Trinkgeld

"Traurig, dass Mitarbeiter aufs Trinkgeld angewiesen sind"

Trinkgeld = Liebe? So einfach funktioniert die Formel in der Realität nicht.
IMAGO / Westend61
Trinkgeld = Liebe? So einfach funktioniert die Formel in der Realität nicht.

Die TV-Journalistin Anja Reschke hat mit einem Beitrag auf Twitter eine geräuschvolle Debatte um die angeblich unterentwickelte Trinkgeld-Kultur in Deutschland losgetreten. Was sagen Gastronomen dazu?

Klartext spricht Alexander Scharf, Chef der Gastro Urban GmbH mit Sitz in Goslar. Zur Gruppe gehören mehrere Gastro-Locations, ein Hotel, Apartments und ein Coaching-Unternehmen. "Grundsätzlich sollten wir fairere Löhne bezahlen", findet Scharf. "Der Deal 'Geld gegen Arbeit' findet schließlich zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer statt. Nicht haltbare Erwartungen hinsichtlich Trinkgeld als Quasi-Lohnersatz Dritter gehören nicht zu diesem Deal. Es entsteht dann Enttäuschung, wenn zum Beispiel viele Gäste aus Nordeuropa Umsatz machen, für die Trinkgeld untypisch ist."

Scharf weiter: "Durch das Trinkgeld wird allerdings auch die Wertschätzung des Gastes für die Leistung des Teams ausgedrückt. Und von dieser Wertschätzung kann es bekanntlich ja nicht genug geben, da ja auch die manchmal fehlende Wertschätzung durch unsere Gäste und die Gesellschaft für Abwanderung von Mitarbeitenden sorgt."

Ganz ähnlich sieht es Theo Jost, Patron und Seniorchef des Hotel-Restaurants Ochsen-Post in Tiefenbronn bei Pforzheim. "Immer noch traurig genug, dass Mitarbeiter in der Gastronomie aufs Trinkgeld angewiesen sind, um ordentlich leben zu können, hier hat immer noch kein Umdenken auf entsprechende Lohnanpassung stattgefunden", sagt der mit einem Bib Gourmand ausgezeichnete Küchenchef. "Das Trinkgeld soll Belohnung sein für besonders zuvorkommende Bewirtung und nicht Teil des Verdienstes."
„Immer noch traurig genug, dass Mitarbeiter in der Gastronomie aufs Trinkgeld angewiesen sind, um ordentlich leben zu können.“
Theo Jost

Theo Jost findet, dass das Beispiel Nordamerika in die Irre führt. "Dort sind die Löhne niedrig, daher wird das entsprechende Trinkgeld von 10 bis 15 Prozent fest erwartet als Teil des Lohns." Der Ochsen-Post-Chef fügt an: "Wir können nicht bestätigen, dass die Trinkgelder weniger geworden sind. Im Gegenteil, die Menschen sind glücklich, wieder gut essen gehen zu können und honorieren das entsprechend."

Einen pragmatischen Ansatz befürwortet Zeèv Rosenberg, Head of Business Development der Amano Group, Berlin. "Ein Fixum von 10 Prozent der Rechnung, das wäre eine super Lösung." Beispiele für ein derartiges oder vergleichbares Procedere gebe es im Ausland genügend, etwa in Israel und in Großbritannien. "In London stehen überall 10 Prozent drauf", so Rosenberg.

Unabhängig davon findet der Manager und langjährige Hoteldirektor: "Geiz gibt es natürlich immer, aber 90 Prozent der Gäste geben im Schnitt 10 Prozent", so seine Einschätzung.

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