Stadion-Atmo in der Bar

Fußball lockt die Nation vor die Bildschirme - auch in der Gastronomie. Dazn startet nun neben Sky als weiterer B2B-Player mit Content für Sportsbars. Doch lohnt sich die Investition in Technik und Pay-TV?

Seit 2016 kann in den McDonald's-Restaurants von Franchise-Nehmer Rainer Steinacker in Aalen und Ellwangen Sport geschaut werden. "Es ist ein Zusatzservice für die Gäste, den ich biete, weil ich selbst sportbegeistert bin", so Steinacker. Gerade an der Autobahn gebe es immer wieder Durchreisende, die auch länger blieben, um die Sportübertragung zu genießen.
Rainer Steinacker IMAGO / Pressefoto Baumann

Bier, Burger und Begeisterung - eine ganz einfache Rechnung? Zum Erfolg in der Sparte Sportsbar gehört weit mehr als TV-Technik und ein Zapfhahn. Die Streaming-Plattform Dazn will Gastronomen mit exklusivem Live-Sport als Abonnenten gewinnen. Sky bleibt mit angepasstem Angebot am Ball.

Das Sommermärchen sorgte für den Kick-off. Das Kaiserwetter während der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland 2006 lockte Millionen Zuschauer vor die Bildschirme – außer Haus. Sei es auf großen Leinwänden bei speziellen Public-Viewing-Events oder auf den TV-Screens von Gaststätten, die meist im Außenbereich aufgestellt wurden. Seitdem gilt hierzulande das gemeinsame Mitfiebern bei Sportgroßveranstaltungen in der Öffentlichkeit als salonfähig, insbesondere bei König Fußball.

Doch nicht nur bei Welt- und Europameisterschaften zieht es heute das Publikum zum gemeinsamen Sporterleben in die Gastronomie. Vor allem die Fußball-Bundesliga und die Champions League locken während der Saison regelmäßig in die Sportsbars und Gaststätten mit Sportangebot. Der wesentliche Treiber eines professionellen Sportangebots für die Gastronomie war bislang der Pay-TV-Anbieter Sky, der mit seinem Angebot Sky Business in Deutschland rund 20.000 gastronomische Betriebe als Partner gewinnen konnte, meist von außen erkennbar an dem Sky-Leuchtkasten an der Fassade.

Sky

Die Pandemie dürfte die Zahl der Sky-Sportsbars leicht reduziert haben, wie Lars Winking, Vice President Strategy & Marketing bei Sky Business, einräumt. Doch zur neuen Saison geht Sky wieder in die Offensive und mit dem Streaming-TV-Anbieter Dazn, dessen Angebot bislang bei Sky inkludiert war, startet ein weiterer Player ein professionelles Angebot für die Gastronomie: Dazn for Business. Künftig sind – wie beim Zuhause-Fernsehen – mehrere Abonnements notwendig, um den Gästen ein umfassendes Sportprogramm zu bieten.


Doch lohnt es sich für die Gastronomen auch wirtschaftlich, in die Infrastruktur von Sportkonsum zu investieren? Der bisherige Platzhirsch Sky hat in den vergangenen Jahren dazu mit dem Sky Out-of-Home-Panel Germany umfassende Marktforschung durchgeführt. Coronabedingt stammen die jüngsten Zahlen aus der Saison 2018/19 – also der Zeit vor dem ersten Lockdown im März 2020. Wöchentlich haben 2019 demnach 8,39 Millionen Personen zwischen 18 und 65 Jahren regelmäßig Sportübertragungen außer Haus gesehen. 2013 lag dieser Wert noch bei lediglich 6,17 Millionen. Durchschnittlich sind es 3,9 Personen, die sich zum Sportfernsehen treffen.

