ein Geschenk, von dem alle dachten, das geht nicht. Kurz vor Weihnachten hat das Berliner Abgeordnetenhaus ein kostenfreies Mittagessen für alle Grundschüler in der Bundeshauptstadt beschlossen.

Als besonderes Bonbon kommen zudem auch noch die Klassenstufen 5 bis 6 in den Genuss einer Gratis-Mahlzeit. Ein mutiger Schritt! Beschlossen von der rot-rot-grünen Mehrheit. Der Vorschlag dafür kam von der SPD, die als untergehende Volkspartei mehr denn je versucht, ihr soziales Image zu schärfen. Insgesamt rund 40 Millionen Euro pro Jahr veranschlagt der Senat für das Vorhaben, um besonders einkommensschwache Familien zu entlasten. Eine Summe, die klein erscheint, verglichen mit anderen öffentlichen Ausgaben. So steigen die Kosten für den neuen Hauptstadtflughafen voraussichtlich auf mehr als 7 Milliarden Euro – dazu war die Hamburger Elbphilharmonie mit 866 Millionen Euro fast ein Schnäppchen.

Kritik verhallt

Die Kritik am Gratis-Essen fällt von den Oppositionsparteien, der FDP und CDU, entsprechend verhalten aus. Von der berühmten "Gießkanne" ist die Rede, und was nichts koste, sei auch nichts wert. Zudem sollten finanziell gut gestellte Eltern ihren Beitrag leisten. Am Ende verhallt die Kritik. Denn jeder weiß: Dieser Beschluss ist – auch wenn man es kaum aussprechen mag – historisch! Er dürfte hierzulande eine neue, längst überfällige Debatte rund um das Schulessen anheizen, bei der es neben Qualität eben auch um soziale Gerechtigkeit und das Lieblingsthema vieler Politiker geht: Ernährungsbildung. Ein Wort, das Bundesministerin Julia Klöckner gerne in den Mund nimmt. Schließlich essen wir alle viel zu viel und ungesund.

Nun prescht ausgerechnet das finanzklamme Land Berlin wieder einmal vor. Wir erinnern uns: Im Jahr 2003 formulierte die AOK Nordost gemeinsam mit der gerade gegründeten Berliner Vernetzungsstelle Schulverpflegung die ersten "Berliner Qualitätskriterien". Diese dienten nur vier Jahre später als Vorlage für die ersten bundesweiten Qualitätsstandards für das Essen unserer Zöglinge. Ebenso hat die Berliner Vernetzungsstelle Karriere gemacht, diente als Vorbild für das Bundesernährungsministerium. Heute hat jedes Bundesland eine solche Stelle.

Berlin kontrolliert Qualitätsstandards

Doch damit nicht genug: Berlin hat sich selbst strenge Standards für die Schulverpflegung auferlegt, deren Einhaltung seit zwei Jahren eine eigens dafür lancierte Kontrollstelle penibel überprüft. Von wegen schlechtes Essen... Die Mahlzeiten für die Schüler sind vorbildlich: täglich Knabbergemüse oder Obst, wenig Fleisch und Paniertes, 15 Prozent Bio-Anteil und nur 6 Gramm Zucker pro 100 Gramm Dessert. Normalerweise steckt in Quarkspeisen und Co mehr als das Doppelte! Das ist gelebte Ernährungsbildung und prägt den Geschmack und das Ernährungsverhalten der Schüler für das ganze Leben.

Nun liegt es an allen Beteiligten, diesen besonderen "Wert des kostenfreien Essens" zu transportieren. In Schweden und Finnland gehört das Gratis-Schulessen bereits seit vielen Jahren zum gesellschaftlichen Gut – und die Wertschätzung dafür ist hoch. Hierzulande hat die Politik bei dem Thema jahrelang lieber weggehört. Berlin, arm aber sexy, beweist jetzt: Es geht doch!



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