Gehälter

"Mindestlohn ist nicht per se etwas Schlechtes"

Die Erhöhung des Mindestlohns spielt auch in der Gastronomie eine große Rolle.
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Die Erhöhung des Mindestlohns spielt auch in der Gastronomie eine große Rolle.

Der gesetzliche Mindestlohn in Deutschland soll laut Bundesregierung bis zum 1. Juli 2022 in vier Stufen von derzeit 9,35 Euro auf 10,45 Euro steigen. Was bedeutet das für die Gastronomie bzw. das Gastgewerbe in Deutschland? Lesen Sie hier Stimmen von Branchengrößen dazu.

Lars Obendorfer, Gründer des Frankfurter Imbiss-Konzepts Best Worscht in Town (26 Standorte, über 100 Mitarbeiter) steht der angekündigten Erhöhung des Mindestlohns positiv gegenüber:
"Wir finden es selbstverständlich gut, dass die Untergrenze angehoben wird. Bei uns wird es allerdings keine Veränderungen diesbezüglich geben: Wir zahlen unseren Mitarbeitern sowieso schon weit über Mindestlohn und passen die Gehälter in der Regel immer zu Jahresbeginn inflationsbereinigt an."
Mirko Silz, CEO L'Osteria (126 Standorte, rund 6.000 Mitarbeiter) ist ebenfalls positiv gestimmt, was den Mindestlohn angeht:
"Hier sieht man, wie wichtig funktionierende, mit Weitsicht abgeschlossene Tarifverträge sind, die zur Folge haben, dass der Mindestlohn uns nicht vor sich hertreibt." Oliver Haub, Geschäftsführer & Arbeitsdirektor der SSP Deutschland (372 Units, rund 3.000 Mitarbeiter), hätte sich im Rahmen der geplanten Mindestlohnerhöhung branchen-orientierte Übergangs-Modelle gewünscht:

"Uns als Verkehrsgastronomie-Unternehmen, vertreten an zentralen Verkehrsknotenpunkten wie Flughäfen, Bahnhöfen und Autobahnraststätten, trifft die Coronakrise besonders hart. Dennoch konnten wir kurzfristig reagieren und haben für unsere Mitarbeiter/innen schnell und unbürokratisch Lösungen erarbeitet. Unsere Haus-Tarifwerke sehen bereits heute eine Vergütung über Mindestlohn sowie weitere Lohnbestandteile vor. Dennoch stellt uns die stufenweise Erhöhung des Mindestlohnes bis 2022, angesichts der zu erwartenden langsamen wirtschaftlichen Erholung, vor Herausforderungen. Diese gilt es nun, in tragfähige, flexible, tarifliche Konzepte zu integrieren. Sämtlichen Beteiligten sollte dabei bewusst sein, dass dies nicht ohne Einschnitte gehen wird. Oberste Prämisse ist es aber, gemeinsam durch diese beispiellose Krise zu kommen und dabei das Unternehmen sowie auch - wenn möglich - Arbeits- und Ausbildungsplätze zu sichern. Insofern hätten wir uns von der Mindestlohnkommission einen deutlicheren Hinweis und ein Bekenntnis zu Übergangs-Modellen gewünscht, die den Herausforderungen einzelner Branchen deutlich mehr Rechnung tragen."

Mindestlohn steigt
Die Mindestlohnkommission hat über die Anpassung des gesetzlichen Mindestlohns entschieden. Demzufolge wird der Mindestlohn zum 1. Januar 2021 auf 9,50 €, zum 1. Juli 2021 auf 9,60 €, zum 1. Januar 2022 auf 9,82 € und zum 1. Juli 2022 auf 10,45 € brutto je Zeitstunde festgesetzt.