Pro Woche schauten laut Sky im Schnitt 1,2 Millionen Zuschauer Live-Sport außer Haus. 1,05 Millionen Zuschauer zog es für Bundesliga-Fußball in die Bars – überwiegend samstags: 430.000 sahen das Topspiel um 18:30 Uhr, 310.000 die Spiele ab 15:30. Sonntagsnachmittags wurden 170.000 registriert und sonntags ab 18 Uhr 190.000. Doch auch die Formel 1 hat ihre Fans: In der Saison 2019 zählte Sky durchschnittlich 270.000 Zuschauer in den Bars pro Rennen, in der Spitze 580.000.

Sportangebote bringen Umsatz

Jeder Gast gibt laut Marktforschung 12,14 Euro am Ort der Live-Übertragung aus. Dies addiert sich im Jahr 2019 auf 1,42 Milliarden Euro – etwa ein Drittel mehr als noch 2014.

Kneipen und Sportsbars zählen dabei mit 54,5 Prozent zu den beliebtesten Orten für das Schauen von Sport-Liveübertragungen, Vereinsheime folgen mit 24,2 Prozent auf Rang 2. Nicht ohne Grund fasst Sky Kneipen und Sportsbars in einer Kategorie zusammen, denn in Deutschland spielt das vor allem in den USA und Großbritannien so populäre Sportsbar-Konzept eine untergeordnete Rolle. Während dort große Ketten Hunderte von Standorten betreiben, blieben die Versuche von Sportsbar-Ketten, auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen, in Ansätzen stecken.

Sky for Business: Angebot, Kosten, Technik

Fußball Deutschland
1. Bundesliga: 200 von 306 Partien nur Samstag live/Konferenz,

2. Bundesliga: alle 306 Einzelspiele live/Konferenz DFB-Pokal: alle Spiele live/Konferenz
Fußball international
Premier League: alle Spiele live/Konferenz,

Champions League (CL): 16 Dienstag-Top-Spiele von Amazon Prime Video (APV)
Weitere Sporthighlights
u.a. Formel 1, Golf
Angebotspakete
Kompakt: nur Sky Sports News, Sky Sport, DFB Pokal, 1. Buli-Konferenz,
International: Kompakt plus Formel 1, Premier League Prime-Video-CL,
Topspiel: Kompakt plus Buli-Topspiel Sa, 2. Buli, F1,
Sportsbar: Topspiel plus Buli-Einzelspiele Sa, Premier League, APV-CL
Kosten
Gestaffeltes Preissystem, das neben der Betriebsgröße auch die Kaufkraft, Sportaffinität und Bevölkerungsdichte am Standort berücksichtigt. Z.B. bei Kompaktpaket max. 135 €/Monat, bei Sportsbar-Paket max. 360 €/Monat,
Gema-Gebühr inkludiert
Technik
Satelliten- und Kabelempfang mit Receiver und Sky-Decoder-Box mit Fernbedienung,
HD- und zunehmend UHD-Qualität, Installationsservice

So hatte zum Beispiel das schwedische Sportsbar-Konzept O’Learys 2011 und 2012 drei Filialen in Deutschland, gab diese aber wieder ab. Ende 2020 kündigten die Schweden eine erneute Expansionsoffensive in Europa an und wollen bis 2025 von 120 Filialen auf 300 wachsen, auch dank erleichterter Franchise-Bedingungen. Die 2009 in Deutschland gestartete US-Kette Hooters, die weltweit rund 450 Filialen in 30 Ländern betreibt, musste mehrere Filialen wieder schließen und ist derzeit nur noch mit zwei Standorten in Frankfurt und St. Pauli präsent.

Sky-Manager Lars Winking führt die unter Umständen geringere Anzahl an klassischen Sportsbars auf eine unterschiedliche Gastronomie-Kultur zurück und auf ein stark fokussiertes Fußballinteresse in Deutschland. In Großbritannien zum Beispiel steht neben Fußball etwa auch Cricket, Rugby, Reitsport, Golf oder Darts stark im öffentlichen Interesse.

"Die Konzepte vieler Gastronomen sind daher oftmals nicht auf mehrere Screens mit permanent laufenden Sportprogrammen ausgerichtet", konstatiert Winking. "Nichtsdestotrotz bleibt Live-Sport in der Gastronomie ein wichtiger Hebel, um neue Gäste zu gewinnen, die Verweildauer der Gäste zu verlängern und die Gäste zur Wiederkehr zu bewegen."

