Re-Start / Tin Tin, Stuttgart

Cocktails in der Flasche, Schmetterlinge im Bauch

Benji Blomenhofer (l.) und Jonas Hald haben mit ihrem Cocktail-Versand alle Hände voll zu tun. Seit 20. Mai ist auch die Bar wieder geöffnet.
Meiko Green / Markus Dietze
Benji Blomenhofer (l.) und Jonas Hald haben mit ihrem Cocktail-Versand alle Hände voll zu tun. Seit 20. Mai ist auch die Bar wieder geöffnet.

Innovativ statt verzweifelt reagierten die Bartender Benji Blomenhofer und Jonas Hald als Corona die Türen ihrer Tin Tin Bar verschloss. Nun versenden sie ihre Kreationen europaweit und haben alle Hände voll zu tun. Seit 20. Mai dürfen sie wieder Gäste empfangen.

Die Betreiber der Tin Tin Bar in Stuttgart haben nach dem ersten Schock der Schließung an einem Konzept gefeilt, um ihren Stammkunden den Cocktail-Genuss dennoch zu ermöglichen. Auf Facebook posteten sie ihre aktuelle Karte. Auf Instagram wurden bald die Bilder geteilt. Heute bringen die Social-Media-Kanäle rund ein Drittel der Bestellungen rein. Mehr als die Hälfte wird telefonisch geordert. Seit April ist Amazon ein zusätzlicher Vertriebskanal. Dort läuft der Verkauf ihres Tin Gin über einen Zwischenhändler.

Alles war schon da

Warum verschickt man fertige Cocktails in Flaschen? "Erst wussten wir nicht, wie es weitergehen soll. Denn keine Gäste bedeutet keinen Umsatz", erklärt Benji Blomenhofer. "Wir hatten noch Zutaten angesetzt, die in wenigen Wochen verdorben wären." Die beiden machen ihre Sirupe, Cordials und Deko weitgehend selbst, ohne Konservierungsstoffe. "So können wir direkt Einfluss darauf nehmen, wie ein Cocktail schmeckt", lautet die einleuchtende Erklärung. "Wir hatten noch circa tausend Flaschen mit Korken im Lager. Da war schnell klar, dass wir unsere Cocktails abfüllen und to-go anbieten werden."

Tin Tin, Stuttgart: Cocktail in der Flasche


In kürzester Zeit wurde aus der anfänglichen Resteverwertung ein professionelles zusätzliches Vertriebsstandbein und das Angebot ausgeweitet: "Seit Ende Mai haben wir unseren Online-Shop, über den wir deutschlandweit und zum Teil auch europaweit verkaufen. Im Mai haben wir zudem einmal pro Woche ein Gin-Tonic-Tasting live über Zoom angeboten, abwechselnd auf Deutsch und auf Englisch." Dazu wurde zwei Tage vorher das Tasting-Paket verschickt. Erster Businesskunde ist mittlerweile ein Lebensmitteleinzelhändler in der Nähe der Tin Tin Bar.

Mehrweg bindet auch Gäste

Aufwand und Nutzen muss man beim Versand- und To-go-Geschäft genau betrachten, haben die beiden Barbetreiber gelernt. Doch nach anfänglichen 7-Tage-Wochen hat sich eine Routine eingestellt. "Mittlerweile gönnen wir uns den Luxus, Bestellungen nur noch von Donnerstag bis Samstag entgegenzunehmen und auszuliefern." Viele Orders kommen zum Wochenende hin und am Wochenende rein. Eine nervliche Belastung war auch die Ungewissheit, wann die Bar wieder öffnen können würde.

Positive Momente sind, wenn Gäste kommen und ihre Bestellungen selbst abholen. Und dann gibt es Momente, wo sich Chancen auftun. Auf der Intergastra in Stuttgart hatten sie ein Engagement zum Cocktails Mixen am Meiko-Stand. Dort lernten sie die Flaschenspülmaschine kennen und hatte die Lösung für ihr Mehrwegsystem. "Mittlerweile spülen wir jede Woche 600 Flaschen. Unser Pfand- bzw. Belohungssystem bringt dem Gast für jede zurückgebrachte Flasche 50 Cent. Den Invest für Flaschen und Korken bekommen wir so über kurz oder lang wieder rein."

Fulminanter Re-Start

"Wir sind die einzige Bar, die im Umkreis von 50 Kilometern geöffnet hat – und die Leute kommen zu uns." Benji Blomenhofer freut sich über die Wiedereröffnung seiner Bar am 20. Mai nach zehn Wochen Zwangspause. Sein Fazit nach der ersten Woche: glückliche, sehr disziplinierte Gäste und Schmetterlinge im Bauch. Die Bar war jeden Tag voll, heißt in Coronazeiten anstatt 70 maximal 35 Personen. "So gewähren wir den Mindestabstand von 1,50 Meter zwischen den Tischen. Außerdem dürfen nur Leute aus maximal zwei Haushalten an einem Tisch Platz nehmen." Weitere Gäste freuten sich zumindest über die To-go-Drinks und werden das nächste Mal sicherlich rechtzeitig reservieren. Sie sind froh, dass ihre Gäste sehr diszipliniert sind, da letztlich sie als Betreiber bei Verstößen zahlen müssen

Für die Zukunft wünschen sich die jungen Unternehmer, dass auch für Getränke die reduzierte Mehrwertsteuer von 7 Prozent eingeführt wird und ein Konzept von der Politik für Bars. Die Beschaffung finanzieller Mittel, ob direkt vom Staat oder durch Kredite bei Banken, sei für die Branche extrem schwierig. Die Corona-Auflagen zu erfüllen sei ein einmaliger Aufwand gewesen. Im laufenden Betrieb brauche man nun rund 10 Sekunden, um die Daten zu erfassen. Der Cocktail-Versand ist seit dem Re-Start wieder zurückgegangen, weil viele nun lieber ihren Cocktail vor Ort genießen. In der Bar machen die beiden mittlerweile wieder zwei Drittel ihres Umsatzes. Nun freuen sie sich auf eine lebendiges Barleben über die Pfingstfeiertage. Die Cocktails in Flaschen sollen nach den Sommerferien hauptsächlich über den eigenen Online-Shop vertrieben werden.

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