Reaktionen auf Lockdown

"Man dreht der Branche den Saft ab"

Umsatzausfall programmiert - der November wird zur erneuten großen Herausforderung für die Branche.
imago images / teutopress
Umsatzausfall programmiert - der November wird zur erneuten großen Herausforderung für die Branche.

Der neue Lockdown der Gastronomie im November löst frustrierte Reaktionen in der Branche aus. Bundesweit stünden Existenzen auf dem Spiel. Die Maßnahmen seien "nicht nachvollziehbar" und "unverhältnismäßig", lautet der Tenor. Finanzhilfen müssten schnell kommen.

"Bleibt es bei nassen Füßen oder ist der Untergang vorprogrammiert?" Diese bange Frage stellt sich etwa die Food & Beverage Management Association FBMA. Ihr Präsident Oliver Fudickar argumentiert: "Wie kaum eine andere Branche haben die Kollegen und Kolleginnen mit all ihrer Kraft reagiert und ihre Betriebe in Rekordzeit auf Corona Kurs gebracht. Mehr noch: Viele haben in der Krise investiert und somit die Voraussetzungen geschaffen, dass man sich sicher fühlen darf. Und doch dreht man der gesamten Branche sukzessive den Saft ab."
Für diesen Einsatz zeigt die Bundeskanzerlin in ihrer Regierungserkläurng Anerkennung: "Ich verstehe die Frustration, ja die Verzweiflung gerade in diesen Bereichen sehr." Die vielen erarbeiteten Hygienekonzepte seien nicht sinnlos, sie würden später auch wieder gebraucht. Aber in der gegenwärtigen Infektionslage "können diese Hygienekonzepte ihre Kraft nicht mehr entfalten". Vorschläge von Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) zur Unterstützung betroffener Betriebe sind für die nächsten Tage angekündigt.

Konkrete, schnelle Finanzhilfen gefordert

Dennoch sind die betroffenen Unternehmer fassungslos. "Unsere schlimmsten Befürchtungen haben sich leider bestätigt. Bei den Beschlüssen zur Schließung von Restaurants kann von zielführend, verhältnismäßig oder nachvollziehbar absolut keine Rede sein", äußert sich die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Systemgastronomie (BDS) Andrea Belegante und fordert: "Nun muss die Politik endlich wirksame und langfristige finanzielle Hilfe leisten und die allgemeine Mehrwertsteuerreduzierung über den 31.12.2020 sowie gleichzeitig die Mehrwertsteuerreduzierung inklusive Getränke für die Gastronomie über den 30. Juni 2021 hinaus verlängern."

Der Dehoga Nordrhein-Westfalen verweist auf die immer noch katastrophale wirtschaftliche Situation in vielen Restaurants, Kneipen, Hotels, Clubs- und Diskotheken, anderen Gaststätten und bei Caterern aufgrund der Corona-Pandemie und begrüßt den von der Politik beschlossenen finanziellen Ausgleich für die betroffenen Betriebe, für den sich der Verband im Vorfeld stark gemacht hatte. "Das ist das Mindeste, was die Politik machen kann. Jetzt müssen die Hilfen schnell, voll umfänglich und unbürokratisch bereit gestellt werden. Im Übrigen müssen auch Beherbergungsbetriebe Berücksichtigung finden, die nur mittelbar von Schließungen betroffen sind," sagt Bernd Niemeier, Präsident des Dehoga Landesverbands.

Man übertreffe sich in hygienischen Vorkehrungen und achte an erster Stelle auf die Rückverfolgbarkeit der Gäste, betont Niemeier und kritisiert: "Im privaten Bereich hätte man früher beginnen müssen einzudämmen." Die strengen Auflagen für die öffentliche Gastronomie hätten letztlich zu Ausweichbewegungen in das unkontrollierte private Umfeld geführt. "Wir können im Gastgewerbe nicht mehr tun, aber die Politik kann dafür Sorge tragen, dass nach der Öffnung das Infektionsgeschehen, vor allen Dingen im privaten Bereich, nicht wieder so rasant zunimmt und wir wieder die Leidtragenden sein werden", betont Niemeier abschließend.

