Kommentar

Unter Strom


Burkart Schmid
TW Klein
Burkart Schmid

Selten zuvor hat ein deutscher Industriekapitän so deutlich den industriellen Wandel beschrieben wie Daimler-Chef Dieter Zetsche. Bezogen auf die Automobilbranche rechnet er damit, dass "diese Branche in zehn Jahren völlig anders sein wird."

Daimler werde es nur zum Teil noch mit den aktuellen Wettbewerbern zu tun haben. Andere Player könnten sich in Stellung bringen. Sein Credo lautet knallhart: "Wenn wir weiterhin nur das tun, was wir so gut gemacht haben, sind wir erledigt." Und er spricht hier für eine Schlüsselbranche. Rund 1,8 Millionen Arbeitsplätze sind direkt oder indirekt vom Automobilbau abhängig.Volkswagen, Daimler und BMW sind die drei umsatzstärksten Unternehmen Deutschlands. Vier Fünftel der Wertschöpfung in der Branche entfallen auf Zuliefererbetriebe. Die Angst vor dem großen Crash ist schon jetzt spürbar – auch auf Seiten der gastronomischen Dienstleister.


Die Spuren dieser radikalen Veränderungen haben wir unter dem Titel "New Work – New Food" im gv-praxis-Märzheft aufgegriffen.

Zwei Case Studies für New Work

Zwei ganz unterschiedliche Konzept-Beispiele: Trivago und Alnatura. Hier der neue Campus eines der erfolgreichsten deutschen Internet-Start-ups, dessen Gründer sich durch Hightech-Riesen wie Google oder Apple haben inspirieren lassen. Und dort die neue in Lehmbauweise errichtete Firmenzentrale des erfolgreichen Bio-Handelsunternehmens. Der Campus sei ein einziges ökologisches Statement, titelte die FAZ. Ein Erholungs-, Lern- und Begegnungsort mit integriertem Waldorfkindergarten und vegetarischem (Mitarbeiter-)Restaurant samt Bio-Einkaufs- und Erlebnispark. Wer New Work studieren möchte, komme hierher nach Düsseldorf oder Darmstadt. In beiden Fällen wurden externe Partner mit der Mitarbeitergastronomie beauftragt. Und auffallend ist: Die Unterschiede zur öffentlichen Gastronomie sind in beiden Case Studies lediglich noch am Preis und Standort erkennbar, eben inmitten eines kreativ wie kommunikativ gestalteten Arbeitsumfeldes. Doch nicht nur der Business-Markt unterliegt gravierenden Veränderungen. Diese finden wir auch auf der Vorstufenebene, zum Beispiel bei den Lieferanten.

Zulieferindstrie mit hoher Dynamik

Die Branche strotzt vor Dynamik. Der Zustellhandel wächst. Was hier in den letzten Jahren an neuen Service-Tools wie Plattformen, Events, Wettbewerben und Preisen erfunden wurde, zeigt: Wer schneller ist, ist klar im Vorteil. Strategische Allianzen mit Herstellern aus dem IT, Food- und Beveragebereich, zeigen die Richtung. Dabei stellen sich die großen Händler wie die Coop-Tochter Transgourmet oder Chefs Culinar immer breiter auf, um als anerkannte Komplettanbieter zu punkten. Im Zuge einer deutlichen Konzentration durch Firmenübernahmen, geht es auch hier darum, sich in Teilen neu zu erfinden, um Marktanteile zu sichern und neue zu gewinnen. Wie? Mit maßgeschneiderten Lösungen, die immer mehr auch das digitale Spielfeld integrieren. Die neue Welt lehrt uns, dass die Grenzen verschwimmen und damit auch die Positionen in der erlernten Wertschöpfungskette. Wer Lieferant ist, kann auch Kunde sein. Und Konkurrenten sind morgen Kooperationspartner. Die Gemeinschaftsgastronomen sollten – wenn nicht längst geschehen – ihr Erfahrungsgefängnis verlassen, um offen zu sein für neue Lösungswege. Denn die Märkte stehen unter Strom.

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