Stephan von Bülow, Geschäftsführer der Eugen Block Holding GmbH:  
(42 Block House Restaurants und rund 1200 Mitarbeiter in Deutschland)
"Wir möchten unsere Mitarbeiter für unser gemeinsames Unternehmen begeistern. Dafür bieten wir als Basis die richtigen Rahmenbedingungen, d.h. quantitative Faktoren wie Vergütung, soziale Leistungen, Vergünstigungen und selbstbestimmte Arbeitszeiten. Wir zahlen i.d.R über Tarif, um die besten Mitarbeiter für uns zu begeistern. Per se unterscheiden sich die Rahmenbedingungen je nach Position, Region und Betriebszugehörigkeit. Gerade in Anbetracht der aktuellen Situation wäre es jedoch wünschenswert, wenn man die Lohnfindung den Tarifparteien überließe und keine gesetzlichen Regelungen festlegt."

Und die Gemeinschaftsgastronomie?

Dieter Gitzen, Country President Germany von Contract-Caterer Sodexo Services (4.250 Mitarbeiter): 
"Der Mindestlohn stellt sicher, dass Menschen, die Vollzeit arbeiten, von ihrem Lohn leben können. Dieses Grundprinzip begrüßen wir. Dass es nach Gesprächen zwischen Vertretern aller Seiten in regelmäßigen Abständen Anpassungen gibt, tragen wir im Sinne unserer Kolleginnen und Kollegen ebenfalls mit. In der aktuellen Situation ist uns allerdings auch wichtig zu betonen, dass die Erhöhung des Mindestlohns eine besondere Herausforderung für viele Unternehmen darstellt. Unternehmen der unterschiedlichsten Branchen tragen momentan bereits eine hohe finanzielle Last, die durch die Erhöhung des Mindestlohns nicht leichter wird."

Jörg Rutschke, Geschäftsführer, SV (Deutschland) (3.100 Mitarbeiter): 
"In der Ausnahmesituation, in der wir durch Corona sind, hätte ich aus Unternehmersicht ein Aussetzen der Mindestlohnerhöhung erwartet. Die Sicherung von Arbeitsplätzen muss in solchen Zeiten Vorrang haben. Die Erhöhung ist unterhalb der bisher erfolgten Anpassungsbeträge erfolgt. Dies interpretiere ich als Kompromiss. Ob dieser gut oder schlecht ist, kann erst in einem halben Jahr beurteilt werden. Wir werden dann sehen, wie wir wieder ins Geschäft zurück gekommen sind."

Phillip Preuß, Geschäftsführer des Contract-Caterers L & D GmbH (1.200 Mitarbeiter):
"Generell halte ich die Mindestlohnregelungen für einen extremen Eingriff in die Tarifautonomie und die unternehmerische Handlungsfreiheit. Ich freue mich, dass sich die beiden Seiten im Gremium nun auf eine zunächst geringere Steigerung ab Januar geeinigt haben. Betriebe sind aktuell angeschlagen, KfW-Kredite können nur zurückgezahlt werden, wenn entsprechend Umsatz und Gewinne erwirtschaftet werden können. Mit steigenden laufenden Kosten wird das nicht einfacher. Das kommende Jahr wird zweifelsohne ein schwieriges, selbst unter besten Nach-Coronabedingungen. Natürlich muss man auch die Arbeitnehmerseite sehen. Die Mitarbeiter haben bereits durch die Kurzarbeit schwer an der aktuellen Situation zu tragen."

Rolf Hoppe, Geschäftsführender Gesellschafter des Bio-Cateringunternehmens Luna in Berlin (500 Mitarbeiter, größter Schulcaterer der Stadt mit 25.000 Essen täglich) und Vorsitzender des Verbands Deutscher Schul- und Kitacaterer (VDSKC):
"Die Berliner Schulcaterer sind nach den Diskussionen um Mindestlohn im vergangenen Jahr mit einem Einheitspreis pro Schulessen von 4,09 Euro ganz gut aufgestellt. Bundesweit könnte sich die Lage jedoch für Unternehmen dramatisch verschärfen, die sich zunächst von den Umsatzverlusten durch die Corona-Pandemie erholen müssen. Hier müssen Kredite zurückgezahlt werden. Allerdings denke ich, dass die Chancen nicht schlecht stehen, wenn zum Beispiel die niedrigere Mehrwertsteuer von 7 bzw. jetzt 5 Prozent länger als nur ein Jahr erhalten wird. Diese Regelung ist tatsächlich hilfreich und von uns schon lange gefordert.“



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