Lieferdienste/Take-away

Die vermeintlichen Profiteure

Pickup & Delivery only: Seit dem 20. März die Regel für die Gastronomie.
Stadtsalat
Pickup & Delivery only: Seit dem 20. März die Regel für die Gastronomie.

Bayern machte am 20. März den Anfang, die anderen Bundesländer folgten: Vor-Ort-Verzehr in Restaurants, Bars und Gaststätten wurde untersagt, erlaubt blieben nur Abholung und Lieferung. Doch sind nun die Delivery und Take-away-Spezialisten die großen Krisen-Gewinner? FOOD SERVICE hat sich umgehört: Ganz so klar ist die Lage nicht.

Jochen Pinsker, Marktforscher der npdgroup, erklärt, warum sich die Lieferdienste in der Krise stabil halten, aber nicht zu den großen Gewinnern zählen: Es fehlen die sogenannten Occasions, also Gelegenheiten, wenn vor allem Gruppen gemeinsam bestellen.

Fehlende Business-Bestellungen

Das bestätigt auch Marcus Berg, Gründer von Stadtsalat, die als Lieferdienst für Salate und Bowls in Hamburg, Berlin und Frankfurt aktiv sind. "Uns haben am Anfang vor allem viele größere B2B-Warenkörbe gefehlt", erklärt Berg und verweist auf Bestellungen für Büros oder Geschäftsmeetings. Kurz nach Inkrafttreten der Ausgangsbeschränkungen sei der Umsatz bei den Lieferungen zunächst um rund 20 Prozent zurückgegangen, schätzt Berg. Am stärksten habe man den Rückgang in Berlin – laut Berg geschätzt 25 Prozent – bemerkt, in Frankfurt dagegen sei das Volumen mit einem minus von etwa 5 Prozent fast auf Vorniveau geblieben. Inzwischen entspanne sich die Lage zunehmend. "Ich denke, nach Ostern sind wir beim Lieferanteil wieder auf dem Level vor den Kontaktsperren", schätzt Berg.

Stadtsalat: Hygiene in Corona-Zeiten



Anders sieht es bei den Umsätzen in den Ladengeschäften in Frankfurt und Berlin aus. Die Gasträume sind zu, Kunden können die Ware allerdings noch abholen. "In den Stores haben wir noch etwas mehr als ein Drittel des üblichen Umsatzes, was unter den Umständen gar nicht mal so schlecht ist", erklärt Berg. In einer Disziplin, die Gastronomen sonst besonders herausfordert – dem Fachkräftemangel – profitiert Stadtsalat in der Krise. "Gerade in Frankfurt und Berlin stellen wir momentan Fahrer ein. Und wir haben deutlich mehr Bewerbungen aus der Gastronomie", erläutert Berg.

Sushi Shop in Deutschland geschlossen

Kunden, die derzeit beim Delivery-Spezialisten Sushi Shop in Deutschland bestellen wollen, finden auf der Startseite des Online-Portals die Nachricht, dass alle Betriebe geschlossen sind. In Frankreich dagegen, Heimatland des hochwertigen Sushi-Brands, das seit 2018 zum polnischen Multi-Konzept-Betreiber Amrest gehört, läuft der Betrieb an 52 Standorten über Delivery und "click & collect"-Optionen weiter. Auch im britischen Markt ist das Unternehmen weiter aktiv, erklärt Sushi Shop Präsident Christopher Jones. Dort allerdings ausschließlich im Lieferdienst, das Abholen von Sushi-Boxen ist in UK nicht möglich. 

Generell stelle man einen positiven Aufwärtstrend bei den Bestellungen fest, so Jones. Um die Nachfrage bedienen zu können, hat man bei Sushi Shop eine spezielle Karte zusammengestellt. Die Einführung umfangreicher Hygienemaßnahmen soll garantieren, dass der Betrieb aufrechterhalten werden kann. "Wir sind davon überzeugt, dass auch Food Delivery eine wichtige gesellschaftliche Rolle spielt", sagte Jones im Gespräch mit FOOD SERVICE. "Wir senden über unsere Arbeit die positive Nachricht, dass das Geschäft - auch in schwierigen Zeiten - funktionsfähig ist, Jobs gesichert werden und die Menschen immer noch Zugang zu ihren Lieblingsspeisen haben."

