Soziales Engagement in der Corona-Krise

Gastronomen kochen für Helden

Das Hofgut Grenningloh in Gönnheim liefert nahrhafte und gesunde Mahlzeiten für verschiedene Teams am Uni-Klinikum Heidelberg.
Hofgut Grenningloh
Das Hofgut Grenningloh in Gönnheim liefert nahrhafte und gesunde Mahlzeiten für verschiedene Teams am Uni-Klinikum Heidelberg.

Trotz der Sorge um das eigene wirtschaftliche Überleben setzen immer mehr Gastronomen ihr Können und ihre Ressourcen jetzt für andere ein. Über das in Berlin gegründete Netzwerk 'Kochen für Helden' arbeiten sie gemeinsam für die Versorgung der Menschen, die unser System derzeit aufrechterhalten: Ärzte, Pflegekräfte, aber auch Apotheker und Mitarbeiter von Supermärkten. Über eine Crowdfunding-Aktion rufen die Initiatoren Ilona Scholl und Max Strohe nun auch zur finanziellen Unterstützung ihrer Kampagne auf.

"Wir brauchen eure Hilfe! Engagiert euch jetzt. Helft uns dabei zu helfen, den Leuten zu helfen, die uns gerade helfen!", so die Bitte von Ilona Scholl vom Berliner Restaurant Tulus Lotrek in einem Video-Aufruf. "Wir waren bis vor zwei Wochen ein ganz normales Restaurant. Dann hat die Corona-Krise die Welt aus den Angeln gehoben." Sternekoch Max Strohe und seine Partnerin zögerten nicht lang und riefen die Initiative 'Kochen für Helden' ins Leben. 

"Wir haben gemerkt, dass es einen wahnsinnigen Bedarf an gutem, nahrhaften, sättigenden und gesundem Essen gibt für Leute, die unser System gerade aufrechterhalten. Für Ärzte, Pfleger, für Leute in ambulanten Pflegediensten, für Arztpraxen, für Leute, die sich gerade überschlagen – für uns alle", so Ilona Scholl. Ihrem Beispiel folgen mittlerweile zahlreiche Gastronomen in ganz Deutschland. Darunter überregional bekannte Restaurants wie Tim Mälzers Bullerei in Hamburg oder The Duc Ngos Madame Ngo in Berlin ebenso wie viele regionale Betriebe. Zu finden sind alle teilnehmenden Adressen auf der Homepage der Initiative


Seit Anfang vergangener Woche ist auch das rheinland-pfälzische Hofgut Grenningloh dort zu finden. Gemeinsam mit ihrem Mann Marco versorgt Katja Grenningloh Pflegeteams im Universitätsklinikum Heidelberg. "Wir haben uns angeschlossen nachdem wir tatsächlich schon eine ähnliche Idee hatten und auf eigene Faust damit begonnen hatten, für eine Station der Uniklinik Heidelberg zu kochen", erklärt Katja Grenningloh. Der Kontakt sei über eine befreundete Oberärztin entstanden.

„Wir sind froh, dass wir uns dem Netzwerk 'Kochen für Helden' angeschlossen haben. Jetzt haben wir mehr Sicherheit und Gehör. Wir selbst sind nur ein kleiner Fisch, aber gemeinsam sind wir ein Schwarm.“
Katja Grenningloh, Hofgut Grenningloh

"Anfangs haben wir die ganze Ware selbst bezahlt", so Grenningloh. Doch mittlerweile hat sie Unterstützer gefunden. Ein Metro-Markt in Ludwigshafen, ein C&C-Markt in Neustadt und ein regionaler Edeka-Händler stellen dem engagierten Gastronomen-Paar Lebensmittel zur Verfügung. "Ich war gerührt, wie groß die Hilfsbereitschaft ist", sagt Grenningloh. 

Bis zu hundert Mahlzeiten am Tag könnten sie schaffen, meint die Unternehmerin. "Dafür brauchen wir kochbare Ware. Was wir daraus machen, liegt an uns." Dabei achteten sie darauf, dass die Gerichte aus der Hand und notfalls auch im Laufen gegessen werden könnten. "Klassische Essenszeiten gibt es nicht mehr." Frikadellen, Gemüsekuchen, aber auch Marmorkuchen haben sie in der letzten Woche für das Uniklinikum Heidelberg gekocht und gebacken. "Wir liefern selbst aus, vieles nimmt aber auch unsere dort arbeitende Freundin mit. Wichtig ist, dass alles kontaktlos vonstatten geht. Wenn wir uns infizieren, ist es vorbei", so Grenningloh.  

