Oktoberfest / Coronakrise

"Gescheide Wiesn oder gar koane Wiesn"

Im Juli beginnen traditionsgemäß die Zeltaufbauten für das Oktoberfest. In diesem Jahr wird es auf der Theresienwiese ruhigbleiben.
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Im Juli beginnen traditionsgemäß die Zeltaufbauten für das Oktoberfest. In diesem Jahr wird es auf der Theresienwiese ruhigbleiben.

Seit dem 21. April ist es offiziell: Das Oktoberfest wird im Jahr 2020 nicht stattfinden. FOOD SERVICE hat mit mehreren Wiesn-Wirten gesprochen. Obschon erwartet und vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie für alle nachvollziehbar: Die Absage ist ein weiterer herber Schlag für die Münchener Gastronomen, die mit ihren Betrieben ums Überleben kämpfen.

"Die Absage war die einzig richtige Entscheidung. So lange es keinen Impfstoff gegen Corona gibt, ist das Risiko für eine solche Veranstaltung zu hoch", kommentiert Toni Roiderer, Wirt des Hacker-Festzelts beim Münchner Oktoberfest, die Covid-19-bedingte Absage des weltweit größten Volksfests. "Eine Wiesn mit zwei Meter Abstand ist keine Wiesn - entweder eine gescheite Wiesn oder gar keine Wiesn."
Roiderers Einschätzung teilt auch Clarissa Käfer, die gemeinsam mit ihrem Mann Michael Käfer die berühmte Käfer Wiesn-Schänke betreibt. "Für uns, unsere Mitarbeiter und für so viele andere - von der Brezenfrau über die Taxifahrer bis zur Hotellerie - ist die Absage dramatisch und zugleich alternativlos. Die Sicherheit geht vor." Mit der traurigen Gewissheit, dass das Oktoberfest nun tatsächlich nicht stattfinden wird, müssen die laufenden Wiesn-Vorbereitungen, die das ganze Jahr über im Hintergrund laufen, nun gestoppt beziehungsweise rückgängig gemacht werden - sofern möglich. "Die Bestellungen und Tierzucht eigens für die Wiesn-Schänke liefen natürlich bereits, ebenso haben wir viel Zeit ins Reservierungs-Management investiert", sagt Clarissa Käfer. Doch erst einmal sitzt die Unternehmerin an einem Schreiben an die Wiesn-Mitarbeiter - für viele von ihnen bedeuten die zwei Wochen im Herbst einen erheblichen Einkommens-Anteil.     

"Wir haben natürlich längst mit der Absage gerechnet. Wir wussten ja, dass es keine Wiesn im Stile der vergangenen Jahre geben kann", erklärt Friedrich Steinberg, Wirt des Hofbräu Festzelts. "Wichtig war für uns, dass die Absage jetzt kam - vor dem Beginn des Zelt-Aufbaus im Juli. So ist zumindest der Kostenaufwand verhältnismäßig gering. Fest stand für uns auch schon länger, dass die Wiesn - hätte sie denn stattgefunden - noch schlechter gewesen wäre als 2001." Damals stand das Oktoberfest im Schatten der Anschläge des 11. Septembers. "Wir haben in jenem Jahr gerade einmal eine rote Null geschafft", so Steinberg.

Lizenzvergabe war noch nicht erfolgt

Mit der Mehrheit der etwa 500 Mitarbeiter im Hofbräu Festzelt habe man zwar schon Verträge für 2020 geschlossen. "Doch die sind mit der Absage nichtig. Sie treten nur in Kraft, wenn wir unser Zelt tatsächlich betreiben", erklärt Steinberg. Da die sogenannte Gestattung, also die Vergabe der Lizenz an die Wirte, immer erst Mitte des Jahres erfolgt, erhalten die Verträge erst dann ihre Gültigkeit. Die Tatsache, dass die Gestattung noch nicht erfolgt ist, hat noch eine weitere Implikation: "Wir haben keine Grundlage für eine Entschädigung."

Dass die Wiesn formal nicht abgesagt, sondern eben nur nicht "angesagt" wurde, hat auch versicherungsrechtliche Auswirkungen. "Wie viele andere Wirte haben auch wir eine Versicherung für den Fall einer Absage", sagt Stephan Kuffler, Wirt des Kuffler Weinzelts auf dem Oktoberfest. "Es wird schwierig werden, einen Anspruch geltend zu machen. Aber wir werden kämpfen."

Eine Ausdehnung der Wiesn 2021 von zwei auf drei Wochen - wie vom Vizepräsidenten des Bayerischen Landtags, Karl Freller, per Twitter vorgeschlagen - könnte den Wirten helfen, verlorene Umsätze wieder reinzuholen, meint Kuffler. "Aber eine solche Diskussion ist verfrüht. Zum heutigen Zeitpunkt müssen wir alle Kraft darauf verwenden, unsere Unternehmen zu retten und das Jahr zu überstehen. Sprich: die Liquidität zu erhalten, sodass wir zahlungsfähig bleiben."

Münchner Gastgewerbe unter Druck

Ähnlich sieht das auch Friedrich Steinberg, dessen Familie am Wiener Platz in München den Hofbräukeller betreibt. "Allein am Osterwochenende ist unserem Biergarten mit 2.000 Plätzen ein Umsatz von 400.000 Euro entgangen. Nur mit Krediten ist uns nicht geholfen", sagt Steinberg mit Nachdruck. Wie auch Kuffler sieht Steinberg eine Senkung der Mehrwertsteuer für Gastronomen auf 7 Prozent als wichtige Maßnahme. "Das wäre für viele ein Rettungsanker", so Kuffler. 

"Die Absage kommt erwartet", sagt Kuffler. "Dennoch ist sie ein weiterer herber Schlag für das Gastgewerbe in München. Sie betrifft nicht nur die Zelt-Wirte, sondern - auch in unserem Unternehmen - Hotels und Restaurants in der Stadt. Es hängt so viel dran." Auf 1,2 Mrd. Euro bezifferte das städtische Referat für Arbeit und Wirtschaft 2018 die Einnahmen der Stadt rund um das Oktoberfest. 

"Wir müssen da jetzt durch. Nicht nur wir in München sind betroffen, sondern die ganze Welt", sagt der ehemalige Wirtesprecher Toni Roiderer und hofft: "Machen wir heuer weniger und dafür nächstes Jahr mehr."




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