Liefern und Take-away: Maßnahmen während Corona
Die Liefer-Spezialisten setzen auf verschiedene Vorkehrungen, um ihre Mitarbeiter und Gäste vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen. Zu den häufigsten Maßnahmen gehören:
  • Strenge Hygieneregeln für jeden Bereich der Operative, von An- bis Auslieferung
  • Kontaktlose Lieferung, bei der der Fahrer zum Kunden Abstand hält 
  • Neue Stationen für die Abholung, so dass sowohl Mitarbeiter und Gäste, aber auch Gäste untereinander den Mindestabstand einhalten können
  • Bereitstellung von Desinfektionsmitteln 
  • Geänderte Personalplanung: So verhindern etwa mehrere feste, autarke Teams, dass im Falle einer Infektion der ganze Betrieb ruhen muss
  • Umstellung / Stärkung von bargeldlosen, kontaktlosen Zahlungsmöglichkeiten

Domino's und Burgerme: Liefern im Aufwind

Auch bei Domino's gab es mit den Einschränkungen ein gemischtes Bild. "Derzeit haben wir Einbußen im Abholergeschäft. Dagegen verzeichnen wir bei Bestellungen zur Lieferung ein steigendes Interesse", teilt das Unternehmen auf Anfrage mit, genaue Zahlen wolle man nicht nennen. Man erwarte aber insbesondere im Liefergeschäft einen deutlichen Umsatz-Anstieg in den kommenden Wochen. Die Umstellung auf kontaktlose Lieferung sei relativ reibungslos verlaufen und werde von Gästen wie Mitarbeitern begrüßt.

Bei der Burger-Liefer-Formel Burgerme hat man sogar einen Umsatzanstieg festgestellt. "Erfreulicherweise können wir, trotz Einstellung des Vor-Ort-Geschäftes, steigende Umsätze verzeichnen", heißt es seitens des Unternehmens, das zum 31.12.2019 66 Units in Deutschland zählte und für das Jahr 2019 auf einen Foodservice-Umsatz von 39,8 Mio. Euro (o. MwSt.) kommt. Somit ist bei Burgerme die größte Herausforderung nicht der Umsatzeinbruch, sondern die Mitarbeitersuche: "Wir suchen an sämtlichen Standorten händeringend nach weiteren Mitarbeitern, ob als Kurierfahrer oder in der Küche", teilt Burgerme mit.

Lieferando: 2.500 Neuanmeldungen in einer Woche

Dass sich im Zuge der Krise immer mehr Restaurants im Liefer- oder Abholgeschäft versuchen, stellt man bei der Lieferplattform Lieferando fest. In der Woche bis zum 26. März hätten sich laut Mutterkonzern Takeaway.com allein in Deutschland 2.500 neue Restaurants auf der Plattform registriert. Diese würden gerade ins System integriert. In der Krise hat Lieferando ein besonderes Angebot für Restaurants aufgesetzt, die Speisen ausschließlich zum Abholen anbieten. Für diese senkt das Unternehmen die Kommission auf 0 Prozent. Von der Krise besonders schwer getroffenen Restaurants bietet Lieferando an, einen Antrag auf Zahlungsaufschub zu stellen.
Die Entwicklung der Bestellungen bei Takeaway.com im ersten Quartal. OLM = Other Leading Markets.
Takeaway.com Trading Update
Die Entwicklung der Bestellungen bei Takeaway.com im ersten Quartal. OLM = Other Leading Markets.

Bei den Bestellungen über die verschiedenen Takeaway.com-Plattformen zeigte sich zu Beginn der Krise ein gemischtes Bild, wie aus einem Trading Update für das erste Quartal hervorgeht. Zunächst gab es europaweit einen starken Einbruch Mitte März, verursacht durch die Schließung von Restaurants sowie dem Wegfall von Bestellungen aus Büros. Besonders stark war der Rückgang bei den Auslieferungen, die Lieferando mit den eigenen Fahrern durchführt, der sogenannte Scoober-Service. Diesen nehmen in der Regel vor allem Restaurants in Anspruch, deren Hauptgeschäft der Vor-Ort-Verzehr und nicht die Lieferung ist, und die deswegen häufiger schließen mussten. Der Anteil an Scoober-Bestellungen liegt laut Takeaway.com allerings gerade einmal bei 7 Prozent des Gesamtvolumens.

Gegen Ende März habe sich laut Takeaway.com die Zahl der Bestellungen in den wichtigsten Märkten einschließlich Deutschland, der Niederlande und Polen stark erholt. Man erwarte nach der Krise eine vollständige Erholung. Für Deutschland weist das Unternehmen fürs erste Quartal 22,2 Mio. Bestellungen aus.


Sie möchten Aktuelles zum Thema "Coronavirus und die Gastro-Branche" lesen? Mehr fachlichen Input finden Sie in unserem "Coronavirus und die Gastro-Branche"-Dossier.
stats