Re-Start

Hessen hat es besonders schwer

Mit der Aktion #leerestühle hatten die Gastronomen im April auf ihre Not aufmerkam gemacht - nach der jetzigen Teilöffnung mit vielen Auflagen ist die Skepsis weiterhin groß.
Leaders Club
Mit der Aktion #leerestühle hatten die Gastronomen im April auf ihre Not aufmerkam gemacht - nach der jetzigen Teilöffnung mit vielen Auflagen ist die Skepsis weiterhin groß.

Viele der bekannten Frankfurter Restaurants hatten an dem vergangenen Wochenende gar nicht geöffnet - aus Protest gegen die 5-qm-Regel, die nur in Hessen existiert. Bei denjenigen, die Gäste bewirteten, bleibt ein Gefühl aus Euphorie und Verzweiflung.

Margarete, Blaues Wasser, Gastro-Gründerpreis Gewinner La Cevi und auch die Gewinner des Leaders Club Awards, die Bar Shuka im Frankfurter Bahnhofsviertel - alle ließen ihre Pforten aus Protest am Wochenende geschlossen. Denn zusätzlich zu der (akzeptierten und notwendigen) Abstandsregel von 1,50 Meter müssen die Wirte in Hessen auch noch darauf achten, dass pro Gast 5 Quadratmeter Platz zur Verfügung stehen. 

"Nicht machbar", sagt Frank Winkler, der Wirt der Apfelweinkneipe "Daheim in der Affentorschenke". Auch sein Laden bleibt erst einmal geschlossen - 14 Gäste dürfte er dort noch bewirten. "Selbst mit dem kleinstmöglichen Personalstand würde ich pro Tag 250 bis 300 Euro Minus machen." Mit einem Eilantrag bei Gericht versuchen die Frankfurter Wirte nun die Zusatzregel 5-Quadratmeter in Hessen zu kippen.

Bei denen, die geöffnet hatten, bleibt die Skepsis groß, ob sich das wirklich rechnen kann. In großen Restaurants wie dem Hans im Glück in Domnähe ist man zuversichtlich - schließlich hat man drin 200 qm Platz - und eine riesige Außenterrasse. Auf dem Vorplatz ist ein Schalter aufgebaut: Hier muss sich der Gast registrieren und wird dann (mit Maske) zum Tisch geleitet.

Anders sieht das bei Italiener Sardegna um die Ecke aus. Drinnen dürfen nur 17 Gäste bewirtet werden, mit Terrasse zusammen zirka 25. Desinfektionsmittel am Eingang, Einbahnsystem für Eintritt und Ausgang, einzeln Besteck nachdecken, keinen Wein aus der Flasche am Tisch nachschenken, nach jedem Gast muss die Speisekarte komplett desinfiziert werden, Masken für die Kellner sind selbstverständlich, Zettelregistrierung am Tisch für jeden Gast ebenfalls. Chef Michele Piroddi ist sich sicher, dass sich in den kommenden zwei Wochen noch einiges einspielen wird, aber auch viele der Regeln neu überdacht werden müssten. Vor allem die 5-qm-Regel sieht er als wettbewerbsverzerrend an - schließlich könnte er in einem anderen Bundesland ein Drittel mehr Gäste bewirten.
Zettelwirtschaft in Hessen
Für Hessen gilt folgende Regelung: "Ab dem 15. Mai 2020 dürfen die in Abs. 1 genannten Betriebe Speisen und Getränke auch zum Verzehr vor Ort anbieten, wenn sichergestellt ist, dass bei Bewirtung in geschlossenen Räumen Name, Anschrift und Telefonnummer der Gäste zur Ermöglichung der Nachverfolgung von Infektionen unter Beachtung der datenschutzrechtlichen Bestimmungen von der Betriebsinhaberin oder dem Betriebsinhaber erfasst werden."
Die Zettel müssen vom Gastronomen vier Wochen lang so aufbewahrt werden, dass kein Dritter die Daten kopieren kann. Die Daten dürfen ausschließlich dem Gesundheitsamt übergeben werden. Und das nur, wenn das Amt danach verlangt. Die Zettel müssen nach vier Wochen vernichtet werden.

Weiter zu einem großen Apfelwein-Restaurant, einem Klassiker auf der Sachsenhäuser Schweizer Straße. Zum gemalten Haus - gelebte Frankfurter Tradition zwischen Schäufele und Schoppe. Normal tanzt hier samstags der Bär, nicht nur wegen der Eintracht-Übertragung. Doch der Laden wirkt trotz einer ganzen Reihe von gut besetzten Tischen etwas verwaist. "Viele Tische mussten wegen der 5-qm-Regel zusätzlich rausgeräumt werden", sagt Alexandra Rupf, die mit einem Teller Rippchen und Kraut aus der Küche kommt. "80 Gäste dürfen wir jetzt noch bewirten. Das lohnt sich nicht", sagt sie illusionslos. 

Zwar dürfen die Bars in Hessen im Gegensatz zu anderen Bundesländern wieder öffnen. Doch aufgrund des geringen Umsatzes pro Gast ist es hier noch schwieriger, kostendeckend zu arbeiten. Die Sandbar in der Nähe des Franfurter Zoos darf bei 70 qm Innenraum gerade mal 14 Gäste empfangen. Tholis, der den Laden seit über 15 Jahren führt, rechnet mit rund 40 Gästen am Abend. Der Gewinn bei solchen Gästezahlen geht schon für die beiden Barkeeper hinter der Theke drauf. "Schauen wir, wie lange wir das so durchhalten können", sagt er skeptisch.


Sie möchten Aktuelles zum Thema "Coronavirus und die Gastro-Branche" lesen? Mehr fachlichen Input finden Sie in unserem "Coronavirus und die Gastro-Branche"-Dossier.
stats