So gelingt es hierzulande in erster Linie lokalen Betreibern, Sportsbars-Konzepte zu etablieren – so wie beispielsweise das 1998 gestartete Three Sixty im fußballbegeisterten Ruhrgebiet mit derzeit drei Filialen in Bochum, Oberhausen und Bielefeld. Auch die Mannheimer Bar Whistle zählt zu den Musterbeispielen. 2018 landete sie nach einem von Statista im Auftrag von Sky durchgeführten Ranking der beliebtesten Sportsbars in Deutschland an der Spitze von rund 200 einbezogenen Unternehmen – vor Red Rock in Bremen und der Gaststätte Stadion in München. 

Eine der Herausforderungen für Wilm und Co besteht darin, die Fans nicht nur am Bundesliga-Hauptspieltag Samstag in die Bars zu locken. Genau für diese Tage bringt sich das neue Angebot Dazn for Business ins Spiel. Denn der aufstrebende Streaming-Anbieter bietet ab dieser Saison die 103 Fußball-Bundesliga-Spiele am Freitag und Sonntag live und exklusiv. Das zweite exklusive Übertragungsrecht sind 15 von 16 Champions-League-Spielen am Dienstag und Mittwoch. Während Sky künftig nur noch ein CL-Highlight-Spiel am Dienstag zeigen kann und dies auch nur dank einer Vereinbarung mit Amazon Prime Video.

Dazn for business: Angebot, Kosten, Technik


Fußball Deutschland

1. Bundesliga: 103 Freitags- und Sonntagsspiele live und exklusiv
Fußball international
Champions League: 121 Spiele Dienstags und Mittwoch live und exklusiv,
La Liga und Copa del Rey (E),
FA- und Carabao-Cup (GB)
Weitere Sporthighlights
Kooperation mit Magenta Sport, z.B. 3. Fußball-Bundesliga, DEL-Eishockey, BBL-Basketball
Angebotspakete
Einheitspaket mit komplettem Dazn-Angebot, Laufzeit 12 Monate,
Magenta-Sport zubuchbar, bei Neukunden 12 Monate inkludiert
Kosten
pauschal 250 €/Monat
Technik
Streaming via Dazn-TV-Box (pro parallel gezeigtem Live-Kanal, einmalig je 60 €),
Bedienung via DAZN For Business App,
Plug & Play-Lösung via HDMI

Auch Dazn reichert sein Angebot mit Kooperationen an, beispielsweise mit Magenta Sport, wodurch unter anderen die 3. Fußball-Bundesliga, DEL-Eishockey und BBL-Basketball via Dazn-Stream abrufbar sind. Auch andere Sportsender können künftig auf der Plattform integriert werden, so der Sprecher.

Noch hat der bisherige Platzhirsch Sky einen enormen Vorsprung an vertraglich gebundenen Sportsbars, während Dazn diese erst von den Vorzügen seines Angebots überzeugen muss. Der Newcomer ist sich bewusst, dass die Aufholjagd eines langen Atems bedarf. Als Differenzierungsmerkmal wird vor allem die Einfachheit des Dazn-Streaming-Angebots in die Waagschale geworfen, mit dem alle Gastronomen angesprochen werden sollen. Um Dazn zu empfangen, bedarf es lediglich eines Breitbandanschlusses und einer Dazn-TV-Box (Einzelpreis: 60 Euro). Die Bedienung erfolgt über eine speziell entwickelte App. Das monatliche Abonnement kostet einheitlich 250 Euro.

Seit Mai läuft die Beta-Test-Phase mit rund 100 Standorten. Dazn berichtet von positivem Feedback ohne nennenswerte technische Probleme. Seit Ende Juli sei das Sportsbars-Angebot in Deutschland und Österreich im Markt, pünktlich zum Bundesliga-Saisonstart am 13. August.

