snack'19 (Tag 2)

Kein hipper Happen ohne App

Am zweiten Tag des snack-Kongress standen digitale Vermarktungsstrategien auf dem Programm.
Anne Orthen
Am zweiten Tag des snack-Kongress standen digitale Vermarktungsstrategien auf dem Programm.

Digital- und Vermarktungsstrategien sowie der Einfluss neuer Arbeitswelten auf das Essverhalten waren die Schwerpunktthemen zum Abschluss der snack'19 im Wiesbadener Rhein Main Congress Center.

Kochen, bestellen, bezahlen, Snackautomaten öffnen, reservieren, verabreden. Apps organisieren und optimieren Prozesse im Privaten und im Job. Bowls, Salate, geschnippeltes Obst und unzählige Neu-Interpretationen des belegten Brötchens begleiten uns durch den Arbeitstag, sorgen für Power und kreative Schaffenskraft – so einige Erkenntnisse des zweiten Kongresstages der snack'19. Die Zwischenmahlzeit wird immer wichtiger.

Jeder kann kochen

Los ging es für die rund 200 Teilnehmer mit der App "Kitchen Stories" von Start-up-Gründerin Verena Hubertz. Der Name ist Programm, "niemand liest heute mehr lange Anleitungen", erläuterte die Betriebswirtin, "und von Mutti lernt kaum noch jemand kochen." Dennoch definieren sich gerade die Young Urban Professionals über ihre Ernährung, wollen ihre Kreationen in der virtuellen Freundeswelt teilen. Lernmedium ist das Video. Das Ergebnis: ihre eigene Kitchen-Story und instagramtaugliche Menüs.

Die komplexe App liefert nicht nur Rezepte in Form von How-to-Videos, sondern sammelt User-Daten, um ihr Angebot nutzer-individuell auszubauen. "Künftig werden Küchengeräte und App so vernetzt, dass die Rezeptvorschläge zur Situation passen", ist sich Hubertz sicher. Sie richten sich nach Kühlschrankinhalt und Kochfähigkeiten der Hobbyköche. Die App steuert den Backofen gleich mit. Voraussetzung: herstellerunabhängig vernetzte Geräte. Schöne neue Küchen-Welt.

Kein Erfolg ohne Digitales

Digital, vernetzt und multikanalfähig mag privat eine Option unter vielen sein. In der Gastronomie ist sie ein Muss. Dies verdeutlichte der Gründer der digitalen Kassensoftware Gastrofix, Stefan Brehm. "66 Prozent der Verbraucher in Deutschland ärgern sich heute, wenn sie nicht elektronisch zahlen können", weiß er zu berichten. Heißt in der Praxis, dass schlecht digitalisierte Lokale bei der Entscheidung zunehmend aussortiert werden, egal, wie gut ihr Essen ist. Millennials und die Generation Z identifiziert er als die Treiber der Digitalisierung – als Gäste und Mitarbeiter. "Führungskräfte, die nicht bereit sind für die Digitalisierung", mahnte Brehm, "verlieren den Anschluss, Kunden und Leistungsträger." Preorder und Prepayment generierten in den USA bis zu 50 Prozent mehr Umsatz. Weitere Vorteile: weniger Personalkosten, schnellere Prozesse. Sein Beispiel: McDonald’s. Die zunächst installierten Bestell- und Bezahlterminals in den Restaurants wurden schnell überholt von der Aufforderung: "Bring your own device!" und der App. Do it yourself klappt. Die nächste Stufe: Chat-Bots im Restaurant sprechen über Whats App oder Messenger mit dem Gast, fragen Wünsche ab und lassen liefern. 60.000 unbesetzte Stellen in Deutschland in der Gastronomie 2018 – ein starkes Motiv, die Gastro-Arbeitswelt attraktiver zu machen und Prozesse digital und intelligent zu vereinfachen.

Frech kommt weiter

Wie man als Metzger in veganen Zeiten kreativen Nachwuchs findet, zeigten Steffen Schütze, Inhaber der Freisinger Metzgerei Hack, und Marketing-Talent Michael Kasper von Kasper Communications. Mit provokanten Facebook-Anzeigen generierte sie so viel Feedback, dass das Nachwuchsproblem in Freising Geschichte ist. Der neue Azubi 2019 kam auch ohne Werbemaßnahmen. Reichweite und Imagegewinn als Metzgerei mit der negativsten und positivsten Internet-Resonanz machten es möglich. "Nichts hat so viel Reichweite gebracht, wie der Shitstorm der veganen Community", resümierte Steffen Schütze. Themen mit großer Netz-Communitiy bringen Aufmerksamkeit und Klicks. Ein Renner war auch die eigene Werbefigur mit Schütze als "Hack Solo" frei nach Star-Wars-Kultfigur Han Solo.

Snack'19: Impressionen vom zweiten Kongress-Tag



In die Zukunft der Arbeit gewährte die Trendexpertin Birgit Gebhardt Einblicke. Ihre Keynote "Food for Thought" zeigte, welchen Beitrag die Betriebsgastronomie leisten kann, um die hohen Ansprüche an die Performance im New-Work-Umfeld nicht nur aufrecht zu erhalten, sondern sie förmlich erst zu ermöglichen. Menschen "meeten" überall, Krisengespräche am besten draußen, Lagebesprechung im Betriebsrestaurant. Warum nicht? Die Nahrung – vitaminreich, proteinstark oder verdauungsförderlich – könne im Zusammenspiel mit der Umgebung die Leistung fördern.