Offener Brief des Dehoga Bayern

In einem offenen Brief zitiert der Bayerische Dehoga-Landesverband dazu RKI-Präsident Wieler, der geäußert habe, dass es einen Zusammenhang zwischen den Ansteckungen und privaten Feiern und Zusammenkünften mit Freunden gebe. "Um die Pandemie zu bekämpfen", schreibt der Dehoga Bayern, "muss entschlossen und konsequent gehandelt werden. Aber man muss dies mit den richtigen Maßnahmen machen. Die Ergebnisse der heutigen Bund-Länder-Konferenz bezüglich eines Lockdowns 'light' entbehren nunmehr jeglicher Grundlage. Die angedachten Maßnahmen sind willkürlich, nicht nachvollziehbar und vollkommen unverhältnismäßig." Angela Inselkammer und Dr. Thomas Geppert, Präsidentin und Landesgeschäftsführer des Dehoga Bayern, wünschen sich als Unterzeichner des offenen Briefs: "Statt ständigen Alarmismus braucht es Zuversicht und Hoffnung. Wir dürfen nicht leichtsinnig sein, müssen aber anfangen, mit Umsicht und Vorsicht mit dem Virus leben zu lernen. Dazu gehört auch, den sicheren Betrieb mit funktionierenden Hygienekonzepten aufrechtzuerhalten."

Gesellschaftlich relevant

Der Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, Guido Zeitler rückt zudem die prekäre Lage der Beschäftigten in den Fokus: "Es droht der Verlust von weiteren Zehntausenden Arbeitsplätzen in der Branche", betont er. Für die vielen Menschen, die seit März in Kurzarbeit sind, hätten die Beschlüsse dramatische Auswirkungen und weist ebenfalls darauf hin, dass die Infektionsrisiken im Privaten hoch seien.


Ohne Tourismus und Gastronomie, die sich womöglich vielfach nach einer Pleitewelle nicht wieder erholen könnten, drohe Deutschland zum gesellschaftlich armen Land zu werden, argumentiert Michael Rabe, Generalsekretär des Bundesverbandes der Deutschen Tourismuswirtschaft. Er fordert deshalb "mehr als prozentuale Fixkostenzuschüsse. Umfassende und sofortige Entschädigungen sind dann das Gebot der Stunde."

Auch der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner sieht im Interview mit foodservice die Maßnahmen zum Lockdown kritisch.

Bereits am Tag zuvor hatten sich Deutschlands führende Individual- und Systemgastronomen mit einem Brandbrief an die Ministerpräsidenten und die Bundeskanzlerin gewandt. 

Die unterzeichnenden Gastronomen, unter anderem die CEOs der Block Gruppe und von L'Osteria, Stephan von Bülow und Mirko Silz, aber auch bekannte Individualgastronomen wie Tim Mälzer, stehen für eine von dem Branchenmagazin foodservice angestoßene Initiative großer Unternehmen  einer Branche mit mehr als 2 Millionen leidenschaftlichen Mitarbeitern und über 80 Mrd. Euro Umsatz pro Jahr. Ihre Bitte an die Politik lautete: "Geben Sie uns die Chance, unseren Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie zu leisten. Lassen Sie die Gastronomie mit ihren Hygienekonzepten und sicheren Räumen für die Bevölkerung offen". Es darf keine weiteren Beschränkungen der Öffnungszeiten bis hin zur kompletten Schließung geben – das würde die Branche nicht überleben.

Leider wurde der Appell der Gastronomen nicht gehört.


Sie möchten Aktuelles zum Thema "Coronavirus und die Gastro-Branche" lesen? Mehr fachlichen Input finden Sie in unserem "Coronavirus und die Gastro-Branche"-Dossier.
stats