Gepusht wird das Produkt unter anderem mit einer digitalen Kampagne auf Facebook, Instagram und Linkedin, außerdem laufen Kooperationsgespräche mit Brauereien und Sportsbars-Ketten. So zählt in Österreich bereits der Wettbüro- und Sportsbars-Betreiber Admiral zu den Kunden. Wenn der Bundesliga- und Champions-League-Ball ab August beziehungsweise September rollt, erwartet DAZN ein Durchstarten des neuen Angebots.

Auch Sky geht zur neuen Saison trotz des Verlusts einiger Sportrechte wieder in die Offensive und sieht sich mit seinem Produkt am Bundesliga-Samstag sowie mit allen Spielen der 2. Bundesliga und des DFB-Pokals weiter gut aufgestellt. Lars Winking hält an der bisherigen gestaffelten Angebotsstruktur mit vier unterschiedlichen Paketen fest, die mit den Gastronomen individuell nach Kriterien wie etwa Betriebsgröße und Standort abgeschlossen werden.

Whistle Mannheim


Seit 2017 ist das Whistle in Mannheim Treffpunkt von Fußball- und Eishockey-Fans der Region. Betriebsleiterin Katinka Wilm will jedoch nicht nur mit Sportereignissen begeistern.

F
rau Wilm, eine Sportsbar lebt von großen Emotionen. Wie funktioniert das mit Corona?

Leere Ränge in den Stadien und reduzierte Kapazität in der Sportsbar sind natürlich alles andere als optimal. Unser Konzept lebt von Fans, die gemeinsam Siege bejubeln oder Niederlagen betrauern. Je lauter und voller es ist, umso besser. Aber tatsächlich war die Stimmung im Whistle auch unter der Corona-bedingt gedrosselten Auslastung von etwa 70 Prozent gut.

Das Whistle in Mannheim ist 2017 als Tochter der SAP Arena gestartet. Wie ist das Konzept entstanden?

Die Idee zu der Sportsbar kam von meinem Chef Daniel Hopp. Unser Anspruch stand dabei von Anfang an fest: Die Sportsbar soll zugleich ein geiles Restaurant sein mit Superessen und Spitzenservice. Vor der Planung habe ich mir in den USA 21 Sportsbars in drei Tagen angeschaut. Zu unseren Besonderheiten zählt unser Main Screen, ein Würfel über der Theke, auf dem die Hauptattraktion läuft. Außerdem vier Whistle-Corners mit ausfahrbaren Zapfhähnen für Gruppen-Events.

Am Wochenende locken Fußball und Eishockeyspiele die Fans in Mannheim. Wie füllen Sie das Whistle von Dienstag bis Donnerstag?

Darin besteht in der Tat die Herausforderung, gerade in der Sommerpause. Die Gäste denken an uns, wenn sie an Fußball denken. Wir steuern mit Marketing-Aktionen wie Verlosungen nach. Wir werben auch viel in den umliegenden Hotels. Für Geschäftsreisende, die allein unterwegs sind, ist eine Sportsbar perfekt. Man kann alleine schauen, aber auch leicht ins Gespräch kommen.

So kostet das umfassende Sportsbar-Paket beispielsweise am Top-Standort München für eine kleine Bar 360 Euro pro Monat, das Kompaktpaket für den Einstieg nur 135 Euro/Monat. Bei Vertragsabschluss ist zudem eine einmalige Aktivierungsgebühr fällig in Höhe von 99 bis 199 Euro je nach Paketauswahl.

Technisch setzt Sky weiter auf die etablierte Technik mit Kabel- und Satellitenempfang mit Receiver, die per Fernbedienung bedient wird. "Dadurch können wir unser Programm in zuverlässiger HD-Übertragungsqualität und vermehrt auch in UHD-Qualität anbieten, was unseren Kunden wichtig ist", sagt Winking. Für die Gastronomen dürfte es in erster Linie darauf ankommen, dass Sport auf Dazn und/oder Sky die Zuschauer nach der Pandemie wieder zahlreich in die Lokale lockt, damit sich die nun zusätzlichen Investitionen amortisieren.

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