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Patienten-Weckruf

Endlich Farbe: Bunte Nudelpfanne mit Spinat, Paprikasauce und Spitzkohlsalat.
Burkart Schmid
Endlich Farbe: Bunte Nudelpfanne mit Spinat, Paprikasauce und Spitzkohlsalat.

Wer sich in diesen Zeiten ins Krankenhaus begeben muss, erlebt intensive Tage – auch ohne Intensivmedizin. Ohne jeden Besuch werden alltägliche Dinge wie ein Gespräch oder die Wahl aus dem Speisenangebot wichtiger.

Dieser Text erschien in der Dezember-Ausgabe der gv-praxis. Lesen Sie mehr im E-Paper. Jetzt im E-Paper lesen  

Die Gesetze der Ökonomie diktieren in Kliniken das Geschehen. Davon betroffen: der Küchenbereich. Als wir kürzlich den bekannten TV-Moderator, Buchautor und Arzt Dr. Eckart von Hirschhausen auf einen Wareneinsatz von rund vier Euro pro Tag und Patient hinwiesen, meinte er: „Das ist absurd. Hippokrates sagte, dein Essen sei deine Medizin – nicht dein Abspeisen. Wenn wir heute wissen, wie wichtig die Vielfalt von Gemüse ist, um eine gesunde Flora im Darm zu ermöglichen, das Biom, das wesentlicher Teil unserer Gesundheit ist, dann ist das, was ich im Krankenhaus oder den Pflegeeinrichtungen oft auf den Tellern sehe, kein Gericht – es gehört vor Gericht.“


Es ist ein Sommertag, 6.30 Uhr vor einer Frankfurter Klinik. Die Morgensonne spiegelt sich im Glas der Pyramide – die Cafeteria für Gäste und Mitarbeiter. Geschlossen. Erinnert verblüffend an den Louvre. Leider stehe ich nicht in Paris, sondern mit zehn Neuankömmlingen samt Köfferchen vor einem Krankenhaus-Eingang. Alle warten auf Einlass – ähnlich wie vor Kaufhäusern, wenn sie um 10 Uhr öffnen. Sicherheit geht vor, alle mit Mundschutz, so wollen es die Vorschriften. Im Innern des Hauses herrscht gespenstische Stille. Wer hier nicht aus akuten Gründen hin muss, wird vertröstet. Wie sieht heute meine Agenda aus? Vor mir liegen ein minimalinvasiver Eingriff um 11 Uhr und vier lange Tage. Es ist Freitag, das Wochenende naht.

Gurke oder Tomate?

Ausgerechnet direkt vor der OP die Frage der Versorgungsassistentin, was in den nächsten Tagen kulinarisch serviert werden soll. Wichtige Fragen, die für das Wohlbefinden der nächsten Stunden und Tage nicht unerheblich sein werden. Es gibt keinen Speiseplan, alles mündlich und bitte sofort. Und es geht um so schwerwiegende Entscheidungen wie Gurke oder Tomate am Abend. Beides geht nicht – auch nicht für einen Privatpatienten. Spielt hier keine Rolle, es gibt das klassenlose Standardangebot an Brotsorten, Brötchenvarianten, Salatofferten und und und.

Auf der Homepage lese ich später den Satz „Ihre Mahlzeiten sind in Absprache mit Ihrem Arzt individuell auf Ihre Bedürfnisse abgestimmt.“ Wer kennt meine Bedürfnisse besser als ich, fragt man sich und blickt gespannt auf das Abendessen. Bis dahin – nach erfolgreicher OP – geht‘s ins Einzelzimmer. Motto: Hauptsache allein und sicher. Da laut Homepage das Küchenteam mit einem abwechslungsreichen und frisch zubereiteten Essen „zu Ihrem Wohlbefinden“ beiträgt, kann eigentlich für die nächsten drei Tage nichts mehr schiefgehen. Und da ich herausfinde, um welchen Caterer es sich handelt, erst recht nicht. Dessen Aussage laut Gründer: „... schon immer anders als die anderen im Care-Bereich.“ Das kann definitiv ja richtig gut werden, denkt man sich, denn Zeit für den Genuss ist reichlich vorhanden.