Auch Julia und Markus Hampp vom Hamburger Restaurant Heldenplatz kochen seit einer Woche für Helden. "Wir versorgen eine Feuerwehrwache mit 30 Leuten, eine Apotheke und eine Arztpraxis", erklärt Julia Hampp. Darüber wird im Heldenplatz auch für Obdachlose gekocht. Da sie ihr Team - auch aus Sorge um die Gesundheit der Mitarbeiter - nach Hause schicken mussten, stehen Julia und Markus Hampp zu zweit in der Küche. Über die Initiative haben die Hampps 100 Gläser bekommen, die befüllt und retourniert werden. Die Auslieferung übernimmt das Hamburger Taxi-Unternehmen Hansa Taxi. Die Nachfrage ist riesig, so Julias Hampps Erfahrung.

Während Logistik und Kontakte zu Abnehmern in Hamburg und Berlin bereits etabliert sind, steht Maximilian Lorenz, Chef des gleichnamigen Kölner Gourmetrestaurants, noch vor Hindernissen. Gemeinsam mit seinem Küchenchef Enrico Hirschfeld hat er sich der Initiative angeschlossen. "Von den Kliniken, die wir angesprochen haben, bekommen wir leider das Feedback, dass sie sich mehr oder weniger abriegeln und nichts von außen annehmen wollen." Aufgeben will Lorenz jedoch keinesfalls. "Die Hilfsbereitschaft der Industrie ist überwältigend. Nicht nur, dass sie Ware zur Verfügung stellen wollen, sie würden sie auch liefern. Aber so lange ich nicht weiß, wohin es gehen soll, rufe ich natürlich nichts ab." Lorenz alternative Idee: ein Hilfsprogramm für Obdachlose in Köln. "Sie sind von der Krise schwer getroffen und keiner sieht hin."

Crowdfunding fürs Überleben

Damit die gerade angelaufenen Hilfsaktionen nicht wieder abebben, haben die Initiatoren von 'Kochen für Helden' nun auch eine Crowdfunding-Aktion gestartet. "Aktuell sind wir auf die Spenden von Lieferanten angewiesen, aber damit werden wir mittelfristig nicht klarkommen", so Max Strohe. Irgendwann werde man an den Punkt kommen, an dem man wieder Lebensmittel zukaufen müsse. Darüber hinaus fallen Kosten für Benzin, Desinfektionsmittel und Einmalhandschuhe an - Kosten, die die Gastronomen in Zeiten von Null-Umsatz nicht bewältigen können.

FeedNHS
In Großbritannien hat die Initiative FeedNHS (Essen für den Gesundheitsdienst) bereits Fahrt aufgenommen: Ins Leben gerufen wurde die Kampagne Feed NHS von John Vincent, Gründer und CEO der Fast-Casual-Marke Leon. Ihr Ziel ist es, Ärzte, Pflegekräfte und Mitarbeiter in fünf Londoner Krankenhäuser täglich mit 6.000 warmen Mahlzeiten zu versorgen. 
Die Initiative sei auf direkte Anfragen von Mitarbeitern des NHS entstanden, erklärt John Vincent. "Diese wunderbaren Menschen brauchen uns. Sie haben bereits mit Schlafentzug zu kämpfen. Wenn sie kein vernünftiges Essen bekommen, werden sie noch schneller erschöpft sein, ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen können und selbst krankwerden."
Vincent ist es mit FeedNHS gelungen, sowohl Kollegen als auch Lieferanten zu mobilisieren. Zahlreiche Ketten wie Wasabi, Tortilla, Peach Pubs, Rosa Thai, Hop, Pizza Pilgrims, Franco Manca, Farmer J, Tossed, Haché, Abokado und Nusa Kitchen haben sich angeschlossen und stellen sich in den Dienst der Initiative.
Zuletzt stellten sich mit Damian Lewis (Homeland) und Helen McCrory (Harry Potter) sowie Matt Lucas (Little Britain) auch drei britische Prominente hinter die Initiative von John Vincent. Sie unterstützen den Spendenaufruf, der sich das Ziel gesteckt hat, 1 Mio. Britische Pfund für die Versorgung des medizinischen Personals zu sammeln.




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