Mit Essen durch den Arbeitstag

Gebhardts Appell an Caterer und Betriebsgastronomen nahm das anschließende Panel gerne auf. Der Diskussion stellten sich drei unterschiedliche Player. Thomas Walter verantwortet die Mitarbeiterverpflegung der R+V Versicherung deutschlandweit, am Kongressort Wiesbaden der größte Arbeitgeber. "Wir müssen heute den Spagat schaffen zwischen den Silicon-Valley-Ansprüchen und den Mitarbeitern, die noch in der alten Arbeitswelt verortet sind." Der Innovationsdruck sei hoch, aber alle Generationen müssten mitgenommen werden, formuliert Walter auch als Vorstand des Deutschen Instituts für Gemeinschaftsgastronomie.

Essen finde praktisch den ganzen Tag statt. Keine Bsprechung ohne Fingerfood. Dafür müssten die gastronomischen Flächen geschaffen werden. Was es neben Design und Akustik brauche, sind Internetanschluss, ein stets geöffnetes Betriebsrestaurant und die Kaffeebar. Genauso beobachtet es auch Dirk Geyer, Leiter Marketing, Aramark Continental Europe. Der weltweit aktive Business Caterer betreut in Deutschland rund 500 teils sehr unterschiedliche Kunden. Drei Lösungsansätze sollen die New-Work-Ansprüche erfüllen: ein Snackerei-Konzept mit breitem Ganztages-Angebot, ergänzende externe Markenkonzepte sowie eine zonierte Gastronomiewelt. So hat sie Kunde AXA in Hamburg kürzlich realisiert.

Ziel des Arbeitsgebers und des Betriebsgastronomen sei es, die Mitarbeiter vor Ort zu binden. Zwischenverpflegung nimmt daher immer mehr Raum ein. Selbst am Arbeitsplatz herrsche oft das Grab-&-Go-Prinzip vor, Zeit ist Mangelware, berichtete Christian Meissner. Der Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Profitabel Resultants hat schon vor zehn Jahren ein Projekt in München realisiert, dessen Anspruch es war, Gastronomie so toll wie draußen. Seine Lösung: Food-Court-Konzepte wie bei Trivago in Düsseldorf oder etwa ein Food Truck als Bestandteil des gastronomischen Angebots. Der gleiche Qualitäts-Burger, der dem Gast an der Essensausgabe maximal 5 Euro wert sei, werde als hippes Streetfood auch für 8 Euro genommen, zeigte er sich überzeugt. Neben Frische, Qualität und Handwerklichkeit, darin waren sich alle einig, machen Story und Lifestyle aus einem simplen belegten Brötchen einen instagramfähigen Snack als Teil der virtuellen Identität. Aus dem schnell und verschämt verdrückten Schokoriegel von einst ist eine echte Mahlzeit geworden – klein, aber gut.

Viel gehörter Einwurf: Dafür braucht es das geschulte, motivierte Personal! Der Lösungsansatz à la Meissner: "Wir müssen Menschen aus anderen Berufen begeistern und sehr gezielt auf bestimmte Produkt- und Qualitätswelten hin ausbilden!" Gesund und fit für die Zukunft sowie ethisch einwandrei und umweltfreundlich ernähren, ein Beruf mit einem tollen Image seien Attribute, die nicht nur für die Gäste wichtig seien. Anregungen zum Recruiting? Diskussionsmoderatorin und gv-praxis-Redakteurin Claudia Zilz verwies zum Abschluss auf das Paradebeispiel aus dem Hause Metzgerei Hack.

Apropos zukunftsfähig. Mit dem Konzept "Whapow" kürten die Teilnehmer die Kraft der Algen als klimafreundliches und geschmackvolles Lebensmittel der Zukunft. Mit Smoothies und anderen angesagten Produkten aus Algen macht das Konzept des Start-ups Furore und gewann den snack’19 Newcomer-Pitch.

Snacking-Update 2020

Der nächste Snack-Kongress findet am 1. und 2. September 2020 in der Rheingoldhalle in Mainz statt.

snack’19: Der Fachkongress
10 Jahre Snack-Kongress. Die Snack- und Food-Branche trifft sich unter dem Motto "Kleine Mahlzeiten, großer Anspruch: Gesund. Lecker. Instagrammable." am 27. und 28. August im Rhein Main Congress Center in Wiesbaden. Optik, nationale und internationale Foodtrends, Mehrwerte, Packaging, Nachhaltigkeit, Vermarktung – alle Themen rund um Snacking stehen bei snack‘19 im Fokus. Dazu erfolgreiche Best Cases und ein Überblick über die Marktentwicklung und die Wachstumspotenziale im Außer-Haus-Markt. Abschließend diskutieren Experten über "New Work, New Food: Warum veränderte Arbeitsmodelle innovative Angebote erfordern". Veranstalter ist die dfv Conference Group mit den Medienpartnern Allgemeine Bäcker Zeitung, allgemeine fleischer zeitung, Allgemeine Hotel- und Gastronomie-Zeitung, Business Target Group, Fleischwirtschaft, foodservice, gv-praxis, KOCA und Lebensmittel Zeitung.



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