Speisenplan auf dem Flur

Es gibt wenig Ablenkung. Anders formuliert, man ist noch mehr als in Normalzeiten abhängig von dem Können der Pflege und Küche. Wohlgemerkt: kein Besuch, keine Einkaufsmöglichkeiten, keine Abwechslung außer digitalen Kanälen zur Außenwelt. Da wäre der Griff zum Speiseplan, der nach den Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) zusammengestellt wird, schon sehr beruhigend und appetitanregend. Doch nirgendwo sichtbar. Später wurde mir dann versichert, dass es immer einen gibt: Der Speiseplan wird auf dem Flur ausgehängt. Sehr praktisch, denn das spart Papier. 

Die nächsten drei Tage komme ich aus dem Staunen nicht raus. Schon am Abend des OP-Tags, an dem ich tagsüber nicht essen durfte, habe ich nach zwei Scheiben Brot noch Hunger. Mein Problem. Auffallend ist der Verpackungsmüll beim Frühstück. Sicher auch Corona geschuldet, aber gleich in dieser Fülle. Später heißt es von der Mitarbeiterin wörtlich: „Ihre Kritik ... können wir nachvollziehen“, aber die Spielräume seien aufgrund strenger Vorschriften schon ausgeschöpft. Am Ende bleibt trotzdem ein trister Eindruck, denn das Einzige, was nicht verpackt ist, sind die Brötchen. Highlight hier das Bircher Müsli. Samstag Eintopf mit Brötchen. Dessertbecher fehlt. Dafür gibt‘s ersatzweise Wackelpudding. Die zwei abgepackten Kekse sind schon für den Nachmittagskaffee.

Profillos und wenig ambitioniert

Mehr und mehr wird klar, dass Krankenhausküchen mit hohen Restriktionen zu kämpfen haben – ein Balanceakt zwischen logistischer und gesunderhaltender Aufgabe. Im Patienten-Fokus steht eindeutig das Mittagessen (Samstag: Eintopf – ok, Sonntag: Hähnchenspieß – leider zu trocken, und montags Nudeln mit Paprikasauce siehe Bild – unbedeutend). Das Mittagessen wäre doch eigentlich die Kür, um gegen immer mehr Menü-Produzenten zu punkten. Alles Anbieter, die genau auf diesen kostenfokussierten Markt abzielen, der auch noch unter dem Investitonsstau in die Jahre gekommener Küchen leidet. Kurzum, das Angebot in meiner Klinik erscheint mir profillos und wenig ambitioniert. Mein subjektiver Eindruck. „Was ist hier gesund?“, würde Eckart von Hirschhausen zurecht fragen.

Wo ist die Handschrift der Köche? Was zeichnet die (frische?) Küche des Hauses aus? Fragen, die leider unbeantwortet bleiben, da ein vereinbarter Gesprächstermin abgesagt wurde. Zufällig (oder nicht) passt dazu, dass die Küche samt Angebot auf der Krankenhaus-Homepage unter der Rubrik „Umsorgt von A bis Z“ nicht vorkommt. Mein Credo: Küchen mit austauschbarer Leistung werden zukünftig um ihre Existenz bangen müssen.
Learnings
  • Essen ist ein Teil des Wohlbefindens, trägt im Höchstmaß zur Zufriedenheit und Heilung der Patienten bei.
  • Die Küche ist die öffentlichste Dienstleistungsabteilung im ganzen Haus und sollte sich nicht verstecken.
  • Patienten sollten zu ihrer individuellen Ernährung informiert werden – auch nach dem Aufenthalt.
  • Patienten möchten das Angebot der Küche kennen. Was bietet sie? Die Hostessen leisten hier wichtige Arbeit.
  • Mit dem Mittagessen punkten. Darauf sind alle Augen gerichtet. Der neue Wettbewerber sind Menü-Hersteller.
  • Offenheit ist wichtig, auch wenn man über Geschmack streiten kann. Hier wurde das Gespräch ohne Begründung wieder abgesagt. Es bleibt nur die Patientensicht.

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